12 Mai 2012



Boston gegen Philadelphia also im Conference Halbfinale. Einer dieser Throwback Playoff-Klassiker aus den 60ern und 80ern, als sich die Celtics und 76ers noch routinemässig um die Krone in der Eastern Conference duellierten (EC-Finals 1960, '62, '65, '66, '68, '80, '81, '82 und '85). Nachdem sich heuer beide Mannschaften fast vier Monate lang um den Titel in ihrer Division zankten, soll eine Best-of-Seven Serie nun endgültig über die Vormachtstellung am Atlantik entscheiden. Basketballpuristen und Nostalgiker werden in dieser Neuauflage sicherlich auf ihre Kosten kommen, Liebhaber der seichten Kost eher nicht. Keine Offensivfeuerwerke, keine spektakulären Highlight-Shows oder kurzweilige High Scoring Affären erwarten uns hier. Es wird eher scheusslich und zermürbend, wie ein dreitägiger Infight mit Kevin Garnett und ohne Augenzeugen. Das passiert eben, wenn zwei der drei besten Defensivteams (Boston 2., Philly 3.) auf unterdurchschnittliche Offensiven (Philly 17., Boston 24.) ohne hochvolumige Scorer treffen. Philadelphia konnte zwar zwei der drei direkten Duelle in der regulären Saison für sich entscheiden - was angesichts des Spielplans (Boston jeweils auswärts nach langem Trip und am hinteren Ende eines back to backs) aber wenig aussagekräftig ist. Wer ist bereit für die Häckselmaschine?


Stärken/Schwächen

Boston entledigte sich in der ersten Runde der beherzten Atlanta Hawks und stellte auch da seine Visitenkarte für alle verbliebenen Gegner offen erkennbar zur Schau: De-Fense! Was unter der Ägide von Kevin Garnett schon lange perfekt funktionierte, avancierte gegen Atlanta zum absoluten Bollwerk: Grün kassierte nur 82.2 Gegenpunkte pro Abend und stellte mit unüberwindbaren 89.5 die beste defensive Effizienz aller 16 Playoff-Teilnehmer. Alles steht und fällt mit Garnett, der auch mit seinen fast 36 Lenzen immer noch zu den besten Verteidigern der Liga zählt. Gegen die Hawks war Boston plus-74 mit KG auf dem Parkett und minus-46 mit ihm auf der Bank. Ein weiterer Vorteil der Kobolde: das explosiv-impulsive Aufbauspiel ihres All-Star Point Guard Rajon Rondo. Der 26-Jährige kontrolliert Tempo und Fluss seiner Offensive wie kaum ein anderer und war gegen Atlanta mit 11.8 Assists und 16.8 Punkten pro Abend einer der Schlüsselspieler. Auf sein Scoring und das von Garnett wird Boston in dieser Serie besonders angewiesen sein, trotz Paul Pierce und Ray Allen. Beide Altstars haben mit Verletzungen zu kämpfen, und obwohl beide auflaufen werden, sind sie nicht in Bestform. Pierce (21.2 PPG) wird von einer Sehnenverletzung im Knie geplagt und von Sixers-Defensivass Andre Iguodala ohnehin oft gut neutralisiert (durchschnittlich minus-8.3 in diesem Jahr, wenn Iguodala auf dem Platz steht). Allen hat nach wie vor grosse Probleme mit seinen Sprunggelenken und seinem Wurfrhythmus (nur 11.8 PPG bei uncharakteristischen 28% von draussen und 57% von der Linie). Auch Avery Bradley leidet an den Folgen einer Schulterverletzung, so dass Coach Doc Rivers angesichts seiner unterirdischen Ersatzbank mehr denn je auf Garnett und Rondo als Scoringoptionen angewiesen sein wird. Boston erzielte in Runde eins nur ein einziges Mal mehr als 90 Punkte.

Philadelphia hingegen ist gesund und reitet ein emotionales Hoch nach dem kaum eingeplanten Erstrundenerfolg gegen hoch favorisierte Chicago Bulls. Nach dem Ausfall von Derrick Rose und Joakim Noah ergriffen die jungen Sixers ihre historische Chance und besiegten als erst fünftes Team überhaupt einen erstplatzierten Playoff-Gegner. Auch hier war der präferierte Modus Operandi: Defense. Das Team von Doug Collins nutzte die taschenmesserähnlichen Skills von Perimeter-Stopper Andre Iguodala sowie eine gute Team-Verteidigung und gestattete Chicago nur 78 PPG in den letzten vier Partien (84 PPG insgesamt). Iguodala wird es auch sein, der den besten Celtics-Scorer Paul Pierce neutralisieren muss - eine Aufgabe, die ihm meist recht gut gelingt. Jrue Holiday stieg gegen die Bulls zum besten Scorer im Team auf (18.2 PPG) und fing so den statistischen Abfall von Lou Williams (nur 37% FG) ab. Holiday und Williams werden aber mit Rondo alle Hände voll zu tun haben, sowohl im Transition-Spiel als auch im Halbfeld, wo sie dem besten Passgeber der Liga nonstop auf den Füssen stehen müssen, um seine Sicht und zielgenauen Pässe einzuschränken. Wer punktet also für Philly? Diese Frage bleibt meist offen im Raum stehen, denn obwohl Rot-Weiss-Blau über solide Optionen verfügt (Iggy, Holiday, Lou, Brand, Hawes, Young), fehlt all diesen Spielern die Konstanz und somit die Sicherheit, wenn es eng wird. Nur wenn es die 76ers schaffen, ihre klare Reboundüberlegenheit gegen Boston zu leichten Fastbreak-Punkten zu nutzen, werden sie in der Lage sein, konstant zu scoren und die Serie zu gewinnen. Allerdings zählt die Transition-D der C's zu den vier besten ligaweit.


Matchup-Vorteile

PG: Celtics
SG: -
SF: -
PF: 76ers
C: Celtics
Bank: 76ers
Coach: Celtics


Prognose

Kann es sein, dass die 76ers schon "satt" sind nach dem grössten Cluberfolg seit 2003? Rivers und sein Team glauben nicht daran. Für die alternden Celtics, die in der Big Three Ära immer die zweite Runde erreichten und zweimal im Endspiel standen, wäre es fatal, die jungen Wilden nur als Durchgangsstation ins Conference Finale zu erachten. Zumal die eigene Personalsituation (Pierce/Allen/Bradley angeschlagen, Ersatzbank dünn) nicht gerade ideal ist. Ungeachtet dessen müssen diese Celtics - vielleicht zum allerletzten Mal - als Favorit in einer Serie angesehen werden. Sie haben den besten Offensivspieler (Pierce), Spielmacher (Rondo) und Verteidiger (Garnett) in ihren Reihen, verfügen über mehr Erfahrung und den nötigen Hunger, wissen also, worauf es an dieser Stelle in den Playoffs ankommt. Wenn Pierce's Knie den Belastungen ebenso standhält wie Rondo's Kopf und die Defensive ähnlich spielbestimmend agiert wie gegen Atlanta, wird der langsame, methodische Halbfeld-Stil dieser zermürbenden Serie und der oft so unterschätzte Heimvorteil den Celtics letzten Endes zum Sieg verhelfen.

nbachef meint: Celtics in 7