13 Mai 2012



In wenigen Augenblicken steigt das siebte Spiel zwischen Memphis und Los Angeles. Grizzlies gegen Clippers, ein Spiel, 48 Minuten, die alles entscheiden. Beide Mannschaften zeigten bisher starken Basketball, agierten nahezu auf Augenhöhe und entwickelten ein gesundes Maß an Hass und Verachtung füreinander - wichtige Ingredienzen für eine spannende, hart umkämpfte, einnehmende Playoff-Serie. Die Parallelen sind zahlreich, angefangen bei irren Comeback-Siegen auf fremdem Parkett (LAC in Spiel eins, Memphis in Spiel sechs), dem Foulen bei jeder Gelegenheit oder dem Alternieren zwischen guten und vergesslichen Leistungen. Wie nahe die jeweiligen Niveaus beieinander sind, offenbart die bisherige Punkte-Ausbeute: 568-553, Memphis.

Die Clippers hatten bereits zweimal die Chance, den Sack zu zu machen und die Serie zu beenden, scheiterten aber jeweils knapp und müssen nun in die Höhle des Löwen, das rau-lärmende FedEx Forum in Downtown Memphis, Tennessee. Besonders bitter dürfte der entscheidende 17-4 Lauf der Grizzlies nachwirken, den die Gäste vor zwei Tagen im Staples Center auf's Parkett legten, bevor sie den Comeback-Sieg zum 3-3 einsackten. Wer solche Gelegenheiten auslässt, den bestraft das harte Playoff-Leben. So faszinierend das zwischenzeitliche Clippers-Hoch also auch war, so spektakulär die Highlights und so transzendent der Einfluss von Chris Paul auf die Shiet-Franchise der NBA schlechthin, die Saison 2011/12 endet hier und heute für "das andere" LA-Team. Die Gründe:

Memphis' neu gefundene Inside-Präsenz: Marc Gasol und Zach Randolph haben in den letzten beiden Partien ihre Dominanz wieder entdeckt und bestraften die Clippers innen immer und immer wieder. Die Bären erlangten die Kontrolle über die Serie wieder zurück und gewannen so zwei Spiele in Folge. Das Big Men Tandem erzielte 42 Punkte und 17 Rebounds in Spiel fünf, 41 Punkte und 25 Rebounds in Spiel sechs. Das unaufhaltsame Plattwalzen in der Zone hatte nicht nur direktes Scoring und Rebounding am Brett zur Folge. Dank ihrer präferierten Inside-Oustide Taktik profitierten auch die Perimeter-Spieler der Grizzlies vermehrt vom "Ball nach innen, dann wieder nach aussen" System. Rudy Gay und Mike Conley wirkten weitaus entspannter und wählten ihre Angriffssequenzen entschlossener und effizienter aus.

Verletzungen: Chris Paul (Hüfte) und Blake Griffin (Knie) erlitten in Spiel fünf jeweils schmerzhafte und folgenschwere Wehwehchen, die über den Ausgang der Serie mit entscheiden könnten. Griffin wirkte ganz offensichtlich langsamer und weniger explosiv, was bei seinem limitierten Faceup-Arsenal verheerend war. Er muss in die Zone vorstossen, muss zum Brett, um seine hochprozentigen Korbleger, Dunks und Up-and-Unders anzubringen. Das konnte er zuletzt nicht so gut. Auch Paul hat eindeutig an Dominanz eingebüsst. Die spielerische Leichtigkeit, mit der er das Halbfeld-Spiel der Clippers und den Pick & Roll kontrollierte, ist ihm abhanden gekommen, seitdem er seinen Antritt verloren hat. Hüftverletzungen sind kompliziert, und wenn CP3 den Turbo nicht wieder findet, mit dem er routinemässig das Doppeln und Fallenstellen der Grizzlies konterkarierte, verkommt die Offensive der Rot-Weissen zum Standstreifen.

Erfahrung: Memphis war schon in dieser Situation, gewann letztes Jahr seine Erstrundenserie gegen San Antonio und forcierte ein Spiel sieben gegen Oklahoma City. Das verlor man dann, aber der Kader ist unverändert und weiss, worauf es beim Postseason-Basketball ankommt. Die Clippers verfügen zwar über Veteranen, die schon einmal "da waren", die Anforderungen der Playoffs verstehen, dem Druck einer entscheidenden Partie standhalten können (Paul, Martin, Williams, Butler). Für viele junge Rotationsspieler (Griffin, Jordan, Foye, Young, Bledsoe) dürfte der Korb aber kleiner und kleiner werden, je länger das Spiel andauert.

Heimvorteil: dafür quält man sich durch die reguläre Saison, um in einem alles entscheidenden Duell das Quentchen extra Leistungsvermögen und Unterstützung auf seiner Seite zu haben. Und wer denkt, dass 18119 lärmende Fans im "Grindhouse" von Memphis nicht auf ihren Sitzen stehen werden, der täuscht sich gewaltig. Die Grizzlies haben 28 von 36 Partien in eigener Halle gewonnen, davon drei von vier gegen die Clippers. Die einzige Niederlage war jenes denkwürdige 27-Punkte Comeback Feuerwerk in Spiel eins. Das wird Memphis sicherlich nicht noch einmal passieren.