13 Mai 2012




Auch wenn Kobe Bryant nach der hart umkämpften, entscheidenden siebten Partie den gegnerischen Denver Nuggets höchsten Respekt zollte ("extrem beeindruckend, enorm viel Herz"), so hinterliess das 96-87 gestern bei George Karl und seinem jungen Team dennoch einen faden Beigeschmack. Man war der Sensation so nahe, hatte die Lakers an den Rand einer Niederlage gespielt und war nur wenige Minuten von einer Sensation entfernt. So auszuscheiden, tut immer weh. Wenn der Schmerz über das Ausscheiden in den nächsten Tagen aber nachlässt, können die Klumpen stolz auf das Erreichte sein. Die Lakers sind zwar das bessere Team, aber man hat ihnen alles abgerungen.

Denver hatte die ersten Partien der Serie komplett verschlafen, sich überrumpeln lassen, schlug dann aber um so gewaltiger zurück. Karl's Team stopfte die Lakers ab Spiel drei in den Nuggets-Schleudergang und gewann drei der nächsten vier. Auch gestern hielt der Gast über 40 Minuten exzellent mit, sicherte die Bretter (54-50), limitierte Kobe Bryant durch harte Double Teams (nur 17 Punkte) und glich acht Minuten vor Schluss sogar zum 75-75 aus. Ty Lawson erzielte insgesamt 24 Punkte und nutzte sein klares Mismatch gegen die Lakers-Guards zu unerbittlichen Vorstössen in die Zone.

Dann drehte die Heimmannschaft auf. Pau Gasol, der sich schon längst für eine miserable sechste Partie rehabiliert hatte (insgesamt 23 Punkte, 17 Rebounds, 6 Assists, 4 Blocks für Pau), putzte das Glas wie Viss Spezial und griff jeden wichtigen Offensivrebound in Reichweite, in einer Sequenz sogar sechs im selben Angriff. Andrew Bynum (16/18 mit 6 Blocks) dominierte wieder als Zonenpräsenz und forderte jeden Wurf am Ring heraus. Steve Blake machte die beste Playoff-Partie seiner Karriere, nicht nur vorne (19 Punkte, 5-6 Dreier), sondern auch in der Defensive, wo er seine frühere Garstigkeit entfesselte. Bryant umging jedes Double Team und suchte konsequent den freien Mann - abgeklärt und ohne das Geschehen wie so häufig zu forcieren - und vertraute seinen Mitspielern, während er am anderen Ende im Q4 Lawson (null Punkte) checkte und so Denver's Angriffsspiel zum Erliegen brachte. Los Angeles gestattete nur drei Feldkörbe in den letzten sieben Minuten und beendete die Partie mit einem 21-12 Lauf.

Und dann war da ja noch Metta World Peace. Der schuldete seinem Team noch einen Riesengefallen, und ich war mir schon im Vorfeld sicher, dass er sein 1A-Spiel bringen und LA zum Sieg verhelfen würde. Genauso kam es dann auch. 15 Punkte, vier gigantische Dreier in entscheidenden Momenten, dazu 4 Steals, 2 Blocks und ein eiserner Vorhang gegen Nuggets-Scorer Danilo Gallinari und Spielmacher Andre Miller. Der Italiener traf nur einen Wurf aus dem Feld bei neun Versuchen und beendete die Partie mit mehr Ballverlusten (4) als Punkten (3). Miller wurde ständig unter Druck gesetzt, leistete sich uncharakteristische fünf Turnover und war im Schlussviertel nie in der Lage, das Nuggets-Spiel zu ordnen. Metta Artest war überall: Nummer 15 hielt Gallinari vom Korb fern, machte die Weakside durch schnelles Rotieren zu, schmiss sich in die Zuschauerränge und entfachte immer wieder einen Sturm der Begeisterung im Staples Center.

Und so entkam Los Angeles nach 6,75 Zitterpartien gegen einen schnelleren, aber kleineren Gegner mit dem Erstrundensieg und machte das eingeplante Semifinal-Date mit den Thunder klar. Die schiere Grösse von Bynum/Gasol, die endlich wieder Normalform erreichten und die Ruppigkeit, die World Peace zurück auf den Platz brachte, waren auswärts doch zuviel für Denver. LA geht jetzt müde und erschöpft ins Halbfinale gegen Oklahoma City, aber mit der Gewissheit, dass man neben einem Kobe in Bestform durchaus noch weitere Optionen im Kader hat, die in wichtigen Situationen Verantwortung übernehmen können. Eine wichtige Erkenntnis, möglicherweise. Und die Nuggets? Die haben sich ganz teuer verkauft, grosses Herz bewiesen und blicken dank eines jungen, hungrigen Kaders und einem der besten Coaches aller Zeiten einer goldenen Zukunft entgegen. Bis zum nächsten Jahr!