14 Mai 2012




Tja, da hätte ich mal lieber auf meine Freundin hören sollen. Die war sich nämlich sicher, dass die Clippers Spiel sieben in Memphis gewinnen würden. Schon vor zwei Wochen. Und dann nochmal am Freitag, als sich Los Angeles im heimischen Staples Center einen 17-4 Lauf im letzten Viertel einfing und sich von den Grizzlies den schon sicher geglaubten Sieg noch nehmen liess, sagte sie seelenruhig: "Dann machen sie's halt am Sonntag klar."

"Ja, ja", dachte ich mir. "Von wegen". Immerhin wechselte die Serie zurück nach Memphis, ins 'Grindhouse' FedEx Forum, wo Memphis in dieser Saison 28 von 36 Partien gewonnen hatte und den Sack mit einer ähnlich robusten Vorstellung wie in den Spielen fünf und sechs zuschnüren konnte. Das Rematch mit den Spurs in der nächsten Runde, es war schon gescriptet. Chris Paul und Blake Griffin waren angeschlagen, die Grizzlies surften auf einer Welle der Euphorie, das Heimteam holt in 80% aller Fälle den Sieg. Einzig logische Schlussfolgerung: Memphis in 7, wie vorhergesagt. Und so liess ich mich von der Vernunft lenken und den zugrundeliegenden Fakten und zählte abermals Gründe für einen bevorstehenden Grizzlies-Sieg auf. Ich wusste, tief im Inneren, dass es nie eine gute Idee ist, gegen Chris Paul zu wetten. Aber die Müßigkeit der letzten 20 Jahre mit den LA Clippers, sie hatte ihre Spuren hinterlassen.

Was dann passierte, sprengte die Grenzen des NBA-Vorstellungsvermögens. Die Gäste tanzten in Memphis an, ohne Strategie, ohne defensive Systeme, nur mit Gelegenheitsspielzügen und Vinny del Negro als Coach ausgestattet, und schockten die Basketballwelt mit einem nie für möglich gehaltenen 82-72 Auswärtssieg. LAC steht im Conference Halbfinale. Die Hölle ist gestern zugefroren. Das Multiversum implodiert. Los Angeles gewann als 22. von 109 Mannschaften und als erst sechste überhaupt nach verspielter 3-1 Führung ein Spiel sieben auf fremdem Parkett. Für die Clippers war es das erste Erfolgserlebnis aller Zeiten in einem entscheidenden siebten Spiel und erst der zweite Serienerfolg, seitdem die Franchise Ende der Siebziger Jahre nach Kalifornien umsiedelte. Seit der Ankunft von Chris Paul schreibt dieses Team Monat für Monat die Geschichtsbücher neu.

Paul war auch gestern wieder der Regisseur des Erfolgs, erzielte 17 seiner 19 Punkte in den ersten drei Spielabschnitten und griff sich 9 Rebounds. Aber es waren diesmal die Rollenspieler, die Rot in der Endphase nach Hause brachten und in die nächste Runde hievten. Paul und Griffin blieben im letzten Viertel ohne einen einzigen Korberfolg. Vor den Playoffs galten die Defensive, die Ersatzbank und die eklatante Freiwurfquote als grösste Schwächen im Team. Ausgerechnet diese drei Faktoren waren gestern instrumental. Die sogenannte 'Goon Squad', der "Schlägertrupp" um Kenyon Martin, Reggie Evans, Eric Bledsoe, Nick Young und Mo Williams, spielte sich Anfang des letzten Viertels in einen Rausch und verwandelte einen 1-Punkt Rückstand in eine 8-Punkte Führung. Die Ersatzgarde erzielte insgesamt 41 Punkte, 30 mehr als die Grizzlies Reserve, und kaufte den Gastgebern mit bedingungslosem Einsatz, harter Defensive und nonstop Plackerei den Schneid ab. Evans ackerte wie ein Büffel und griff sich 9 Rebounds in 19 Minuten. Young und Williams trafen ihre Würfe und 3 Dreier für insgesamt 22 Punkte. Martin verteidigte wie ein Besessener und vergass dabei, dass nicht mehr 2002 ist (11 Punkte, 10 Rebounds, 2 Blocks). Und Bledsoe kontrollierte den Spielfluss (8 Punkte, 3 Assists), während er hinten mit seiner D den Grizzlies-Guards das Leben schwer machte. Überhaupt, die D: Los Angeles gestattete nur 72 Punkte, der zweitniedrigste Playoff-Wert in fremder Halle seit Einführung der Shotclock-Ära. Memphis traf mickrige 32% aus dem Feld und keinen einzigen Dreier im Spiel. Zach Randolph, Mike Conley und OJ Mayo verfehlten zusammen 30 ihrer 36 Wurfversuche. Es waren die Clippers, die smart von innen nach aussen spielten, den Ball laufen liessen, ihre Freiwürfe trafen (78%), perfekt getimte Dreier klatschten und härter, bissiger, abgeklärter spielten.

Und so war sie dann am Ende perfekt, die Sensation der ersten Playoff-Runde 2012. Nicht Philadelphia (gegen die Bulls), nicht Oklahoma City (gegen den Meister) hatten für die grosse Überraschung gesorgt. Es waren die Los Angeles Clippers um GM-Mastermind Neil Olshey und Point Guard Genie Chris Paul, die sich über alle Prognosen, über alle Vernunft und über 50 Jahre Franchise-Elend hinweg gesetzt und in fremder Halle triumphiert hatten. Ein Erfolg, den ich nie für möglich gehalten hatte. Und die Experten nicht. Und ihr sicherlich auch nicht.