13 Mai 2012




Erinnert sich noch jemand an das letzte Spiel sieben, das die Los Angeles Lakers bestreiten mussten? Weiss noch jemand, wer damals, im Finale 2010, der beste Akteur auf dem Platz war, als LA Boston in eigener Halle besiegte und die Championship gewann? Genau: Ron Artest.

Das Rauhbein mit den spitzen Ellbogen kehrt nach dreiwöchiger Abstinenz, die ihm die Liga nach seiner hässlichen Tätlichkeit im vorletzten Saisonspiel gegen James Harden aufbrummte, heute in die Lineup zurück und soll für die Lakers in einem nie für möglich gehaltenen Spiel sieben gegen Denver die Kohlen aus dem Feuer holen. Und so seltsam das auch klingen mag: World Peace ist genau die Dosis Chaos und Anarchie, die LA dringend braucht, um seine Erstrundenserie gegen einen Gegner ohne einen einzigen All-Star zu überstehen.

Die Gründe für den Negativtrend der Angelinos, die gegen Denver zwei Partien in Folge und drei ihrer letzten vier verloren haben, sind vielschichtig. Von der Defensiv- und Bankschwäche über mangelnde Unterstützung für Kobe Bryant bis hin zu Egoismus und schlechtem Coaching ist alles mit dabei. Das Hauptmotiv für den katastrophalen Einbruch zuletzt ist aber schnell gefunden: die Einstellung. Der mentale Fokus beim Serienchamp fluktuiert ja ohnehin stets gewaltig, was mich in meiner Vorschau auch dazu bewogen hatte, auf eine Serie über die volle Distanz zu spekulieren. Es war vorhersehbar, dass die Lakers - wie so oft - mindestens ein dominantes Spiel abliefern und dann voller Selbstverherrlichung wieder den Fuss vom Gaspedal nehmen, anstatt durchzutreten. Andrew Bynum ist nach seinem Triple Double wieder ins "Kind-Ich" verfallen (nur 11 Punkte in Spiel sechs, Zen-Blödsinn in den Auszeiten), während Pau Gasol von allen Geistern verlassen scheint (12 Punkte und 13 Rebounds in den letzten zwei Partien zusammen). Der einzige, der bei Lila-Gold auf einem konstant hohen Level spielt, ist Kobe Bryant (31.2 PPG, 4.5 APG). Der freut sich schon gewaltig auf Metta's Rückkehr.

"Ich bin mir sicher, er kommt mit der Hartnäckigkeit und Ruppigkeit zurück, die ihn so auszeichnet. Er ist der einzige in dieser Mannschaft, auf den ich mich jeden Abend verlassen kann, der einzige, der immer alles gibt und hart spielt und mit dieser Dringlichkeit und ohne Angst an die Sache ran geht. Ja, ich freue mich, dass ich das wieder an meiner Seite haben werde", sagte Bryant nach dem Abschlusstraining über seinen oft gescholtenen Teamkollegen.

World Peace wird den Lakers auf mehrere Arten helfen. Seine nonstop-Intensität wird nicht nur das heimische Staples Center elektrisieren, sondern auch seine moderateren und zwischenzeitlich eingeschlafenen Teamkollegen (Bynum/Gasol) revitalisieren. Seine harte Verteidigungsarbeit wird Danilo Gallinari neutralisieren - der durfte zuletzt immer häufiger in das Herz der Verteidigung ziehen und riss so riesige Lücken, die Denver für freie Dreier nutzte (zehn im letzten Spiel). Und - vielleicht am wichtigsten - er gibt den Lakers endlich wieder eine verlässliche Offensivoption auf dem Flügel. Devin Ebanks war als Starter eine einzige Katastrophe (5.5 PPG inklusive völliger Planlosigkeit), Matt Barnes trifft nichts mehr. Artest hingegen spielte vor seiner Sperre seinen besten Basketball seit Langem (14.1 PPG im April) und traf den freien Dreier zuletzt relativ sicher. Solange er einen oder zwei davon aus dem Eck oder vom Ellbogen löten kann, ist den Lakers schon sehr geholfen. Ein Steal hier, ein Assist da, ein Charge vielleicht...und schon nimmt das Spiel eine völlig andere Wendung. Die Celtics können davon ein Liedchen singen.

Es hört sich seltsam an, ich weiss. Und die Frage ist absolut berechtigt: wieso sollte ausgerechnet der grösste Chaotenkopf der Liga gegen die heisseren, motivierten und zuletzt besseren Denver Nuggets an George Karl's Geburtstag für Los Angeles die alte Ordnung wieder herstellen können? Er wird es natürlich nicht im Alleingang richten. Aber Heimteams gewinnen in der NBA in acht von zehn Fällen das entscheidende siebte Spiel. Die Lakers sind immer noch die grössere, talentiertere und bessere Mannschaft - und die kommt meistens weiter. Es reicht für Los Angeles also schon, wenn irgend ein Irrer die Begeisterungslunte wieder entfacht, mit der LA dieses überlange Scharmützel gegen hartnäckige und angstlose Denver Nuggets gewinnen kann. Der eine Irre: Metta World Peace.