16 Mai 2012


Spätestens jetzt sollten sich echte Heat-Fans ernste Sorgen machen. Die Indiana Pacers gewannen Spiel zwei in der American Airlines Arena von Miami mit 78-75 und haben sich in der Best of Seven Halbfinalserie damit den Heimvorteil erkämpft. David West erzielte 16 Punkte und 10 Rebounds. George Hill addierte 15 hinzu. Paul George dominierte mit starker Verteidigung gegen Wade/LBJ und 10 Punkten, 11 Rebounds und 3 Steals. Indiana machte es mit Defense und Rebounding (50-40 Vorteil) und legte einmal mehr eklatante Schwächen im Spiel der Heat frei, die alles andere als meisterlich agierten. "Defense und Rebounding, das hatten wir uns auf die Fahnenstange geschrieben, als dieses Team zusammen gestellt wurde", erklärte Pacers-Coach Frank Vogel die Heransgehensweise der Tempomacher. "Damit bin ich aufgewachsen, so sah Eastern Conference Basketball seinerzeit aus. Offense kommt und geht. Unsere Defense bleibt."

LeBron James (28 Punkte, 9 Rebounds, 5 Assists, 6 Steals) und Dwyane Wade (24) machten alles im Alleingang, wie so oft in Miami. Kein anderer Heat-Akteur erzielte mehr als 5 Punkte, insgesamt waren es nur 23 von den Nebendarstellern. Das Offensiv"spiel" war mal wieder keins. Handoff weit draussen, Dribbling, Dribbling, Zug zum Korb oder Wurf aus der Mitteldistanz. Und natürlich Freiwürfe. 23 an der Zahl für Wade und James. Dadurch erspielte sich Miami zunächst eine fünf Punkte Halbzeitführung, die AAA-Clientele widmete sich wieder selbstgefällig ihren Smartphones, die Spieler nahmen den Fuss vom Gaspedal.

So kam dann Indiana nach der Pause zurück in die Partie, angeführt von Danny Granger, der 11 Punkte im Spiel erzielte. Indiana traf 10 seiner 18 Wurfversuche im Q3 und dominierte den Abschnitt mit 28-14. Miami, merklich abgekühlt und nicht mehr halb so cool wie zuvor, traf gar nichts mehr und stellte eine beängstigende offensive Ineffizienz zur Schau (3-17 FG im Dritten). Das Ding ist: die Heat hatten später mehrere Chancen auf den Sieg. LeBron vergab vier Freiwürfe und zwei Sprungwürfe in den letzten 5:33 Minuten, darunter zwei FTs zur Führung in der letzten Spielminute. Wade verschoss vier Würfe aus dem Feld und einen Freiwurf in den letzten zwei Spielminuten, darunter einen freien Korbleger zum Ausgleich 16 Sekunden vor dem Ende. Mario Chalmers vergab einen freien Dreier wenige Sekunden vor Schluss - auch der hätte zum Ausgleich gereicht. Indiana war alles andere als dominant, schien den Sieg gar nicht wirklich mitnehmen zu wollen, vergab in den letzten 135 Sekunden zwei freie Dreier, einen Korbleger, einen Tip-In und vier Freiwürfe - und gewann trotzdem.

Viel wird heute wieder über James' Crunchtime-Schwäche palavert werden, über seine Passivität und darüber, wer den letzten Wurf bei Miami nehmen sollte/muss. Ob zurecht oder nicht, ist nicht wichtig. Viel offensichtlicher sind Miami's ernste Probleme ohne Chris Bosh. Kaum einer hätte es für möglich gehalten, aber der mit einer Bauchmuskelzerrung potentiell langzeitverletzte All-Star diente als Puffer zwischen den Superstars und dem Rest des Teams, den unterqualifizierten Rollenspielern, die nicht einmal einfachste Würfe zu treffen imstande sind (1-16 Dreier im Spiel, 3-12 in der Zone, untermauert von Joel Anthony Korbleger-Airballs). Solange Bosh Abend für Abend seine 18/8 ablieferte, fielen 0-Punkte Spiele von Mike Miller genauso wenig ins Gewicht wie 2-10 Wurfleistungen von Mario Chalmers. Der Frontcourt (Anthony, Turiaf, Haslem) kam zusammen auf mickrige 7 Zähler. Die Heat-Defense ist nach wie vor stark, aber mit 75 Punkten ist in den Playoffs nichts zu holen.

Den Pacers soll's recht sein. Die trafen zwar selbst nur 37% aus dem Feld, leisteten sich 17 Ballverluste und vergaben acht Freiwürfe, behielten aber die Nerven, verteidigten gut und taten vorne das Nötigste - ein West Korbleger hier, ein Collison Sprungwurf da, ein Barbosa Floater hinterher - um den Sieg einzuheimsen und den Druck auf die Heat zu erhöhen. Die Pacers sind kein Nobody, gewannen die fünfmeisten Spiele in der regulären Saison und sind nach Miami das bilanzbeste noch übrig gebliebene Team im Osten. Sie sind ruppig, laut, unangenehm und strotzen vor Selbstvertrauen: "Wir fühlen uns mindestens genauso stark wie diese ganzen Superstar-Teams", macht Roy Hibbert klar. Und George schiesst hinterher: "Wie sind kein durchschnittliches Basketball-Team, Mann. Wir sind ein Meisterschaftsanwärter."

Miami fühlt plötzlich die Hitze. Die Heat, die nach dem Ausfall von Derrick Rose von vielen schon ins NBA-Finale durchgestempelt wurden, müssen jetzt mindestens eine Partie in Indiana gewinnen, um überhaupt das Conference Halbfinale zu überstehen. Ohne Bosh, und mit den wohl schwächsten Nebendarstellern der Playoffs, leichter gesagt, als getan...