05 Mai 2012




Ryan Anderson wurde gestern als 'Most Improved Player' der National Basketball Association ausgezeichnet. Der 23-Jährige beendete die Saison 2011/12 mit neuen persönlichen Bestwerten in allen relevanten Kategorien und legte im Schnitt 16.1 Punkte, 7.7 Rebounds und 2.7 Dreier pro Partie auf. Er ist damit schon der fünfte Spieler der Magic-Teamhistorie, dem diese Ehre zuteil wird (Scott Skiles, Darrell Armstrong, Tracy McGrady, Hedo Turkoglu sind die anderen) und teilt nun eine weitere Gemeinsamkeit mit seinem verlorenen Zwillingsbruder, Kevin Love.

Der Scharfschütze in Diensten der Orlando Magic nutzte den Trade von Brandon Bass zu Saisonbeginn und spielte sich als neuer Starter auf der Vier schnell in die Gunst der Fans. Anderson startete 61 Partien und wurde zum zweitbesten Scorer und Rebounder im Team hinter Dwight Howard. Damit zahlte er das Vertrauen des Magic-Managements zurück, das ihn 2009 nach einem vielversprechenden Rookie-Jahr aus New Jersey geholt hatte, um Howard mit Schützen zu umsäumen. Andersons angepasstes PER stieg auf über 20, was vor allem an seiner Reboundstärke und Wurfsicherheit von jenseits der Dreierlinie liegt. Kein anderer NBA-Spieler ballerte häufiger von draussen (422 Versuche), keiner traf häufiger (166 Dreier). Insgesamt netzte Anderson in elf Partien 5 oder mehr Dreier ein. Der Scoring-Schnitt des 23-Jährigen stieg von 10.6 im letzten Jahr auf 16.1 pro Spiel, das Rebounding von 5.5 auf 7.7, und machte ihn mit einem Schlag zu einem der gefürchtetsten Stretch Vierer der Liga. Obwohl nicht der schnellste oder kräftigste, ist der gebürtige Kalifornier ein Paradebeispiel dafür, dass es grosse, gute Schützen mit einem schnellen Abzug und dem nötigen Kampfgeist heutzutage in der NBA weit bringen können.

Allerdings, und da sind wir schon bei der Krux mit dem MIP-Award: Anderson war mitnichten der am meisten verbesserte Spieler der Saison. 'Most Improved' trifft weniger zu als 'Best Improved Player'. Würde diese Auszeichnung an den besten Akteur vergeben, der einen signifikanten Statistik- oder Leistungssprung gemacht hat, Anderson wäre die logische Wahl. So aber muss man die fehlende Objektivität und mangelnde Transparenz der Wähler zumindest thematisieren, vielleicht mehr noch als bei der Wahl zum Defensive Player of the Year, deren Ausgang (Chandler vor Howard) immer noch grosse Auswirkungen auf den durchaus emotionalen Diskurs innerhalb der Community hat.

Wer Anderson's statistisches Wachstum in erster Linie als unmittelbares Produkt seiner massiv gestiegenen Spielzeit sieht, dem muss damit vollkommen Recht gegeben werden. Der Forward avancierte zum Starter und spielte fast zehn Minuten länger, als noch vor einem Jahr (32.2 versus 22.3 MPG). Dabei stiegen seine Effizienz und relative Punktausbeute nur marginal (plus 1.33 PER, plus 0.8 PPG auf 36 Minuten umgerechnet), seine Trefferquote aus der Distanz blieb gleich (39%), seine Rebounding-Werte (minus 0.4 auf 36 MPG) und TS% fielen sogar ab.

Diese Faktoren waren alle mit ein Grund, weshalb Anderson in meiner Award-Kolumne nur Rang vier belegte, hinter Nikola Pekovic, Jeremy Lin und Ersan Ilyasova. Lin hatte den gefühlt grössen Impact, als er sich aus dem Nichts und dem letzten Platz auf der Ersatzbank ins internationale Rampenlicht spielte und die Saison der Knicks wiederbelebte. Pekovic verdoppelte nicht nur seine Effizienz (von PER 11.2 auf 21.4), sondern drittelte auch noch seine Foulrate und akkumulierte so nahezu doppelt soviel Spielzeit wie noch vor einem Jahr, was ihn zu einem der effektivsten Center der Liga werden liess. Ilyasova, der in 60 von 66 Partien auflief, verbesserte seine Effizienz um 6.2 Punkte und addierte sogar 3.3 Punkte und 2.8 Rebounds zu seinen relativen PER36Min. Zahlen hinzu - angepasste Werte und so ein viel besseres Indiz für seine individuelle Verbesserung in diesem Jahr.

All diese Zahlen und Fakten wollen keinesfalls Anderson's Leistung in diesem Jahr schmälern. Er verdiente sich die zusätzlichen Minuten und produzierte, wurde im Magic-Angriff zur zweitbesten Option hinter Howard, und half dabei, Orlando trotz aller Turbulenzen in die Playoffs zu führen. Sie sollen nur einmal mehr verdeutlichen, dass die Terminologie und die Art, wie die Awards in der NBA heutzutage vergeben werden (Stichwort: Transparenz), nicht mehr zeitgemäss sind und einer dringenden Überarbeitung bedürfen.


Die Stimmen im Einzelnen (Gesamtpunktzahl der Wähler in Klammern)

Ryan Anderson, Orlando (260)
Ersan Ilyasova, Milwaukee (159)
Nikola Pekovic, Minnesota (104)
Greg Monroe, Detroit (96)
Andrew Bynum, Los Angeles Lakers (96)