11 Mai 2012




Normalerweise überschlägt sich die Presse nach historischen 1-8 Upsets ja am nächsten Tag. Auch Philadelphia brachte mit dem 79-78 Sieg in Spiel sechs das seltene Kunststück fertig, als an Nummer acht gesetztes Team die erstplatzierten Chicago Bulls aus den Playoffs zu bugsieren - erst als fünftes Team in der Historie der Basketball Association. Diesmal schwingt aber ein fader Beigeschmack mit. Viel eher, als man den Sixers zu einer geschichtsträchtigen Leistung gratulieren möchte, empfindet man Mitleid mit den Bulls, die von Verletzungen nicht härter und zu keinem schlechteren Zeitpunkt gebeutelt werden konnten.

Der Ausfall von Derrick Rose gegen Ende der ersten Partie war für das beste Team der regulären Saison schon verheerend genug. Zu allem Überfluss verletzte sich auch noch der zweitbeste Bulls-Akteur und beste Vertediger im Team, Joakim Noah, schwer und verpasste die letzten dreieinhalb Partien. Ohne ihre beiden Führungsspieler kam die Offensive der Stiere vollständig zum Erliegen. Man muss Chicago für seinen unermüdlichen Einsatz und aufopferungsvollen Kampf trotz dezimierter Lineup Respekt zollen. Für die Verteidigung und die Nonstop-Rebound-Arbeit sowieso. Am Ende fehlten aber vorne die Offensivoptionen. Das Team von Tom Thibodeau traf nur ganz selten, wenn es darauf ankam, und kam ohne Rose und Noah auf gerade einmal 77 Punkte pro Partie. So kann man in den Playoffs nicht gewinnen.

Gestern verweigerten Carlos Boozer (1-11 FG, nur 3 Punkte) und CJ Watson (2-11 FG, nur 6 Punkte) ihre Arbeit als Scoring-Optionen. Boozer bewies einmal mehr, dass man sich auf ihn in den Playoffs nicht verlassen kann und ging wieder vollkommen unter (nur 42% FG in dieser Serie, nach 41% gegen Miami und 44% gegen die Lakers in den Jahren zuvor). Watson schoss den grössten Stier und kostete die Bulls mit seiner dummen Entscheidung im letzten Angriff nicht nur das Spiel, sondern auch die Saison. Der Guard und 81% Freiwurfschütze passte den Ball bei eigener 78-77 Führung wenige Sekunden vor Schluss zu Omer Asik, anstatt sich selbst foulen zu lassen. Der Türke verfehlte beide Würfe von der Linie und öffnete Andre Iguodala so Tür und Tor zu dessen ruhmreichen Heldentat.

Iguodala verwandelte seelenruhig zwei Freiwürfe, zwei Sekunden vor Schluss, zum Sieg und endgültigen 4-2 Triumph. Das Wells Fargo Center stand Kopf, die 76ers hatten zum ersten Mal seit 2003 wieder eine Playoffserie gewonnen. Iguodala (20 Punkte) entpuppte sich einmal mehr als stiller, leiser Anführer seines Teams und dank seiner Vielseitigkeit an beiden Enden des Courts als Schlüsselspieler, auch im ansteheneden Halbfinale gegen die Boston Celtics. Philadelphia hat gezeigt, dass man mit einer tiefen Mannschaft, guter Defense und bedingungslosem Einsatz über 48 Minuten mindestens eine Playoff-Serie gewinnen kann. Chicago hingegen steht nach zwei enttäuschenden Saisons am Scheideweg: sitzt man die Offseason einfach aus, in dem Glauben, dass man mit einem gesunden Rose und Noah ohne Weiteres das Final Four erreicht hätte? Oder versucht man, mit ein paar geschickten Personalmanövern (Boozer Amnesty, Sign & Trades) die offensichtlichen Offensivprobleme im Sommer zu addressieren?