15 Mai 2012


Text: Onur Alagöz


Es ist nicht abzustreiten, dass die OKC Thunder nach ihrem 4-0 Aufwärmtraining gegen den amtierenden Champion Dallas Mavericks als Favorit in die Serie gegen die LA Lakers gingen, aber was heute Nacht im Süden der USA passiert ist, war ein funkensprühendes Statement vom Feinsten. Bei der 119-90 Demontage, die – ja, hört sich lachhaft an – eigentlich sogar höher hätte ausfallen müssen, stimmte einfach alles für die Mannschaft um Durant, Westbrook und Harden.

Die Defense war gut bis sehr gut, die Offense überragend und die Präsentation der mannschaftlichen Fähigkeiten mehr als beeindruckend. Wie einseitig dieses Duell war, zeigt die Tatsache, dass Durant (29) und Westbrook (27) jeweils zehn Minuten weniger auf dem Feld standen als im Durchschnitt während der Saison. Mehr brauchte es nicht, im dritten Viertel war alles längst entschieden.

Die Frage kommt auf, ob denn die Lakers so schlecht oder doch die Thunder so gut spielten. Nach der Vorstellung gestern kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Letztere einfach auf einem ganz anderen Level waren. Westbrook, Harden und Durant zogen, sichtlich unbeeinflusst von der langen Pause nach dem Sweep in Runde eins, unermüdlich in die Zone. Gemeinsam gingen sie für 24 Freebies an die Linie, von denen sie 22 verwandelten. Die Thunder-Defensive erzwang viele Turnover (insgesamt 15), die hochprozentig in einfache Punkte verwandelt wurden. Obwohl James Harden (17 Punkte) nur vier seiner elf Versuche aus dem Feld traf, war er wie so oft der Katalysator für die Offensive, stellte sein wahnwitziges Arsenal und Skillset zur Schau und spielte Katz und Maus mit der Verteidigung der Lakers. Egal, ob im Pick-and-Roll mit Serge Ibaka und Kendrick Perkins, isoliert auf dem Flügel oder durch seine aggressiven Züge zum Korb: wie bereits abzusehen ist der Edelreservist nicht erst seit diesem Spiel der X-Faktor im Team und wird essentiell für die kommenden Erfolge der Truppe sein.

Russell Westbrook präsentierte sein absolutes 'A-Game': 27 Punkte bei 66% aus dem Feld, perfekt von der Dreier- und Freiwurflinie, 7 Rebounds, 9 Assists, 2 Steals und nur ein Turnover – besser geht’s nicht. Ganz uncharakteristisch für den Hitzkopf: er behielt stets die Kontrolle und lief im Laufe des Spiels sogar aus der Mitteldistanz heiß. Wenn das passiert, sieht es schlimm aus für den Gegner, denn so muss die Defense auch seinen Sprungwurf respektieren, was bei seinem unwiderstehlichen Drang zum Korb verheerend ist. Keiner der Lakers-Guards ist ihm defensiv gewachsen, lediglich Kobe hätte die Möglichkeiten dazu und selbst das kann nur bedingt funktionieren.

Und der Superstar? Kevin Durants Leistungen haben uns bereits dermaßen verwöhnt, dass ein sehr gutes Spiel wie gestern nicht einmal mehr sonderlich auffällt. Seine stark verbesserte Defense, Ballhandling, Spielübersicht und dieser gewisse Flair für den Moment – alles da. 25 Zähler bei effizienten 50% aus dem Feld, 8 Rebounds, 4 Assists und kein einziger Turnover in 29 Minuten Einsatzzeit - viel besser kann man in einem Playoff-Spiel nicht agieren. Uns Fans ist das wie gesagt kaum noch eine Nennung wert.

Es wird schwer für die Lakers, sehr schwer, das räumte auch Kobe Bryant (20 Punkte) ein: "Sie sind jünger und schneller. Sie haben heute sehr gut funktioniert, sich viele freie Würfe erarbeitet". Auf dem Papier scheint Los Angeles vielleicht ähnlich gut aufgestellt, aber das dreiköpfige Monster kann man nur schwer unter Kontrolle bringen. Auch die beiden anderen Starter Ibaka und Perkins liefern gute Leistungen ab. Dazu kommt die extrem tiefe Thunder-Bank (50 Punkte in Spiel eins), die ich bisher noch gar nicht erwähnt hatte, aber für den Erfolg entscheidend war. Was aber am meisten beeindruckt ist die abgeklärte Spielweise, das Ineinandergreifen der Komponenten, das Verständnis und die Chemie untereinander. Und nicht nur im Team, sondern auch in der heimischen Arena herrscht ein Verhältnis, das momentan seinesgleichen sucht. Die Chesapeake Arena wird zum Hexenkessel, der Energie liefert ohne Ende. Nicht, dass die Thunder davon nicht genug hätten. Aber schaden kann’s sicher nicht auf dem Weg zum vielleicht ersten Titel der OKC-Ära.