15 Mai 2012




Wer erinnert sich an die Oklahoma City Thunder? Wahrscheinlich die wenigsten, denn OKC's letztes Spiel liegt schon neun Tage zurück. Kein anderes Team entledigte sich seines Erstrunden-Opfers Gegners schneller als die junge Wilden aus dem mittleren Westen: Dallas wurde sang- und klanglos in den Sommerurlaub geschickt. In starkem Kontrast dazu kommen die alteingesessenen Lakers in die Chesapeake Arena, erschöpft und keine zwei Tage nach der Siebener-Serie gegen die flinken Denver Nuggets, die dem Altmeister alles abverlangte. Los Angeles könnte den Schwung und das mentale Hoch gegen sicher schon halb eingerostete Thunder nutzen und einen Auswärtssieg verbuchen, ein erster Punch, der die Serie auf Anhieb sehr spannend machen würde. Nicht, dass hier sonst die Faszination fehlte im Duell der 17-fachen Champs und dem Preseason-Favoriten auf den Western Conference Titel. Jung gegen Alt, Peace gegen Harden, Revanche für 2010...Nebenhandlungen gibt es mehr als genug. Oklahoma City gewann zwei der drei Partien in der regulären Saison, davon eine im Staples Center, und geht als Favorit in dieses Kräftemessen.


Stärken/Schwächen

Oklahoma City verfügt über das mit Abstand potenteste Scoring-Trio der Liga. Der Topscorer der NBA (Durant, 28 PPG), der Point Guard mit der höchsten Punkteausbeute (Westbrook, 23.6 PPG) und der punktstärkste Ersatzspieler der Liga (Harden, 16.8 PPG) berappen zusammen 68.4 Punkte pro Partie. Nicht nur das sogenannte Volume Scoring von gleich drei Positionen setzt den Gegner dabei ständig unter Druck. Die grossen Drei ziehen dank ihrer Athletik, Explosivität und Spielintelligenz auch massig Fouls (insgesamt 20 FTA/Spiel) und versenken ihre Almosen-Würfe mit 80-prozentiger Sicherheit. Alle drei zu stoppen, ist also ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen. Zumal das gesamte Thunder-Team ein junger, überathletischer Haufen ist, der gerne das Tempo anzieht und den Court hoch und runter fliegt. Wie sehr die Lakers unter einem hohen Spieltempo leiden, hat bereits die erste Runde gezeigt. OKC spielte während der regulären Saison das sechstschnellste Tempo der Liga und wird auch in diesem Duell versuchen, bei jeder Gelegenheit aufs Gaspedal zu drücken. Was mich beim Scouten von Head to Head Statistiken besonders überrascht hat, war die recht effiziente Thunder-Defensive gegen das Halbfeld-Spiel der Lakers. OKC gestattete den Lakers nur 91 PPG, fast fünf Punkte unter deren Saisonschnitt, weniger als 40% aus dem Feld und rasierte fast vier Punkte von deren offensiven Effizienz herunter. In anderen Worten: während die Thunder zwar mächtig Schwierigkeiten mit gegnerischen Uptempo-Attacken hatten, hält ihre Verteidigung dem Halbfeld-Basketball sehr gut stand (Platz 5 ligaweit) - und das spielen die Lakers bekanntlich mit Vorliebe. Kendrick Perkins zählt nach wie vor zu den besten Post-Verteidigern der Liga, Serge Ibaka führte die Liga mit 3.7 Blocks pro Spiel an - ein ideales Tandem, um die Grössenvorteile der Lakers unter dem Korb zu neutralisieren. Dazu müssen Ibaka und der angeschlagene Perkins aber ihre Foulprobleme in den Griff bekommen und rebounden wie die Besessenen. LA griff sich in den drei regulären Duellen 16.6 Offensivrebounds pro Spiel. Ähnliche Werte wären für OKC in diesem Halbfinale fatal. Russell Westbrook tendiert bekanntermaßen dazu, zu oft den Ball zu verlieren (239 Turnovers, Platz 3). Seine Hektik überträgt sich auf's gesamte Team (19.6 TO/Spiel, Platz 29). Oklahoma muss diesen Trend dringend umkehren und den Basketball beschützen.

Andrew Bynum und Pau Gasol müssen eine exzellente Serie spielen, damit Los Angeles gegen die jungen Thunder eine realistische Chance hat. Die Grössen- und Skillvorteile des Big Man Duos sind eklatant, gegen jeden Gegner. Bynum kann, wenn der Kopf richtig drauf sitzt, eine Partie an beiden Ende dominieren wie nur eine Handvoll Spieler ligaweit (Triple Double gegen Denver in Spiel eins). Gasol's All-Around Fähigkeiten machen ihn zu einer potentiell tödlichen Offensivwaffe aus dem Low oder High Post, die auch unter den Brettern aufräumen kann (23 Punkte, 17 Rebounds gegen Denver in Spiel sieben). Die Frage, wieso LA nicht konstant und ohne mit der Wimper zu zucken in jedem Angriff über seine beiden 2,13m Riesen agiert, also ausnahmslos Inside-Out Basketball spielt, gehört seit 2008 zu den grössten Mysterien der NBA. Liegt es daran, dass beide Big Men streckenweise komplett von der Bildfläche verschwinden, Gasol passiv wie ein Reh im Scheinwerferlicht und Bynum überheblich wie ein neureicher Yuppie nach fünf Minuten TV-Ruhm? Oder ist das Gegenteil der Fall - weniger Entry Pässe in den Post, weniger Engagement von Bynum und Gasol? Wie gesagt, mysteriös. Viel deutlicher ist da der Einfluss von Kobe Bryant auf die Offensivproduktion seines Teams. Je mehr Kobe ballert (nur 30% in den Saisonduellen), desto geringer sind die Siegchancen der Lila-Goldenen. Oklahoma City wird jeden langen Backstein zu unerbittlichem Fastbreak-Basketball nutzen, und die Lakers können da nicht mithalten. Wenn Bryant aber den Abgeklärten gibt, den Butler, den Ring-Angreifer, den ruhenden Pol, der seinen Teamkollegen vertraut und alle involviert, dann haben die Lakers echte Chancen auf eine Überraschung. Natürlich müssen die Rollenspieler ihre freien Würfe treffen (nur 33% Dreier, Platz 26) und die Ersatzbank als Ganzes über sich hinaus wachsen. Spieler wie Matt Barnes, Steve Blake und Jordan Hill können auf keinen Fall verschwinden.


Matchup-Vorteile

PG: Thunder
SG: Lakers
SF: Thunder
PF: Lakers
C: Lakers
Bank: Thunder
Coach: Thunder


Prognose

Der Tisch ist gedeckt für eine Neuauflage des Erstrundenduells von 2010. Damals waren die Thunder noch jung und unerfahren, LA befand sich auf dem Weg zum Titel. Ron Artest verkloppte den 21-jährigen Kevin Durant in der Defensive nach allen Regeln der Kunst, und die Lakers obsiegten mit 4-2. Das Blatt hat sich gewendet: OKC greift nach dem Pott und verfügt mit Durant, Westbrook und Harden über drei All-Star kalibrige Scorer und Spielmacher, die Los Angeles über 48 Minuten unter Druck setzen werden. Für Zündstoff und böses Blut ist dank der medialen Schlammschlacht im Vorfeld und der hässlichen Episode im vorletzten Saisonspiel zu Genüge gesorgt. Wenn die Lakers es schaffen, "gross" zu spielen und eine der ersten beiden Auswärtspartien zu gewinnen (dank Oklahoma City's langer Pause durchaus realistisch), wird das eine extrem spannende Kiste, in der beide Teams realistische Chancen auf's Weiterkommen haben. Ansonsten sollte sich die extra Entspannungszeit für OKC mit zunehmender Seriendauer mehr und mehr bemerkbar machen. Junge Beine plus mehr Pause schlagen müde, alte Beine. Das, und die Thunder scheinen mental gefestigter zu sein.

nbachef meint: Thunder in 6