24 Mai 2012



Die Pacers stehen am Abgrund. Elimination Game, Win or stay home. Die zuletzt wieder belebten Miami Heat stürmen mit Selbstvertrauen bis zum Anschlag, wenn auch personell dezimiert, ins Conseco/Bankers Life Fieldhouse und versuchen heute, Indiana in den verfrühten Sommerurlaub zu schicken. Die Gastgeber werden, mit 18165 wilden Fans im Rücken, den verbittertsten Kampf ihrer Franchise-Historie kämpfen und die Serie irgendwie zurück nach Miami zwingen wollen. Wer macht's heute, wer gewinnt Spiel sechs?

Die Ausgangslage vor der potentiell entscheidenden Partie lässt sich nicht ohne das überaus wilde, für manche gar barbarische Spiel fünf analysieren. Das sorgte nicht nur durch die unerwartete Pacers-Implosion für Furore und liess den meist entspannten Pacers-Präsident Larry Bird in Rage geraten ("Mein Team war soft. S-O-F-T. Ich bin sehr enttäuscht, dachte nie dass das passiert"). Sondern bliebe vor allem dank dreier Aktionen im Gedächtnis, die den ohnehin schon hohen, kollektiven Blutdruck der NBA-Diaspora weiter ansteigen liessen.

1. Die absichtlichen Fouls von Tyler Hansbrough, Udonis Haslem und Dexter Pittman hatten ein Nachspiel am grünen Tisch von NBA-Oberpolizist Stu Jackson, weil die Refs - mal wieder - nicht in der Lage waren, während der Partie angemessen zu urteilen. Die absichtlichen Flagrant 1 Fouls wurden allesamt auf Flagrant 2 hochgestuft. Haslem (1 Spiel) und Pittman (3) erhielten zudem eine Spielsperre. Pittman hätte viel länger gesperrt werden müssen. Wer seinen Ellbogen mit Anlauf seinem heran brausenden Gegenspieler (Lance Stephenson, der mit dem Choke Sign) derart gewaltsam in den Hals rammt, dass es ihn dabei selbst aushebelt - der hat auf einem Basketballcourt, zumindest in dieser Saison - nichts mehr verloren. Zumal Pittman danach in Richtung Heat-Bank zwinkerte, wo sich Dwyane Wade & co. einen Wolf lachten. Pure Boshaftigkeit, mit den klaren Intentionen: Rache und Verletzung des Gegenspielers. Uncool. Die Fouls von Hansbrough und Haslem hatte ich beide als weitaus angebrachter empfunden - vielleicht, weil ich mit den Pistons und Knicks der 90er Jahre aufgewachsen bin - weil sie zwar hart, aber durchaus noch im Rahmen des Basketballsports waren, auch weil bei beiden keine ernste Verletzungsabsicht vorlag. Hansbrough hat Pech, dass Wade den double-clutch auspackt und der Kopf dort landet, wo eine halbe Sekunde zuvor der Ball war. Und Haslem attackiert eigentlich Hans' Arm/Schulterbereich. Wie gesagt: hätten die Refs angemessener reagiert (ich frage mich schon länger, warum in solchen Fällen nicht gleich Flagrant 2 Fouls vergeben werden - das erlaubt den Zebras, im Gegensatz zu F1s, den Monitor zu Rate zu ziehen und die Schwere des Fouls danach zu reduzieren) oder in beiden Fällen die Spieler des Feldes verwiesen, wären die Dinge wohl nicht so aus dem Ruder gelaufen. Das würde aber wiederum das Kausalitätsprinzip ausser Acht lassen, weil der eine ja dann gar nicht mehr auf dem Platz gestanden wäre, usw. Alles müssig zu diesem Zeitpunkt: Haslem und Pittman fehlen heute, Hans darf spielen.

2. Und das bringt die Heat in eine kleine, grosse Mann Bredouille: Miami fehlt jetzt nicht nur der etatmässige Starter auf der Vier, Chris Bosh (der sich von Tag zu Tag besser fühlt und vielleicht schon zu den Conference Finals wieder fit ist), sondern auch noch der Backup von Bosh und der Backup vom Backup. Vor allem Haslem war in Spiel drei aus einer wochenlangen Lethargie erwacht und trug zu den letzten beiden Siegen substantiell bei (24 Punkte bei fantastischen 10-12 aus dem Feld, dazu 10 Rebounds in durchschnittlich 21 Minuten von der Bank) und verlieh dem Team eine Aura der Toughness, die gegen die ruppigen Pacers half, den Tonus der Serie umzuwandeln. Macht euch auf grosse Dosen LeBron als Power Forward gefasst und freut euch schon jetzt auf sporadische Einsätze des ältesten Erdenbürgers aller Zeiten, den Mann aus dem Pleistozän, Juwan Howard.

3. Das Fehlen jeglicher Heat-Bigs müsste für die Pacers eigentlich heissen: Ball nach innen, um jeden Preis. Ich hatte es ja schon mehrfach getwittert, dass es für mich unbegreiflich ist, wieso Indiana nicht konsequenter nach innen/unten schaut, spezielle Screens und Pinch Post entry Pässe benutzt, um Roy Hibbert und David West nahe am Korb in Aktion zu bringen. Beide haben immense Grössen-/Gewichtsvorteile, und Indiana muss heute unbedingt über Low spielen, anstatt sich auf lange Sprungwürfe zu verlassen. Das war in Spiel fünf der Fall, (Mario Chalmers sammelte die meisten der langen Backsteine für 11 Rebounds ein - Career high) und brachte Miami in seinen open court Flying Death Machine Modus - absolut selbstmörderisch für die Pacers.

4. Wie fit sind Danny Granger und West? Letzterer hat mit einer Knieprellung zu kämpfen und ist nicht bei 100 Prozent. Granger hat's viel schlimmer erwischt: er verliess die AAA mit einem Gehgips und hat immer noch ein Tennisball-grosses Sprunggelenk, nachdem er kurz vor der Pause in Spiel fünf auf Lebron's Fuss landete. Danach ging für die Pacers gar nichts mehr. Das Scoring des teambesten Punktesammlers liesse sich ja noch kompensieren, seine Defense gegen den Most Valuable Player nicht. Ja, da ist noch Paul George, und der wird LeBron James sicherlich übernehmen, wenn Granger nach wenigen Minuten merken sollte, dass sein Fuss die lateralen Cuts und Sprints nicht mit macht. Aber George muss sich ja schon um Wade kümmern. Es war Double-G, das Defensiv-Duo auf dem Perimeter, Granger und George, die James und Wade in Spiel zwei und drei so effektiv aus der Zone hielten und ihrem Big Man Hibbert den Rücken stärkten. Bricht der Wall vorne ein, sieht sich Hibbert unter dem Korb nonstop-Attacken ausgeliefert und gerät früh in Foul Trouble - ein weiteres Todesurteil für Indiana, das mit Hibbert auf dem Platz die Bretter kontrolliert (+22), ohne ihn aber chancenlos ist (-12) und einen Fast Break nach dem anderen kassiert (falls es noch nicht angekommen sein sollte: Miami ist im Open Court recht potent).

5. Wie wird die bisher extrem physische Serie (9 technische/absichtliche Fouls) weiter gehen? Die NBA hat seine erfahrensten Refs für Spiel sechs nominiert. Die Pfeife und das T-Zeichen werden locker sitzen, und man sollte das wohl zivilisierteste Duell der Serie erwarten - was auch immer das heissen mag. Die Pacers können, noch mehr als sonst, von ihren Tiefen-Vorteilen profitieren, weil sie mehr Spieler besitzen und Rollenspieler zu Hause in der Regel bessere Leistungen abliefern. Hibbert und West sollten unter den Brettern gross aufspielen, und das Team wird nicht kampflos untergehen - erst recht nicht nach der Blamage vor zwei Tagen. "Wenn's das schon gewesen sein soll, dann werden wenigstens ein paar Heat-Spieler mit untergehen", so die Devise bei den Tempomachern. Für die Heat wird's nicht leicht, trotz des Oberwassers nach zuletzt überragenden 72 Minuten und einer - ironischerweise dank Indiana - wieder gefundenen Intensität. Playoff-Serien auswärts klar zu machen, ist schwer. Und 61% als Team, wie in Spiel fünf, werden die Heat in diesen Playoffs auch nicht mehr werfen. Aber: solange James und Wade ihre Leistungen aus den letzten beiden Partien abrufen können (zusammen 128 Punkte, 40 Rebounds, 25 Assists), was soll da für Miami schon gross schief gehen?