22 Mai 2012


Text: Onur Alagöz


Man stelle sich dies vor: LeBron James und Dwyane Wade erzielen gemeinsam 70 Punkte, 27 Rebounds, 15 Assists und der Sieg fällt nur mit 8 Punkten Vorsprung aus, 101 zu 93, so das Endergebnis. Schwer zu glauben, oder? Wie groß der Unterschied zwischen den beiden Superstars und dem Rest der Spieler (minus Bosh) ist, wird in der Serie gegen die Pacers schmerzhaft deutlich. 31 Punkte und 5 Assists haben die übrigen acht Spieler in Spiel vier zusammen auf den Boxscore gesetzt – erschreckend wenig. Wäre nicht Udonis Haslem mit effizienten 14 Punkten eingesprungen – hätte diese exzellente Performance von James und Wade überhaupt gereicht?

Die Heat müssen sich fragen, ob sie mit ihrem Modell der Big Three überhaupt konkurrenzfähig sind oder ob die eklatanten und offensichtlichen Schwächen nicht doch zu groß sind. Seitdem Chris Bosh – der einzig fähige Big Man der Floridianer – verletzungsbedingt auf der Ersatzbank Platz nehmen muss, fehlt das Mittelglied, die Verbindung zwischen hervorragend und bedingt brauchbar. Boshs Zahlen sind nicht überragend – 15 Punkte und 7 Rebounds im Schnitt in den Playoffs – aber dennoch wird ersichtlich, wie sehr der Power Forward fehlt. Die Offensive stagniert, der bereits häufig angeprangerte fehlende Spielfluss zeigt sich mehr denn je. 14 Vorlagen spielen die Heat pro Partie, ein geradezu lachhafter Wert. Zieht man die vorbereitenden Pässe von James und Wade ab, bleiben noch unglaubliche 4,7 Assists für den Rest des Teams – grottenschlecht. Zum Vergleich: San Antonio verbuchte gegen die Clippers 26,5 im Schnitt und die Celtics zauberten bisher gegen die Sixers 24,4 Vorlagen pro Spiel auf die Anzeigetafel. Wohin soll diese Spielweise führen?

Dass die Heat Probleme gegen guten Teambasketball haben, wird nicht erst seit dieser Serie deutlich, sondern konnte bereits in den Finals letzte Saison gesehen werden. Regelmäßig nutzen Teams die Schwachstellen auf Center und Point Guard aus, lassen den Ball durch die eigenen Reihen rotieren und machen die Zone dicht. Nur Wade und James können zum Korb und/oder Fouls ziehen, der Rest wird somit zu langen Jumpshots gezwungen, von denen bisher nur sehr wenige auch durch die Reuse gehen. 30% aus der Mitteldistanz, 18% von der Dreierlinie – horrende Quoten. LeBron kann die Last nicht alleine tragen, das hat in Cleveland – mit besseren Rollenspielern wohlgemerkt – schon nicht funktioniert. Auch wenn Miami die Pacers zum Angeln schicken sollten: Boston wartet (wahrscheinlich), und Boston ist hungrig.

Dwyane Wade zeigte endlich, dass auch er in der Serie angekommen ist, wird diese Leistungen aber zumindest annähernd wiederholen müssen, um die nächsten Spiele für seinen Klub zu entscheiden. In der momentanen Verfassung ist die Meisterschaft zwar nach wie vor möglich – die erstklassigen Stars garantieren ein paar Siege. Aber LeBron spielt momentan 42,5 Minuten pro Partie, darunter einen großen Teil auf der Vier. Auch wenn er ein Überathlet ist: wie viel nach dieser Serie noch in seinem Tank sein wird, muss sich zeigen. Wenn es dann überhaupt noch wichtig ist. Es sieht aus, als würde der Hunger fehlen, jedes Spiel einen Gang höher zu schalten, die eigenen Stärken auszunutzen und sein Team immer zum Sieg zu pushen. Ob Clutch oder nicht, LeBron muss den Fuß auf dem Gaspedal halten und das bis zum Anschlag durchdrücken. Zeigen, dass er es will, dass er dominieren und etwaige Durchhänger seiner Teamkameraden kaschieren kann.

Aber vielleicht, nur vielleicht, macht der Kopf nicht mehr mit. Man hatte es sich anders vorgestellt, einst, als man am grünen Tisch zusammengesessen war und den Plan austüftelte, drei Superstars ins Boot zu holen. Wer glaubt denn, dass Ablenkungen wie der Streit zwischen Wade und Spoelstra dem Team nicht zusetzen? Es sollte einfach werden, es sollte Titel und Lobeshymnen regnen. Stattdessen finden sich die Heat trotz des 2-2 Remis in einem Loch wieder. Zumindest wirkt es so. Wenn nicht bald Lösungen von allen Seiten kommen, ist es vielleicht zu spät und der erste, langersehnte Ring darf noch länger auf sich warten lassen.