13 Juni 2012




Die Thunder verloren zu Beginn ihrer Existenz in Oklahoma City ein Spiel nach dem anderen und standen am 29. Dezember 2008 mit mageren 3-29 Siegen ganz unten. Eines lernte das Team von Scott Brooks aber bereits damals: Geduld. Der Coach impfte seinem jungen Team lange vor den Winning Streaks, den All-Star Ehren und dem Aufstieg zur Basketball-Supermacht ein, dass es hart spielen und immer weiter machen muss, egal, wie dunkel der Moment erscheinen mag. Irgendwann kommt eben das Licht.

Kameraschwenk zu Spiel eins der 2012er NBA Finals. Miami stand bereits letztes Jahr auf dieser grossen Bühne und stürmt auf der Suche nach dem ersten Ring in Bestform aus den Startlöchern. Selbstbewusst, fokussiert, vielseitig. Shane Battier übernimmt nicht nur hinten Kevin Durant, sondern auch vorne Haupverantwortung als Scorer. Battier ist on fire, trifft seine ersten drei Dreier im Q1 und hilft den Heat dabei, eine komfortable 13-Punkte Führung heraus zu spielen. Zur Halbzeit hat Battier bereits 13 Punkte auf dem Konto - genauso viele wie Thunder-Topscorer Durant. Mario Chalmers profitiert ebenso von der extra Aufmerksamkeit, die LeBron James zuteil wird und netzt 4-6 Würfe für zehn leichte Punkte ein. Der Laie denkt bereits: Miami hat alles im Griff, während OKC das Lampenfieber seines ersten Final-Auftritts nicht abschütteln kann. Dass Miami hinten alles switcht und die Thunder so früh aus ihrer Komfortzone drängt, nährt den Verdacht. Acht Ballverluste für OKC in Halbzeit eins, das ist untypisch für das zuletzt so disziplinierte Team.

Die Rettung? Old Man River Derek Fisher (37), der bereits in seinem achten NBA-Finale aufläuft und mit beherzten Einzelaktionen seine jungen Mannschaftskollegen aus der Lethargie reisst. Serge Ibaka erzielt acht im Q2, der Gastgeber verkürzt dank Harden's Buzzer Beater auf 54-47. Überhaupt, die Rollenspieler. Neben Fisher und Ibaka trumpfen später noch Sefolosha und Nick Collison auf und offenbaren die vorher schon angesprochenen Vorteile in der Kadertiefe.


Nach der Pause drückt Oklahoma City dann das Gaspedal durch, die Geduld hat sich ausgezahlt. "Unsere Hartnäckigkeit in der zweiten Hälfte war fantastisch, wir haben um jeden Ball gekämpft, uns auf den Boden geschmissen, endlich Thunder Basketball gespielt", zeigt sich Coach Brooks später zufrieden. Tatsächlich legen die Hausherren, beflügelt von Russell Westbrook (erster Spieler seit Charles Barkley '93 mit mindestens 25-8-10 in einem Finalspiel) und Thabo Sefolosha, in der Defensive mehrere Gänge zu, fliegen in Passwege hinein und ziehen mit ihren aggressiven Drives zum Korb gleich 13 Freiwürfe. OKC erzielt zehn einfache Punkte an der Linie, sieben nach Fastbreaks und 14 in der Zone. Mit Westbrook's And-One zum 74-73, wenige Sekunden vor dem Ende des Dritten, ist das Pendulum vollends in die andere Richtung geschwungen.

Zeit für den dreimaligen NBA Scoring-Champion, das Baby jetzt nach Hause zu schaukeln. Cool wie ein eisgekühlter Long Island Ice Tea an einem heissen Junitag erzielt Kevin Durant 17 seiner insgesamt 36 Punkte im Q4. Und das, nachdem er zuvor drei Viertel lang LeBron James im One on One gecheckt hat. Die MVP-Rufe waren zwar für die Nummer 35 an der Freiwurflinie bestimmt, aber 'Kid Clutch' hat absolut nichts gegen die aktuelle Konstellation mit James als Most Valuable Player einzuwenden. Schnappt er sich statt dessen eben die Finals-MVP Trophäe. Für Durant allemal cool genug. Die Art, wie er in seinem allerersten Finalspiel überhaupt auftrumpfte, muss jedem Basketball-Fan ein Schmunzeln auf die Lippen gezaubert haben. Dieser 23-Jährige ist einfach zu kaltblütig, zu geschmeidig, zu gut, wenn es darauf ankommt. Nur Allen Iverson (48) hat in der NBA-Historie mehr Punkte im ersten Finalspiel erzielt als Durant. Das Beste kommt wohl erst noch.

Oklahoma City hatte knapp 20 Minuten gebraucht, um in den Finals anzukommen, wo ausser Fisher und Perkins noch kein Thunder-Akteur zuvor gestanden hatte. "Wir haben ein wenig gebraucht, um die Nervosität abzulegen", sagte Durant später. Dann donnerte es aber gewaltig. Gegen Miami einen solchen Run hinzulegen, war schon sehr beeindruckend, und spricht weniger für die Schwäche der Heat als für die immense Durchschlagskraft des Western Conference Champs, der souverän gewann, obwohl James Harden nur fünf Punkte erzielte. Westbrook und Durant kamen in Hälfte zwei auf zusammen 41 Zähler, mehr als das gesamte Heat-Team (40). Die Thunder lagen irgendwann im Dritten 66-62 zurück und legten dann einfach den Schalter um, erzielten in 21 ihrer letzten 29 Angriffe einen Korb. OKC dominierte in der Zone (+16), bei den Rebounds (+8) und im Open Court (24-4 Fastbreak Punkte). Wie ich geschrieben hatte: wer einfacher leichte Punkte erzielt, kontrolliert die Serie. Es ist noch nicht viel passiert und noch eine Menge Basketball zu absolvieren. Aber dieses Thunder-Team ist eine echte Naturgewalt. Das wissen jetzt wohl auch Dwyane Wade & co.