19 Juni 2012




Oklahoma City bot sich gestern eine historische Chance, etwas zu tun, was kein junges Team in einer ähnlichen Situation jemals bewerkstelligt hatte: die Möglichkeit, Miami in die Seile zu befördern und eine richtungsweisende 2-1 Führung in dieser Finalserie zu übernehmen. Und die Western Conference Champs, sie scheiterten kläglich. Weil sie im bisher wichtigsten Moment dieses Duells alle Eigenschaften, die sie hierher gebracht hatten, über Bord warfen. Dumme Fouls, Nervenschwäche an der Linie, stagnierende Offensive und stupides Coaching, multipliziert mit einer kollektiven Panik und der schieren Unfähigkeit, das richtige Basketballplay in der richtigen Situation abzurufen.

Oklahoma City hielt einem weiteren furiosen Start der Heat im ersten Viertel diesmal stand und geriet nicht zweistellig in Rückstand. Ab dem zweiten Abschnitt begannen die Thunder dann langsam, aber sicher, das Geschehen an sich zu reissen. Die Defensive hatte sich auf Miamis unermüdliche Drives zum Korb zumindest eingestellt und generierte sogar einige Stops. Obwohl die Heat zur Halbzeit noch mit 47-46 führten, waren die Thunder genau dort, wo sie eigentlich sein wollten. Dachte man.

Der Eindruck bestätigte sich zu Beginn der zweiten Hälfte, in der Oklahoma City das Heft in die Hand nahm und die Schraubzwinge hinten noch enger anzog, während Kevin Durant vorne heiss lief. Die Führung nahm zu, und alles sah nach einem Durchmarsch aus. Dann bekam Durant sein 4. Foul angehängt, und das Unheil für OKC nahm seinen Lauf. Natürlich war es keins, natürlich bleibt Joey Crawford einer der inkompetentesten Referees der Liga, und natürlich riecht die Tatsache, dass Crawford dem Thunder-Star zu jenem Zeitpunkt genauso viele Persönliche angehängt hatte wie der gesamten Heat-Starting-5, extrem moderig. Aber verändertes Momentum hin oder her, das Spiel wurde nicht dort verloren.

Derek Fisher traf einen Dreier mit Foul und baute die Führung auf zwischenzeitlich zehn Punkte aus. Dann beging Thunder-Coach Scott Brooks einen seiner vielen taktischen Fehler in diesem Spiel (und diesen Finals) und wechselte Russell Westbrook aus, um "ihn zu beruhigen". Das Problem? Brooks hatte kurz zuvor bereits Durant ausgewechselt, obschon er wissen musste, dass die Thunder-Offensive auf die Kreativität und individuelle Klasse seiner beiden All-Stars angewiesen ist. Erst recht, wenn James Harden (9 Punkte, 2-10 FG) wieder so einen Kothaufen auf's Parkett setzt und jeglichen Nachweis seiner Klasse schuldig bleibt. Westbrook wurde von seinem Coach zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt bestraft, weil er sich zuvor zwei Ballverluste erlaubt hatte - die einzigen des Abends übrigens. Und wurde dafür für den Rest des Abschnitts in seine stille Ecke, also auf die Bank, verbannt, von wo aus er zusammen mit Durant hilflos dabei zusehen musste, wie eine überforderte Fisher-Harden-Sefolosha-Ibaka-Perkins Lineup die hohe Führung innerhalb weniger Augenblicke wieder herschenkte. Dumme Fouls an Drei-Punkte-Werfern (bei vorheriger 14% Dreier-Quote der Heat, wohlgemerkt), stagnante Offensive und 1-10 aus dem Feld bringen ein explosives Team wie Miami schon mal zurück ins Spiel. Die Heat nutzten einen 15-3 Lauf, um die Führung zurück zu erobern.

Und die Thunder waren immer noch nicht tot. Wenn uns diese Playoffs eines gelehrt haben, dann das: Oklahoma City spielt bis zur letzten Sekunde gnadenlos, pausenlos, gibt sich nie geschlagen. Durant und Westbrook kamen im Vierten zurück, die Defensive trotzte den Heat neun Ballverluste im letzten Abschnitt ab, aber der Fluss im Spiel war irgendwie weg. Westbrooks Aggressivität - eine Grundbedingung für Oklahomas Erfolg - war zusammen mit seinem Selbstvertrauen verdampft, als ihn sein Coach im Dritten auf die Strafbank schickte. Durant war sichtlich beeindruckt von der Grobheit der Heat, die ihn ruppig angehen durften, während ihm selbst kleinste Berührungen als Foul abgepfiffen wurden. Oklahoma City vergass seinen Spielplan. Anstatt den Ball weiter laufen zu lassen - das patentierte Erfolgsrezept gegen Miamis Doppeldeckung - versuchte es OKC mit "Hero Ball" und Einzelaktionen. Anstatt weiterhin seine Freiwürfe mit der grössten Sicherheit aller NBA-Teams zu versenken, verfehlte OKC sieben seiner 17 Freiwürfe nach der Pause und neun insgesamt. Die Nerven lagen blank. Die Chance zum Ausgleich war dennoch da, als Westbrook 30 Sekunden vor Schluss frei zum Dreierversuch kam - und vergab. Nachdem die Thunder in der anschliessenden Sequenz 15 Sekunden lang perfekte Defense spielten, fiel Harden an der Mittellinie um und animierte die Refs so dazu, LeBron James an die Freiwurflinie zu schicken, wo der MVP das Spiel schliesslich auf Eis legte.

Zu viele Aussetzer auf einmal, zu viele ausgelassene Chancen, zu viel Nachsichtigkeit. "Achtlos und schlampig", sagte Kendrick Perkins nach dem Spiel über die Leistung seines Teams. Perk ist neben Fisher der einzige Veteran in der Lineup. Er hat schon einen Titel gewonnen und weiss, dass so eine verpasste Gelegenheit vielleicht nicht wieder kommt. "Wir haben Dinge getan, die uns das Spiel gekostet haben. Die dort drüben (Miami), die wollen das hier unbedingt. Die wollen das. Wir müssen einfach schlauer sein. Nach jedem Spiel sollte man reinen Gewissens sagen können, dass man alles in seiner Macht stehende getan hat. Wenn man dann verliert, dann ist es eben so. Aber man sollte nichts bereuen." Gut möglich, dass Oklahoma City die Art dieser ganz speziellen Niederlage noch lange nach diesen Finals bereuen wird...