10 Juni 2012




Ende einer Ära?: Auf beiden Seiten könnte eine Niederlage im heutigen Spiel sieben das Ende der jeweiligen Big Three Ära besiegeln. Bei Boston rechnen ohnehin nur die wenigsten damit, dass GM Danny Ainge sowohl Kevin Garnett als auch Ray Allen nach dieser Saison zurück bringen wird. Bei Garnett kann man sich sicher sein, dass er verlängert, bei Allen wohl weniger. Ungeachtet dessen hat die Boston Big Three ihren Teil der Abmachung mit dem Titelgewinn 2008 schon erfüllt und hat hier und heute nichts mehr zu verlieren. Diese Mannschaft hat die Erwartungen in dieser Saison schon längst übertroffen und kann völlig befreit aufspielen. Anders die Heat. Sollten James, Wade und Bosh auch im zweiten Anlauf vor der erhofften Championship scheitern, wird Pat Riley seinen Superfriends-Masterplan wohl überdenken müssen - erst recht, wenn ihm andere Manager im Sommer zwei bis drei passable Rotationsspieler für einen seiner Superstars anbieten wollen.

Boston's Erfahrung: die Celtics spielen heute bereits ihr siebtes Spiel sieben in der Garnett-Pierce-Allen Ära. Ihre bisherige Bilanz: 4-2. Während Doc Rivers gestern einräumte, dass die zusätzliche Erfahrung diverser Schlachten unter dem grellsten aller Playoff-Lichter seinem Team durchaus zugute kommen dürfte, sollte nicht vergessen werden, dass die Kobolde ihr bisher einziges Entscheidungsspiel auf fremdem Parkett verloren: 2010 im Finale bei den Los Angeles Lakers. Dennoch: Boston fühlt sich in diesen Situationen mehr als wohl.

Druck: Miami hat - bis auf eine Ausnahme, nämlich Spiel sechs in Boston vor zwei Tagen - keine allzu guten Erfahrungen mit dem Druck des Unbedingt-Gewinnen-Müssens gemacht. Ob Spiele während der regulären Saison oder Playoff-Partien vor einem Jahr, diese Mannschaft besticht nicht gerade durch ihre Nervenstärke in entscheidenden Situationen. Boston hingegen hat sich über die Jahre einen Spass daraus gemacht, punktuelle Nadelstiche zu setzen und immer dann zur Stelle zu sein, wenn es am meisten darauf ankommt und der Moment am ausweglosesten erscheint. Dieses Team nimmt immer den schwersten Weg zum Erfolg. Das war schon während der regulären Saison so, als man bis zur All-Star Pause sogar um die Playoffs bangen musste, das war in Runde eins gegen Atlanta so, als sich Rajon Rondo selbst suspendierte, das war gegen Philadelphia so, als man sich sieben Partien abknöpfen liess. Die alten Herren machen es auf die harte Tour. Alles andere als ein entscheidendes Auswärtsspiel in Miami wäre für die Kobolde nicht standesgemäß. James will seinen alten Nemesis, der ihm schon seit jeher das Playoff-Leben schwer macht, ein für allemal in die ewigen Jagdgründe schiessen - und am liebsten nie wieder sehen.


KG/Rondo: Kevin Garnett spielte in den Partien eins bis fünf wie der All-Star Timberwolf, den man noch aus Minnesota-Tagen in Erinnerung hat. Das lag zum einen an seiner enorm effizienten Postseason bisher (für mich, Doc Rivers und seine Mannschaftskollegen ganz klar der Team-MVP), aber auch an der Tatsache, dass sich die Heat wie Dilettanten anstellten beim Versuch, KG zu verteidigen. Udonis Haslem war als Defender völlig überfordert, weil Garnett sich ein ums andere mal den Lobpass direkt an den Korb werfen liess oder den kurzen Fadeaway traf, nachdem er tief im Post Position bezogen hatte. Wenn doch mal das Doppel kam, dann immer viel zu spät, was ein exzellenter Passgeber wie Garnett sofort durchschaute. In Spiel sechs brachte Chris Bosh ein wenig Entlastung in der Defensive, und Spoelstra liess das Doppel viel später kommen - mitten in Garnett's Wurfbewegung hinein. Das verwirrte KG so sehr, dass er mit nur 12 Punkten seine bisher schwächste Leistung ablieferte. Garnett's Konter und seine Wurfsicherheit aus der Mitteldistanz werden über den heutigen Ausgang entscheidend mit bestimmen. Ebenso wie Rajon Rondo's mentale Beschaffenheit. Registriert RR9, dass er mittlerweile der Motor ist, der die Kobolde in Bewegung hält und der konstant Korbgefahr ausstrahlen muss, auch mit seinen Jumpshots? Nur so bringt er die Heat-Defensive viel stärker unter Druck als in Spiel sechs, als er wieder einmal mit dem extra Raum nicht viel anzufangen wusste. Seine Fähigkeiten, heute das Transition-Spiel anzuwerfen und den C's auch einfache Punkte im Break zu verschaffen, sind überlebenswichtig.

Wo bleibt Bosh?: bisher liess Spoelstra seinen genesenen All-Star Forward nur sporadisch spielen. Und obwohl CB4 recht effiziente Kurzeinsätze auf's Parkett legte, in denen sich sein Impact offensiv wie defensiv (siehe oben) durchaus bemerkbar machte, ist es für Miami spätestens jetzt an der Zeit, den Dino zu entfesseln. Nur wenn Bosh 30+ Minuten spielt, haben die Heat ernsthafte Chancen auf's Finale und auf den Titel. Nachtrag: Spo liess sich vor der Partie nicht in die Karten blicken. Die Frage, ob Bosh heute starten würde, wollte er nicht beantworten. Ich wäre geschockt, wenn Bosh heute nicht von Beginn aufläuft.

LeBron/Wade: Was bringt LBJ als Zugabe? Seine 45-15-5 in Spiel sechs, mit dem Druck der gesamten Basketballwelt auf seinen Schultern, waren schon sehr beeindruckend und eines dreifachen MVPs mehr als würdig. Das Problem ist aber: Miami hat sich mittlerweile so sehr von James' individueller Brillanz abhängig gemacht, dass er die Leistung vom Donnerstag schon fast duplizieren muss, um seine Farben auf die Siegerstrasse zu hieven. Das wird er nicht noch einmal schaffen. Boston wird ihm zwar wieder alle Freiräume lassen, auf die Gefahr hin, dass er eben wieder heiss läuft, aber wenn er von draussen alles trifft, dann lebt man eben damit. Der Fokus in der Defensive liegt nach wie vor auf Wade. Der spielt bisher katastrophale Conference Finals, und ich gehe nicht davon aus, dass er den Trend heute umkehren kann (wenngleich man sich über ein Geschenk von "ganz oben" und 18 Freiwurfversuche für Wade niemals wundern darf). Vielleicht muss er das aber auch nicht. Zum einen erwarte ich sehr viel von einem fitten Bosh, zum anderen spielen die Rollenspieler in eigener Halle immer um Längen besser. Einer von Mario Chalmers, Shane Battier oder Udonis Haslem wird heute heiss laufen und das Spiel mit entscheiden.

Stats: Miami hat bisher sieben von neun Heimspielen in den Playoffs gewonnen, Boston sechs von neun auf fremdem Parkett verloren. Einer der Celtics-Siege war natürlich der Auswärtserfolg in der AAA vor vier Tagen - die Kobolde wissen also, dass sie dort gewinnen können. LeBron James ist auf klarer Titelmission - die Dämonen der letzten Jahre, als er mehrfach kurz vor dem Ziel den Kopf in den Sand steckte, sind aber noch nicht vertrieben. Boston traf in Spiel sechs nur 1-14 aus der Distanz, in den drei Niederlagen bisher mickrige 22% von Tief. Das darf heute nicht passieren - eine schlechte Hälfte, und es könnte hässlich werden. Alles in allem treffen sich hier zwei Mannschaften auf absoluter Augenhöhe. Die kumulative Punktedifferenz nach sechs hart umkämpften Partien beträgt 1.7 Punkte - weniger als ein Treffer aus dem Feld, also. Diese Best of Seven Serie war die bisher spannendste und hochkarätigste dieser Playoffs. Wer auch immer in die Finals einzieht, ist ein würdiger Ost-Repräsentant. Nicht, dass es gegen OKC einen grossen Unterschied ausmachen würde. Ich bleibe bei meinem Tipp: Miami in 7.