11 Juni 2012


"So wie er aussah, hielt ich es nicht einmal für möglich, dass er es schafft, sein Trikot anzuziehen. Ich hatte ihn so noch nie erlebt. Er sah übel aus. Ich meine, so richtig beschissen", beschrieb Scottie Pippen seinen Teamkollegen Michael Jordan vor dem kritischen Spiel fünf in Salt Lake City. Die Serie gegen Utah war ausgeglichen, die Jazz hatten die letzten beiden Partien gewonnen und waren drauf und dran, vollends die Kontrolle zu übernehmen. Jordan hatte zuvor zwei Tage kein Auge zugedrückt und sich statt dessen in seinem Hotelzimmer die Seele aus dem Leib gekotzt. Magenvirus, hohes Fieber, Lebensmittelvergiftung. Die ganz üble Sorte, die jeden von uns wohl heulend ins Krankenhaus befördert hätte.

Als das Spiel beginnt, schleicht MJ mehr schlecht als recht über den Platz. Er ist dehydriert, müde, steht kurz vor dem Kreislaufkollaps. In einer Auszeit schliesst er die Augen und scheint vor Ohnmacht fast vom Stuhl zu kippen. Utah übernimmt eine zwischenzeitliche 16-Punkte Führung, die Bulls stecken in ernsten Schwierigkeiten. Dann passiert irgend etwas mit Jordan. Wie aus dem Nichts beginnt er, einen Wurf nach dem anderen zu treffen. Er bringt sein Team eigenhändig ins Spiel zurück, alles mit der Kraft des reinen Willens, wie er später selbst zugibt. Körperlich geht schon lange nichts mehr. Nach der Halbzeitpause (inklusive intravenöser Flüssigkeitszufuhr und kalten Handtüchern in einem abgedunkelten Raum) ziehen die Gastgeber wieder davon, führen 77-69. Jordan willt sein Team abermals zurück, erzielt sieben Zähler in einem kurzen 10-0 Spurt und insgesamt 15 im letzten Abschnitt. Nachdem Stockton auf 84-81 erhöht, trifft MJ erst einen Jumper in der Zone und gleicht dann zum 85-85 aus, bevor er 25 Sekunden vor dem Ende den entscheidenden Dreier zum 88-85 für Chicago einnetzt. Die Bulls schocken Utah mit 90-88 und machen zwei Tage später im heimischen United Center den fünften von insgesamt sechs Titeln in den Neunzigern klar.

Am Ende des 'flu game' hatte seine Lufthohheit 44 von 48 möglichen Minuten absolviert und dabei 38 Punkte, 7 Rebounds, 5 Assists und 3 Steals erzielt. Eine unfassbare Leistung, erst recht unter dem gesundheitlichen Aspekt und der Tatsache, dass es Spiel fünf einer ausgeglichenen Finalserie war. "So ziemlich das Schwierigste, was ich jemals zu bewältigen hatte", sagte Jordan später. "Ich wäre fast kollabiert beim Versuch, ein Basketballspiel zu gewinnen. Wir mussten gewinnen." Sein Head Coach Phil Jackson konnte die Performance seines Shooting Guards kaum in Worte fassen: "Er sagte mir, dass er spielt. Ich war dagegen. Er war bleich und schwach. Er sagte mir, dass wir dann während des Spiels ja schauen könnten, wie es ihm geht. Das war wohl sein grösstes Spiel von allen. Er konnte nicht einmal stehen, ohne dass ihm kotzübel und schwindlig wurde. Eine weitere heroische Leistung einer absoluten Legende. Einfach unglaublich."

Pippen, der nach der Partie in einer geradezu epischen Szene seinen völlig erschöpften Teamkollegen stützen und vom Platz tragen musste, fasste zusammen: "Er ist der Grösste aller Zeiten. Jeder konnte heute wieder sehen, weshalb."