01 Juli 2012




Der erste Dominostein in einer ereignisreichen Offseason fiel für die Boston Celtics bereits gestern, wenige Stunden vor dem offiziellen Start der Free Agency 2012: Franchise Big Man Kevin Garnett einigte sich mit den Kobolden auf einen neuen Vertrag und kehrt für weitere drei Jahre an seine alte Wirkungsstätte zurück. Der Deal kann erst am 11. Juli unterzeichnet werden - dem Ende des Moratoriums - aber die Rede ist von 34 Millionen Dollar für drei Jahre. Es würde mich nicht wundern, wenn da in irgend einer Form noch eine Option mit eingebaut wäre, entweder als Player Option oder Buyout-Möglichkeit für's Team vor dem dritten Jahr.

Garnett hatte sich nach dem Aus im Conference Finale gegen Miami mehrere Wochen Bedenkzeit erbeten, um über seine weitere Karriere nachzudenken oder abzuwägen, ob es das nach 17 NBA-Jahren nicht gewesen seine könnte. KG versicherte aber, dass er bis zum Ende des Monats seine Entscheidung bekannt geben würde, um den Celtics alle Chancen in der FA-Phase zu erhalten. Ein Mann, ein Wort. Nachdem Garnett realisierte, dass er auch mit 36 Jahren und nach mehr als 50000 absolvierten NBA-Minuten noch immer nicht genug hatte, waren die Celtics die einzig realistische Alternative. KG einigte sich mit GM Danny Ainge noch am Samstag auf die Modalitäten eines neuen Deals, der - je nach Betrachtungswinkel - als Schnäppchen oder Fehlinvestition charakterisiert wurde.

Ist ein Dreijahresdeal für Garnett riskant? Kann schon sein. Aber was wären Ainge's Alternativen gewesen? Garnett nach Brooklyn abziehen zu lassen? Das komplette Team auseinander zu reissen, so wie das selbst eingefleischte Celtics-Fans noch im Februar gefordert hatten? Diese Lineup war - trotz Verletzungen mehrerer Rotationsspieler - nur zwölf Minuten vom Erreichen der NBA-Finals entfernt. Ainge wird weder Dwight Howard, noch Deron Williams noch Chris Paul nach Boston lotsen können. Angesichts der verfügbaren Alternativen auf dem diesjährigen Free Agent Markt - vor allem bei den Centern - war eine lukrative Verlängerung mit Garnett zu Marktkonditionen ein absoluter no-brainer. Vergleiche gefällig? Kendrick Perkins hat letztes Jahr sieben Millionen verdient. DeAndre Jordan zehn. Amare Stoudemire 18. Garnett ist nach wie vor einer der besten Big Men der NBA und ein Top-3 Verteidiger auf den grossen Positionen. Sein Einfluss, nicht nur auf dem Parkett, sondern auf die gesamte Kultur eines Basketballclubs, ist gigantisch und lässt sich gar nicht in Zahlen messen. Garnett ist die Boston Celtics.

Seitdem KG Grün trägt, sind die C's Jahr für Jahr eines der besten Defensivteams der Liga. Sie haben fünf mal in Folge ihre Division gewonnen und standen drei mal in fünf Jahren im Conference Finale. Selbst der grösste Rondo-for-President Anhänger wird einräumen, dass Garnett auf dem Parkett den Unterschied zwischen Contender-Ambitionen und Erstrundenfutter macht. Kleiner Ausflug in die Advanced Stats Ecke: mit ihm auf dem Court erzielten die Celtics acht Punkte pro 100 Angriffe mehr als ihre Gegner. Ohne ihn waren es minus-3. Um's einfacher zu machen: ohne die Defensivstärke und synergetischen Spieleffekte, die von Garnett ausgehen, wären die offensiv überforderten Kobolde (Platz 25) nicht einmal in der Lage, länger als eine Halbzeit im Spiel zu bleiben. Das wissen auch Doc Rivers, Ainge und die Celtics-Verantwortlichen, die lieber mit einem 36-jährigen Garnett theoretisch im Titelrennen bleiben, als ohne ihn das Kobold-Haus einzureissen, neu aufzubauen und im besten Fall in einigen Jahren dort zu landen, wo man jetzt schon steht: in der Verfolgergruppe.

Dank Garnett's früher Entscheidung stehen Ainge & co. jetzt mehrere Möglichkeiten offen. Zum einen tilgen sie den enormen 22 Mio. $ Garnett 'Cap Hold' (eine Art "Cap-Frachtraum" für eigene Free Agents, der verhindern soll, dass Teams nach Gutdünken bis knapp unter die Salary Cap Grenze frei vom Markt verpflichten und dann zusätzlich noch teameigene FAs via Bird-Rechten verlängern können) und machen so Platz für weitere Transaktionen. Diese können entweder Resignings ihrer eigenen Free Agents Ray Allen (dem sie angeblich zwei Jahre/12 Mio. $ offerieren wollen), Brandon Bass und Jeff Green sein, oder die Ablehnung dieser Spieler und statt dessen die Verpflichtung mehrerer Neuzugänge, um die Lücken zu stopfen.

Die Basis jedenfalls ist mit Garnett ausbetoniert. Idealerweise - und das ist meine ganz persönliche Meinung - manövriert man sich mit neuen Deals für Allen (den man sicherlich nur ungern an den grossen Nemesis Miami verlieren würde), Green (der nach seiner überstandenen Herz-OP wieder voll einsatzbereit ist) und Bass (der solide Minuten auf der Vier ablieferte) bis knapp unter die Luxus-Steuer und bietet dann einem Unrestricted Free Agent wie OJ Mayo, Jamal Crawford, Jason Terry oder Michael Beasley die volle Midlevel Exception an. Zusammen mit einem wieder genesenen Avery Bradley und den beiden Rookies Jared Sullinger und Fab Melo - die von Garnett's Pflegschaft übrigens immens profitieren werden - wäre der Kader ungleich tiefer, gefährlicher und dabei immer noch günstiger als letzte Saison (79 Mio. $). Der Weg zurück ins Conference Finale und in ein weiteres Aufeinandertreffen mit den Miami Heat wäre angesichts der Sachlage in der Eastern Conference durchaus realistisch. Allein die Aussicht hierauf macht eine Vertragsverlängerung mit Kevin Garnett zur Hälfte seiner letztjährigen Bezüge zum absoluten Selbstgänger.