22 Juni 2012




Überraschender Punktsieg für die New York Knicks! Gestern entschied ein unabhängiges Schiedsgericht zur ausstehenden, legalen Auseinandersetzung zwischen der National Basketball Association und der Spielergewerkschaft zugunsten der NBPA. Streitpunkt war das Feingedruckte unter dem komplexen Paragraphen "Bird Rechte". Während die Liga in den letzten Monaten fast mantraartig wiederholt hatte, dass ihre Interpretation der Regelung die einzig Richtige sein könne, berief sich die Player's Union auf den gesunden Menschenverstand. Solange ein Spieler - so die Haltung der Union - nicht explizit auf seine Bird/Early Bird Rechte verzichtet, indem er aus eigenen Stücken und als Free Agent bei einem neuen Verein unterschreibt, dürfe man ihm diese bedeutenden Rechte nicht absprechen. Während ein Spieler seine Bird Rechte via Trade zum neuen Arbeitgeber mitnehmen darf, verlor er sie in der Vergangenheit, wann immer er entlassen wurde. Problematisch wurde die Situation wie im letzten Jahr, als gleich vier Spieler (Lin, Novak, Billups, Hickson) 'off waivers' beansprucht wurden, also direkt, nachdem sie von ihrem alten Team gecuttet wurden und noch bevor sie Free Agent wurden. "Bird und Early Bird Rechte sind das Herzstück unseres Soft Cap Systems", sagte ein sichtlich zufriedener Billy Hunter, Präsident der Spielergewerkschaft. "Wir sind sehr froh, dass Professor Dam erkannt hat, dass ein Spieler auf diese wichtigen Rechte solange nicht verzichtet, bis er bewusst bei einem neuen Team unterschreibt."

Für die Knickerbockers ist die Entscheidung Gold Wert. Sie erlaubt ihnen, die eigenen Free Agents Jeremy Lin und Steve Novak via Early Bird Rechten zu verlängern, ohne dabei die Mid-Level Exception anschneiden zu müssen. Bird/Early Bird Rechte (eine nach Larry Bird benannte Sonderregelung) erlauben es einem Team, eigene Spieler über die Salary Cap Grenzen hinaus zu verlängern. Lin, dessen Aschenputtel-Geschichte an dieser Stelle sicherlich nicht mehr erzählt werden muss, gehört zu den begehrtesten Free Agents des Sommers. Für die Knicks ist er selbstredend Priorität Nummer eins.

"Bird and Early Bird rights are the lynchpin of our Soft Cap system, and we’re pleased that Professor Dam recognized that a player does not forfeit these important rights unless he makes an affirmative decision to sign with a new team as a free agent." (Billy Hunter, Präsident der NBPA)

New York hätte freilich auch ohne Bird Rechte die Möglichkeit, Lin zu halten. Der Point Guard ist Free Agent, aber 'restricted' aufgrund der Tatsache, dass er erst zwei Profijahre absolviert hat. Egal wie hoch also das 'offer sheet' eines mitbuhlenden Clubs ausfallen wird - die Knicks können gleich ziehen. Glücklicherweise dürfen Angebote von anderen Teams ein Jahresgehalt von 5 Millionen Dollar pro Jahr nicht übersteigen - Ergebnis einer weiteren Sonderregelung, der sogenannten 'Gilbert Arenas Provision'. Die untersagt es Teams, einem Restricted Free Agent, der weniger als drei NBA-Jahre auf dem Buckel hat, ein Angebot zu unterbreiten, das über der Midlevel Exception liegt (5 Millionen $ Jahresgehalt). Das soll verhindern, dass ein Interessent einen jungen Spieler einfach weg "stibitzen" kann, wenn das alte Team nicht über genügend Platz unter dem Cap verfügt. So oder so wären die Knickerbockers also in der Lage gewesen, ihren Free Agent zu halten.

Der Schiedsspruch eröffnet aber völlig neue Möglichkeiten. Nicht nur, dass das Big Apple Team seine gesamte Midlevel Exception auf Lin hätte anwenden müssen. Dieser Schritt hätte die Verpflichtungen für nächste Saison sogar über die Obergrenze von 74 Millionen Dollar katapultiert - ein de facto Hard Cap, der zahlreiche Restriktionen nach sich gezogen und die Knicks in Personalangelegenheiten handllungsunfähig gemacht hätte. So aber kann man Lin (und Novak) via den eigenen Bird Rechten verlängern und einen Teil der Midlevel - die sogenannte Mini-Midlevel - für andere Free Agents auf dem Markt aufwenden. Teams, deren Verpflichtungen sich auf mehr als 70 Millionen belaufen (ab da kickert der sogenannte 'Luxury Tax') bekommen statt der Midlevel Exception eine Mini-Midlevel von knapp 3 Mio. $ zugesprochen. Die kann frei nach Wunsch auf einen oder mehrere neue Spieler verteilt werden. Die Knicks, deren grösste Schwäche in der abgelaufenen Saison die mangelnde Tiefe im Kader war, können jetzt mindestens einen Free Agent verpflichten - idealerweise einen Point Guard wie Steve Nash, Raymond Felton oder Andre Miller, vielleicht aber auch einen Mann wie Lamar Odom - den man sich zuvor nicht hätte leisten können. Hinzu kommt das Veteran's Minimum, das man jedes Jahr zur Verfügung hat.

Einziges Problem für New York: die Liga, die sich immer im Recht wähnt, wird das Urteil so nicht hinnehmen und hat bereits Berufung angekündigt. Im ungünstigsten Fall zieht sich die neue Verhandlung über Wochen hinweg (die Liga hat zehn Tage Zeit, um formell Einspruch einzulegen, eine Entscheidung darf dann nicht länger als 30 Tage beanspruchen) und in die Free Agency Phase hinein, was weitere Personalmanöver der 'Bockers sabotiert. Die Free Agency Periode beginnt offiziell am 11. Juli 2012. Mündliche Verhandlungen sind bereits ab dem 1. Juli gestattet.