09 Juni 2012




Man sagt, es gäbe im Prinzip nur drei Methoden, wie man die Dinge auf dieser Welt erledigen kann: richtig, falsch, und auf die Clippers Art und Weise. Das Chaos nahm letzte Woche seinen Lauf, ungehindert, fast wie im Drehbuch. Nachdem Teambesitzer Donald Sterling erst Vinny del Negro's Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert hatte, während der Architekt des Clippers-Umschwungs, Neil Olshey, ohne Deal in Richtung Sommerpause ging, sah es kurzzeitig danach aus, als sei Onkel Dagobert doch noch zu Sinnen gekommen. Es wurde spekuliert, dass Olshey Anfang dieser Woche eine langjährige Vertragsverlängerung unterschreiben würde. Aus Clippers-Kreisen war zu vernehmen, dass emsig an letzten Details gefeilt werde und man sich quasi schon mündlich geeinigt habe. Alles nur noch reine Formsache, bli bla bloing, das übliche Organisationskauderwelsch.

Während Sterling hin und her überlegte und ein paar seiner geliebten Penunzen drei mal umdrehte, um sich (wie immer) ihrer Existenz zu erfreuen, legte der milliardenschwere Trail Blazers Besitzer Paul Allen ein konkretes Vertragsangebot auf den Tisch und lotste Free Agent GM Olshey so nach Portland. Kurz und schmerzlos. Papier raus, Unterschrift drauf, Handschlag, Deal! So wie man Transaktionen unter Erwachsenen eben durchzieht. Hier liegt auch der elementare Unterschied zwischen Sterling und Allen: einer von beiden ist Mitbegründer von Microsoft, einem der erfolgreichsten Unternehmen der Wirtschaftsgeschichte. Der andere trägt billige Anzüge (schon persönlich erlebt) und kutschiert Huren in seiner Limousine umher. Jetzt ratet mal, wer wer ist.

Und ich schrieb noch vor wenigen Tagen: "Aber diese im Prinzip risikolose, dafür umso widerwärtigere Personalentscheidung birgt so unendlich viel Chaospotential in sich. Sie verdeutlicht einmal mehr eindrucksvoll, was die Clippers-Organisation von den wirklich erfolgreichen im Sport unterscheidet: der Prozess. Und so lange Donald T. in Clipper Nation das Sagen hat, wird sich daran nie etwas ändern."

Obwohl die Clippers natürlich bereit gewesen wären, mit Allen's finanziellem Angebot mitzuziehen, war der Schaden schon längst angerichtet. Es gibt Dinge, die werden alles Geld dieser Welt niemals kaufen können: Respekt, Stil, Etikette, Kompetenz. "Es ging nie um's Geld", sagte Olshey bei seiner Begrüssungs-PK im hohen Norden. "Die Angebote waren identisch. Es ging darum, dass Portland sich aktiv darum bemühte, mich hierher zu holen. Es ging darum, dass Paul (Allen) mich unbedingt hier haben wollte. Also wollte ich auch hier sein..."


"Die Angebote waren identisch. Es ging darum, dass Portland sich aktiv darum bemühte, mich hierher zu holen. Es ging darum, dass Paul (Allen) mich unbedingt hier haben wollte. Also wollte ich auch hier sein..." (Neil Olshey)


Wie peinlich für die Clippers. Ohne direkt in Richtung altem "Arbeitgeber" zu schiessen, entblösste Olshey mit einem kurzen Understatement alles, wofür die Organisation in Los Angeles schon immer stand: Knauserigkeit, Geiz, Planlosigkeit, Stillosigkeit, das volle Programm eben. Ja, es gibt einen Clippers-Fluch, einen triftigen Grund, warum diese Sport-Franchise die erfolgloseste aller grossen 122 in den USA in den letzten 50 Jahren ist. Die Heimsuchung hat einen Namen.

Olshey ist kein Niemand. Er ist kein Newcomer, der mit mehr Glück als Verstand ein paar Mal ins Schwarze traf. Er verbrachte insgesamt neun Jahre bei den Clippers und arbeitete sich stetig nach oben: vom Assistenten für Spielerentwicklung zum Assistenztrainer zum 'Director of Player Personnel' zum Assistant GM zum General Manager. Allein schon für seine Loyalität hätte man ihn mit einer langjährigen Verlängerung belohnen müssen. Statt dessen arbeitete der 47-Jährige die ganze letzte Saison "in limbo". Ohne Zugeständnisse, ohne festen Deal in der Tasche, nach Gutdünken von Monat zu Monat bezahlt wie eine Videotheks-Mitgliedschaft in den 1990ern. Und orchestrierte dennoch einen beispiellosen Turnaround für den gebeutelten Club, der erst einmal seit 1976 die zweite Playoff-Runde erreicht hatte. Bei allem Respekt für Larry Bird in Indiana oder R.C. Buford in San Antonio: niemand veränderte den Look seiner Mannschaft radikaler als der wahre Executive of the Year, Olshey. Der Chris Paul Trade, die Chauncey Billups Akquisition. Kenyon Martin, Nick Young, Reggie Evans. Zuvor schon Blake Griffin, Eric Bledsoe und DeAndre Jordan. Die gesamte Mannschaft trug seine Handschrift. Sein Plan war mutig, visionär, nach ganz oben strebend. Und er war dabei, ihn konsequent umzusetzen, ohne jegliche Unterstützung aus der Chefetage, ohne eine Gehaltserhöhung, ohne Erweiterung seiner Kompetenzen, ohne Zusagen für die Zukunft.

Schon letzten Sommer hatten die Trail Blazers massives Interesse an Olshey signalisiert. Spätestens, als die Saison der Clippers immer historischere Ausmaße annahm, wäre es höchste Zeit gewesen, zu handeln. Zumindest in Form einer semi-formalen Unterschrift, die anderen Teams unter Strafe verboten hätte, Olshey zu kontaktieren. Bekam der einen neuen Deal? Wenigstens eine Konzession? Natürlich nicht. Statt dessen widmete sich Sterling der Vertragsverlängerung für seinen ebenso inkompetenten Freund Vinny (im Ernst, sie sind im Privatleben dickste Freunde), den er 2010 unbedingt verpflichten wollte, obwohl er von den Bulls gerade gefeuert worden war. Der Teufel liegt wie immer im Detail: Olshey wollte nie del Negro als Coach. Er hatte vor zwei Jahren für Dwane Casey geworben, damals noch brillanter Defensivguru beim späteren NBA-Champion Dallas Mavericks und mittlerweile Cheftrainer bei den Toronto Raptors. Sterling entschied sich für VDN, weil der billiger war. Überraschend? Nicht wirklich. Auch letzte Woche setzte sich der Besitzer wieder plump über den Rat seines GM's hinweg, der liebend gerne einen neuen, kompetenten Head Coach verpflichtet hätte. Ich bin mir sicher, dass all diese Respektlosigkeiten das Fass für Olshey letztendlich zum Überlaufen brachten. Und wer will's ihm verdenken?

Die Trail Blazers angeln sich also einen der kompetentesten General Manager im Game, ganz ohne Gegenwehr. Olshey ersetzt den bisherigen Interims-GM Chad Buchanan und darf mit einem der fettesten Budgets der Association ans Eingemachte gehen: nicht nur, dass Portland mit LaMarcus Aldridge und Nicolas Batum über ein fantastisches Fundament für den erfolgreichen Rebuild verfügt. Olshey stehen auch noch knapp 24 Millionen Dollar an Cap Space und zwei hohe Erstrundenpicks (6. und 11.) zur Verfügung, sowie Allen's immer offenes Ohr und immens spendierfreudiges Milliardärskonto. Wer die Trail Blazers nicht schon vor dieser Akquisition als potentielles Playoff-Team 2013 auf seiner Landkarte hatte, sollte spätestens jetzt nachzeichnen. "Er (Olshey) hat die Fähigkeiten und die Vision, um unsere Organisation in eine neue Trail Blazers Ära zu führen", freut sich Allen schon auf die Zusammenarbeit mit seinem neuen Manager. "Er hat eindrucksvoll bewiesen, dass er eine Franchise innerhalb kürzester Zeit wieder in die Spur führen kann, und wir sind uns sicher, dass er das auch in Portland schafft." Ich bin mir übrigens auch sicher.

Und die Clippers? Die werden wohl nicht einmal nachverpflichten, sondern die vakante GM-Stelle gewohnt knauserisch mit Mitarbeitern aus anderen Abteilungen besetzen, so wie sie das schon immer handhaben. Ein Triumvirat aus Andy Roeser (bisheriger Teampräsident), Gary Sacks (bisheriger Assistant GM) und - bitte hinsetzen - Vinny del Negro (ich will nicht darüber reden) wird die Arbeit von Olshey fortsetzen und dafür sorgen müssen, dass Blake Griffin (Restricted Free Agent 2013) und All-NBA First Teamer Chris Paul (Unrestricted Free Agent 2013) von der klaren Linie und positiven Richtung des Vereins überzeugt sind und langfristig in Los Angeles bleiben wollen, um dort Championships zu gewinnen. Viel Glück damit!