23 Juni 2012



LeBron James ist endlich angekommen! Nach neun langen Jahren, nach vielen Versuchen und zahlreichen Enttäuschungen, keine grösser als die Finalniederlage im letzten Jahr gegen Dallas, hat der beste Spieler seiner Generation endlich den NBA-Gipfel erklommen. "Es wurde verdammt nochmal auch Zeit", sagte ein sichtlich erleichterter James nach dem 121-106 Erfolg in Spiel fünf gegen die Oklahoma City Thunder. Endlich, LeBron...Ich hätt's nicht besser sagen können.

James war als Teenager in die Liga gekommen. Sein Hype eilte ihm voraus und pries ihn noch vor seinem ersten Spiel in der Basketball Association als nächstes grosses Ding an, als "Auserwählten". Ich war zu Beginn vorsichtig (wie immer bei 'Hype before Substance'), gleichzeitig aber auch fasziniert von den Möglichkeiten - die Grösse, die Athletik, das Spielverständnis, ihr wisst schon. Und wie bei jedem Frischling, der neu in die Show wechselt, freute ich mich auf die Reise mit James und war gespannt darauf, was die Zukunft bringen würde. Meh! Die Vorfreude wich schnell der Skepsis, die Skepsis der Desillusion, die Desillusion der Persiflage, je länger James' Profikarriere andauerte. Er sollte die pure Dominanz werden. Statt dessen: pure Ernüchterung und blanker Horror! Wie ein spektakulärer Unfall, bei dem man einfach nicht weg sehen kann.

Sicher: die Stats waren grandios, das spielerische Paket unwiderstehlich. Und die Trajektorie seiner Karriere war für Basketball-Historiker nur allzu leicht erkennbar. Aber alles wirkte so aufgesetzt, so unecht. Und so belanglos, irgendwie. Alles war immer so einfach...zu einfach! Der Mensch LeBron versteckte sich immerfort hinter seiner eigenen Unsicherheit und dem Drang, es "seinen" Leuten (ein erbärmlicher Haufen von Speichelleckern und Possenreitern, die sich via James' Fähigkeiten zeit ihres Lebens bereichtert haben) und der Welt da draussen mehr Recht zu machen, als sich selbst. Null Verantwortung, zu sehr "Marke", zu wenig "Mensch" wohl. Der Spieler LeBron legte es in allererster Linie darauf an, zu imponieren. Gewinnen: eher so optional! Die Jahre zogen ins Land, "Potential" reichte vielen nicht mehr aus, Erwartungen wurden immer häufiger enttäuscht. James verlor, acht Jahre in Folge, jedes wichtige Playoff-Spiel. Er versagte, wann immer es am meisten darauf ankam. Und liess Fragen offen: Konnte er einfach nicht gewinnen? Wollte er einfach nicht gewinnen? Was stimmte nicht in seinem Kopf? Die Verblendeten huldigten ihm weiterhin als "King", aber er war nie mehr als ein Bauer des Bretts, den man nur allzu leicht schlagen konnte. Spätestens hier kam ein entscheidender Faktor ins Spiel, den viele nicht begreifen wollen: Es spielt in der NBA absolut keine Rolle, wie berühmt und beliebt du bist oder wie famos deine Skills sind: ohne Ring bist du nichts! Fragt mal Karl Malone oder John Stockton. Elgin Baylor oder Alex English. Charles Barkley, Reggie Miller oder Patrick Ewing. Pete Maravich oder George Gervin, wie sie heute, weit nach dem Ende ihrer Karriere, ihre eigene Laufbahn bewerten...So funktioniert das eben im Profisport: nur echte Champions sind wahre Legenden. Und das hat nichts mit Verachtung zu tun. Das sind nur schlicht und ergreifend die Maßstäbe, mit denen intern gemessen wird.

Die Finals gegen Dallas waren der Wendepunkt in James' Leben. Er hatte es sich einfach vorgestellt. Die Heat, sie dachten kollektiv, dass es reichen würde, dem Markt ein Schnippchen zu schlagen und drei All-Stars zu vereinen. Dass die Titel schon von selbst kommen würden. Falsch gedacht. Die Mavericks demütigten James, Wade und das Team, dass nur aus einem einzigen Grund zusammen gestellt worden war: "Nicht für einen, nicht für zwei, nicht für drei, nicht für vier...". Als es dann trotz aller Überheblichkeit nicht auf Anhieb hinhaute für Miami, regnete es Spott und Häme von allen Seiten...und das völlig zurecht! Das sind eben auch Maßstäbe, die man für sich selbst kreiert hat, und denen man sich dann eben stellen muss. Nennt es "Verantwortungsbewusstsein" oder "Karma" oder "Dirk Nowitzki". Was auch immer. Das Scheitern, das verletzte Ego, die Demütigung, sie alle waren gut. Für James, für Miami, für die NBA. "Das war das Beste, was mir passieren konnte", sagte James nach seinem ersten, lang ersehnten Titelgewinn vor drei Tagen. "Es hat mich klein gemacht, und ich begriff, dass ich mich ändern musste, als Basketballspieler und als Mensch. Ich musste erst bis ganz nach oben und dann wieder bis ganz nach unten fallen, um zu verstehen, was ich zu tun hatte."

Das Scheitern veränderte James, und er begann, Dinge zu ändern. Er zog sich zurück, verbrachte mehr Zeit mit seiner Familie, wurde ruhiger und entspannter. Er suchte den Kontakt zu Center-Legende Hakeem Olajuwon, um mit ihm an seinem Post-Spiel zu arbeiten. Er begann, zu lesen, um sich vor Partien zu beruhigen. Er verpflichtete einen neuen PR-Manager, um seinen zerstörten Ruf in der Öffentlichkeit wieder her zu stellen. Und er begriff, dass er die Verantwortung in Miami schultern musste, um ganz nach oben zu gelangen. Zu oft hatte er sich in der Vorsaison hinter Wade und Bosh versteckt, wenn es brenzlig wurde. Nicht mehr so dieses Jahr. James kam nach dem Lockout in Topform und mit einem neuen Bewusstsein zurück und dominierte die Liga vom ersten Tag an. Er veränderte seine Herangehensweise auf dem Parkett und begrüsste seine neue Rolle im Low Post. Grob und schroff am Brett statt unentschlossen und soft vom Perimeter war die neue Devise. James gewann den MVP Award und spielte sich mit einer historisch guten Postseason in die Rekordbücher. Spiel vier gegen Indiana. Spiel sechs gegen Boston. Spiel zwei bis fünf in den NBA Finals. Wann immer Miami im Zugzwang war, James lieferte. Und tat das stets mit einer Gelassenheit und Effizienz, die zum allerersten Mal zu seiner Persona passte, zum allersten Mal seinem Selbstanspruch genügte. Inmitten der kollektiven Kritik der Vorsaison, die er ursprünglich gar nicht wahrhaben wollte, hatte James etwas Wahrhaftiges gefunden, dass ihn befreit hatte, ihn psychisch und sportlich reifen und ihn gestärkt aus der ganzen Sache hervor gehen liess. Er musste es auf die harte Tour lernen. Und das hat er, zweifelsohne. Kein Spieler war in dieser Saison konstanter, kein Spieler vielseitiger, kein Spieler besessener. James ist nun legitimer NBA Champion, und das muss man respektieren, denn es lässt sich nicht mehr aus den Geschichtsbüchern tilgen. Vielleicht brechen jetzt die Dämme und es folgen fünf weitere, vielleicht bleibt Titel Nummer eins nur die Ausnahme. So oder so: die Zeit war reif.

Das ist kein Plädoyer für LeBron James. Weder soll er als neuer, alter Heilsbringer der Liga, noch als liebenswerter Charismatiker oder minderbemittelter Narzisst porträtiert werden. Jedem einzelnen von uns steht es zu, den Sport und seine Protagonisten so zu erfahren, wie man es persönlich für richtig hält. Ob man James und/oder Miami liebt, hasst oder ihnen absolut neutral gegenüber steht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich hoffe allerdings, dass diese Championship viele der oberflächlich-debilen Diskussionen der letzten zwei Jahre ein für allemal weg waschen kann. Die Running Gags haben ausgedient. Ich hoffe, dass wir nicht mehr über abstrakte 'clutch' Definitionen reden müssen. Ich hoffe, dass wir nicht mehr über die Legitimität der Miami Heat als Team diskutieren müssen (ja, sie werden bevorzugt und dürfen im Schnitt fünf mal mehr pro Abend an die Freiwurflinie. Gewöhnt euch dran!), und dass auf der Gegenseite nicht mehr jeder, der konstruktive Kritik am Spiel der Heat übt, gleich als ___________ verunglimpft wird. Vielleicht ändert sich der Diskurs wieder, weg von Oberflächlichkeiten und pseudo-psychologischem Gewäsch und wieder hin zu mehr Basketball. Miami gegen Oklahoma City könnte zu einem faszinierenden Finals-Duell auf Jahre hinaus werden. Das Lakers-Celtics dieser Dekade, vielleicht. Die Liga ist, spielerisch und finanziell, in guten Händen, erst recht, wenn letzte Unzulänglichkeiten ausgemerzt werden.

Wenn überhaupt, dann sollte LeBron's erste Championship alle näher zusammen bringen. Sein Talent, seine futuristische Veranlagung und die Möglichkeiten, als einer der fünf besten Spieler aller Zeiten in die Annalen einzugehen, sind nicht von der Hand zu weisen. Die Ambivalenz seiner eigenen Person - wer er ist, weiss wahrscheinlich nicht einmal er selbst genau - spiegelt sich in den Handlungen und Diskursen aller Basketballfans weltweit wieder, die das volle Spektrum der Hysterie abdecken. Über die Auseinandersetzung mit LeBron James und den ihn umgebenden Faktoren erfährt man vieles über sich selbst, wenn man denn möchte. Eines ist unumstösslich: James' zerklüftete Reise und sein ganz persönlicher Kampf, um bis zu diesem Punkt zu gelangen, sind definitiv so einmalig, wie sein Spiel selbst. Das sollte man respektieren. Und dafür, dass man all diese Zwiespältigkeit live miterleben darf, dafür sollte man sogar dankbar sein. Die Zeit ist reif...