19 Juni 2012




Die allgemeine Annahme in der Basketball Association ist, dass junge Mannschaften keine Titel gewinnen. „Alt und erfahren“ frisst „jung und wild“, so manifestiert sich die Playoff-Nahrungskette in der besten Liga der Welt. Teams und Spieler müssen erst Lehrgeld zahlen, sich ihren gerechten Anteil an verheerenden Niederlagen und bitteren Enttäuschungen abholen, ehe ihnen irgendwann, wenn alles gut läuft, von Gevatter Zeit der Schlüssel zum NBA-Penthouse übergeben wird. Ihr wisst schon, die Hall of Fame Suite in der obersten Etage, wo die Legenden des Sports residieren. Dort, wo auch LeBron James und Kevin Durant hin wollen.

Oklahoma City versucht, das Drehbuch umzuschreiben. Das Team, dessen Protagonisten nicht älter als 23 Jahre alt sind, dessen Spieler mit Ausnahme von Kendrick Perkins und Derek Fisher noch nie in einem NBA-Finale standen, will den Gesetzmässigkeiten der Liga ein Schnippchen schlagen und die Meisterschaft gewinnen mit dem dann jüngsten Championship-Kern aller Zeiten. Und selbst die Skeptiker, die Puristen, die Konservativen, sie räumten den Thunder vor diesen Finals gesunde Chancen ein, jenen Kreis zu durchbrechen.

Erst recht nach der Art, wie das Team von Head Coach Scott Brooks die letzten drei West-Champions aus diesen Playoffs fegte. Die beeindruckenden Siege gegen die Mavericks, Lakers und Spurs signalisierten eine Wachablösung in der linken Conference und etablierten im Mai eine neue Hackordnung, die auf Jahre Bestand haben dürfte. Es schien, als seien die 38 Playoff-Partien, die Kevin Durant, Russell Westbrook, James Harden und Serge Ibaka vor diesen Finals zusammen absolviert hatten, weitaus bedeutender als die Geburtsjahre in ihren jeweiligen Spielerpässen. Erst recht nach vier Siegen in Folge gegen die zuvor ungeschlagenen und mächtigen Texaner aus San Antonio. Ein unabwendbares Donnerwetter aus Oklahoma, gewaltig und desaströs für den Rest der Liga. Man weiss, dass es kommt, aber man wird trotzdem nass.

Die Situation erinnert ein wenig an die frühen 90er Jahre, als die jungen, wilden Stiere eines gewissen Michael Jordan die NBA im Mark erschütterten. Angetrieben von einem frenetischen Publikum im altehrwürdigen Chicago Stadium - eine weitere Parallele zu Oklahomas Chesapeake Energy Arena - eliminierten die Bulls 1991 nacheinander die Philadelphia 76ers, Detroit Pistons und Los Angeles Lakers auf dem Weg zum ersten ihrer insgesamt sechs Meistertitel. Der Durchmarsch gegen die „alte Garde“ der Liga und der Triumph gegen Magic Johnson in den Finals signalisierte einen historischen Umbruch und stellte simultan alle allgemein gültigen Prämissen jener Zeit auf den Kopf.

Sind die Thunder die neuen Bulls? (Hier weiterlesen...)