10 Juni 2012



Seit Dezember wird unaufhörlich Basketball gespielt, aber die Wirbelwind-Saison 2012 neigt sich ihrem Ende entgegen. Nur noch zwei Teams stehen, nur noch sieben Partien gibt es im besten Falle zu bestaunen, bevor der Vorhang für eine durch und durch zukunftsträchtige Spielzeit endgültig fällt. Apropos Zukunft: wie geht es eigentlich bei den sogenannten Contendern weiter, welche Optionen stehen zur Verfügung, wie sollten sie die neue Saison angehen? Sebastian Dumitru (NBACHEF) und Onur Alagöz (Nothing-but-Net) wagen einen ersten, kompakten und absolut unvollständigen Blick durch's Fernglas auf 2013 und darüber hinaus.


Wie wirkt sich Neil Olsheys überraschender Abgang nach Portland auf die Zukunft der Los Angeles Clippers aus?

Alagöz: Der Fluch der Clippers ist kein paranormales Phänomen, sondern sitzt in einem Bürosessel in der Chefetage. Wie kurzsichtig, gierig und inkompetent Clippersbesitzer Donald Sterling wirklich ist, hat sich bereits in der Vergangenheit abgezeichnet. Nun aber Neil Olshey, den Hauptverantwortlichen für die erfolgreichste Saison der Franchisegeschichte, ziehen zu lassen und im gleichen Atemzug auch noch Del Negro zu befördern – einfach bodenlos. Zwar sitzt der Kern der Mannschaft mit Paul und Griffin, Jordan und Butler kommen ebenfalls zurück, aber wer handelt so ausgefuchst neue Deals für Billups, Williams, Bledsoe und Martin aus? Es zeigt einfach wieder, wieso die Clippers eine horrend unprofessionelle Mannschaft und ein mies geführtes Unternehmen sind. Portland – allen Voran Besitzer Paul Allen – klopft sich natürlich unentwegt auf die Schulter, denn man hat es – dank Sterlings mangelndem Charakter – geschafft, einen exzellenten General Manager an Land zu ziehen, der wohl im Staate Oregon weitaus mehr geschätzt wird als in Los Angeles.

Dumitru: Nicht gut, soviel steht fest. Abgesehen davon, dass man sich einen der besten jungen GMs der Liga (Olshey ist erst 47) quasi ohne Gegenwehr von einem Konkurrenten in der gleichen Conference abluchsen liess, sendet diese Transaktion eine Reihe negativer Signale durch die Franchise und die gesamte Liga. Wie will man Chris Paul (Unrestricted Free Agent 2013) oder Blake Griffin (RFA 2013) davon überzeugen, dass man das Loser-Image der Vergangenheit abgelegt hat und die beste Saison der Franchise-Geschichte (.606 Siegesquote inkl. Conference Semifinale) kein Zufallsprodukt war? Wie will man potentielle Free Agents davon überzeugen, auch in Zukunft weiterhin beim anderen LA-Team anzuheuern, so wie sie das in dieser Saison reihenweise taten, wenn der Teambesitzer sich nach wie vor weigert, seine Arbeitnehmer respektvoll zu behandeln und angemessen zu bezahlen? Und wie soll ein Triumvirat aus Andy Roeser, Gary Sacks und Vinny del Negro in der Management-Etage bessere Arbeit leisten als Olshey, der für einen Bruchteil dessen hätte verlängert werden können, was er unterm Strich wert ist? Ja, die Clippers spielen dank Paul/Griffin weiterhin um den Pacific-Titel mit und könnten ihren Erfolg (Runde zwei) ohne Weiteres duplizieren. Aber Titel kosten Geld. Sterling hat kein Interesse, zu investieren. Und CP3/Blake haben kein Interesse, Jahr für Jahr vor dem Conference Finale zu scheitern. Wie gesagt: nicht gut!


Schaffen die Los Angeles Lakers den Übergang zur "Bynum-Ära"? Welche Entlastung kann man Kobe für seine letzten Saisons zukommen lassen? Muss LA im Sommer auf dem Trademarkt tätig werden?

Alagöz: Zunächst muss Bynum beweisen, dass er nicht nur körperlich eindrucksvoll auftreten, sondern auch auf Dauer stabil und der Tragpfeiler für das Team sein kann. Der momentan mindestens zweitbeste Pivote der Liga machte einen gewaltigen Leistungssprung, bringt aber dennoch zu oft lethargische Leistungen wie in Spiel 5 gegen die Thunder. Früher baute man ein Team um einen dominanten Center auf und umso glücklicher darf man sich in L.A. schätzen, dass man einen von höchstens drei Spielern dieser Art in der Liga besitzt. Was Kobe aber nun seit über 15 Jahren mitbringt – Ehrgeiz, Willen, Führung und Leidenschaft – geht Bynum beinahe vollends ab. Umso wichtiger ist es, dass er endlich aufwacht, um Kobes letzte Saisons möglicherweise doch noch mit einem 6. Ring zu krönen. Die Dominanz der Black Mamba nähert sich ihrer Abenddämmerung, ohne Zweifel. Ergo sollte man auf der Stelle aktiv werden und das Team verstärken. Gasol geht, das ist ein offenes Geheimnis und auch Steve Blake steht zu Recht auf der Abschussliste. Solide Backups für jede Position müssen her – möglicherweise ja sogar wieder ein Lamar Odom.

Dumitru: Die Lakers müssen definitiv tätig werden, wenn sie ihr offenes Championship-Fenster (das immer offen ist, solange Bryant auf der Zwei aufläuft) weiterhin offen halten wollen. Dass der Angriff unter Mike Brown und ohne die kaschierenden Elemente der Triangle Offense von Phil Jackson nicht funktionieren kann, wurde schnell offensichtlich. Gasol und Bynum passen ganz plötzlich nicht mehr zusammen, und was früher die grosse Stärke war (Grösse unter den Brettern), ist schnell zur Schwäche verkommen (Speed). Heisst im Klartext: mindestens einer von beiden muss gehen. Da Gasol bereits getradet wurde, wird es wohl wieder ihn treffen. Die Gehälter von Steve Blake und Ron Artest stehen in keinerlei Relation mehr zu ihren Leistungen auf dem Parkett - Amnestie oder Trade heisst die Devise. Finanzielle Sprünge sind nicht möglich - weder in diesem Sommer, noch später. Best Case Szenario für die Lakers? Sessions und Hill verlängern, Bynum für Howard traden, Gasol für zwei Starter-Kaliber verscherbeln, Nash für die Mini-MLE verpflichten und Odom irgendwie davon überzeugen, im Dezember für's Minimum anzuheuern. Unterm Strich: ohne hochkarätige Zugänge, die diese Mannschaft mit tragen können, sind Championships in der Kobe-Ära nur noch Wunschdenken für die erfolgsverwöhnten Lakers-Fans.


Für viele waren die Memphis Grizzlies vor der Saison der Geheimtipp für's Western Conference Finale. Statt dessen flog man schon in der ersten Runde aus den Playoffs. Was muss 2013 besser werden?

Alagöz: Harte, malochende Teams bringen es in der NBA immer zu etwas. Was umso ärgerlicher ist, angesichts des Leistungsvermögens der Bären. Hier wäre so viel mehr drin gewesen, nicht umsonst waren sie das Team, gegen das keiner spielen wollte. Conley, Gay, Randolph, Gasol, Mayo, Allen, Arthur sind allesamt Spieler, die sich nicht verstecken müssten. Zwar haben wir uns alle damit abgefunden, dass aus Gay nie der Superstar wird, der in ihm steckt, aber auch der Rest des Teams muss einen Gang höher schalten. Eine geschlossene Mannschaft kann eine talentierte beinahe immer besiegen, muss dafür aber auch die Feinheiten des Spiels und den Druck verstehen und vertragen können. Die fehlende Konstanz machte hier dem möglichen vorausgesagten Lauf einen Strich durch die Rechnung. Versucht man in Tennessee aber aus dem Verfall mehrere elitärer Westteams Profit zu schlagen, kann man es in den nächsten Jahren durchaus zu einem regelmäßigen Wiedersehen in der zweiten bis dritten Runde schaffen.

Dumitru: Wenn Conley (2-13 FG), Randolph (3-12 FG) und Mayo (1-11 FG) im entscheidenden siebten Spiel gegen die Clippers keinen kollektiven Kothaufen gelegt hätten, wer weiss, was für Memphis gegen San Antonio in Runde zwei alles drin gewesen wäre. Die Grizzlies müssen der Realität ins Auge blicken. Man hat in seinen Gasol-Randolph-Gay-Conley Nukleus langfristig investiert und kann frühestens 2015 neue Wege gehen. Bis dorthin ist kein Platz unter dem Salary Cap, weshalb man im Sommer vielleicht auch OJ Mayo (RFA) ziehen lassen muss. Jede Verbesserung muss also von intern erfolgen. Vielleicht findet Randolph nach seiner schweren Knieverletzung, die ihn sichtbar beeinträchtigte, wieder seine alte 20/10 Form wieder. Vielleicht lernen Gasol und Conley einen zusätzlichen Offensivmove dazu. Vielleicht registriert Gay, dass er seit mittlerweile fünf Jahren in seiner Entwicklung stagniert und 16+ Millionen pro Jahr durchaus bedeuten, dass einem der Sprung unter die NBA-Elite zugetraut wird. Die Bären konnten die hohen Erwartungen in dieser Saison nicht erfüllen, greifen aber nächste Saison unverändert an und werden allgemein als früher Favorit auf Heimvorteil in Playoff-Runde eins gehandelt.


Derrick Rose fällt im schlimmsten Fall bis Anfang 2013 aus. Wie kann Chicago den Verlust kompensieren - und gelten die Bulls angesichts dessen überhaupt noch als Meisterschaftsanwärter?

Alagöz: Es ist so bitter und enttäuschend. Nichts und wirklich gar nichts konnten die Bulls für den epochalen Kollaps ihrer Mannschaft in der ersten Runde. Verletzungen sind selbstredend ein Teil des Spiels, aber wie ungelegen und unfair diese kamen, ist einfach nur traurig. Wenn Rose lange aussetzt, was anzunehmen ist, damit er auch wirklich wieder bei 100% ist, werden die Bulls es schwerer haben als diese Saison. Die Stimmen, die nach einem Trade Boozers verlangen, werden lauter, auch Rip Hamiltons Sitz war nach dem Erstrundenaus gegen Philly langsam heißer geworden. Ohne Rose können die Bulls zwar mithalten und oben mitspielen, aber für ganz oben reicht es dann doch nicht.

Dumitru: Ohne einen 100% fitten Rose sollte man sich als Bulls-Fan alle Championship-Gedanken schnell wieder aus dem Kopf schlagen. Der MVP der letzten Saison ist der Motor, der dieses Team antreibt. Es wäre für die Franchise verheerend, wenn er nie wieder seine alte Form erreicht. Ungeachtet dessen sind viele Puzzlestücke für einen weiteren Push vorhanden. Noah, Deng, und Boozer sind bis mindestens 2014 unter Vertrag. Und nach der Conference Finals Teilnahme 2011 sind die Ziele nach wie vor hoch gesteckt in der Windy City. Die wichtigste Frage ist natürlich, wie die Abwesenheit von Rose kaschiert werden kann, bis dieser zurück kommt - im besten Falle Ende Januar 2013. Gerüchte erwähnen Steve Nash oder Jason Kidd als Ersatz. Die Bulls könnten aber nicht mehr bieten als das Veteran's Minimum oder ihre Mini-MLE. Als gesichert gilt, dass das Management im Draft einen "explosiven Gestalter" auswählen wird, jemanden wie Marquis Teague oder Doron Lamb, falls die an Nummer 29 noch verfügbar sein sollten. Wenn - und das ist ein grosses Wenn - Rose bis nach dem All-Star Break wieder ganz der Alte ist, geht der Titel im Osten natürlich wieder nur über Chicago.


Die Indiana Pacers beendeten vor zwei Wochen ihre beste Spielzeit seit 2004. Kurzes Strohfeuer oder legitimer Contender in den nächsten Jahren? Was bringt die Zukunft für Larry Bird & co.?

Alagöz: Die sehr homogene Arbeitertruppe aus dem Basketballstaat finde ich einfach sympathisch. Sie arbeiten hart, sind gut besetzt, gut gecoacht und diszipliniert. Es fehlt – ähnlich wie in Philadelphia – aber ein erstklassiger Go-To-Guy. So gern ich Danny Granger auch immer mochte, er kann in diesem Fall nicht die Antwort sein. Der erst 22-jährige Paul George mauserte sich in der abgelaufenen Spielzeit nicht nur zum besten Verteidiger der Mannschaft, sondern auch zum vielseitigsten Baller im Kader. Das Potenzial des jungen Swingman ist beinahe grenzenlos, Länge, Athletik, Sprungwurf – alles da. Logischerweise fehlt ihm noch die Erfahrung und die Abgeklärtheit, aber in ihm steckt ein besserer Andre Igoudala, der nur darauf wartet, aufzudrehen. Roy Hibberts Leistungskurve zeigt auch nach oben, der Trend geht weiter in Richtung All-Star Format. Zwar war seine Nominierung dieses Jahr mehr dem Mangel an Alternativen zu verdanken, zukünftig könnte er sich aber durchaus als zweitbester Center im Osten nach Howard etablieren. Verstärkt man punktuell, kann man die großen Teams im Osten mehr als nur ärgern, in den nächsten Jahren sogar ins Conference Finale einziehen. Für den Contenderstatus fehlt wie gesagt der Superstar, aber was das Fundament angeht, hat Larry Legend erstklassige Arbeit geleistet, auf der man in den nächsten Jahren gelassen aufbauen kann.

Dumitru: Es hat lange gedauert, aber Pacers-Präsident Larry Bird hat aus seinen Tempomachern wieder das gemacht, was sie in den 90ern und frühen 2000ern regelmässig waren - ernst zu nehmende Titelanwärter in der Eastern Conference. Das junge und organisch gewachsene Team brachte sogar die mächtigen Miami Heat ins Wanken, ehe es die Nerven verlor und sich von der Erfahrung und spielerischen Extraklasse der Floridianer den Schneid abkaufen liess. Aber diese Saison hat angedeutet, wohin die Reise gehen könnte für die Hoosiers. Bird's Schlüsselspieler kommen alle zurück, inklusive RFA Hibbert, der seinen Markwert auf 10-13 Millionen/Jahr gesteigert hat. George und Collison verdienen noch wie Rookies, West ist mit 10 Mio. $ adäquat bepreist. Trotz des zu hohen Gehalts für "Franchise-Spieler" Granger bleibt genug Platz unter dem Cap, um zum Beispiel Lokalmatador Eric Gordon mit einem Max-Deal in seine Heimatstadt zu locken. Selbst, wenn das nicht gelingen sollte, hat sich Bird personalmässig und finanziell so positioniert, dass er ohne weiteres grosse Sprünge tätigen kann (Dwight Howard zur Miete, vielleicht?). Ach ja: Kevin Pritchard, einer der besten seines Fachs, wird neuer Pacers-GM. Ihr seht: Larry Legend hat in Indiana ganze Arbeit geleistet und alle Bases abgedeckt, auch für die Zukunft.


Schnell und hoch geflogen, blitzschnell tief gefallen. Im Handumdrehen war sie vorbei, die Saison der San Antonio Spurs, die mehrere Monate am Stück grösster Meisterschaftskandidat waren und dennoch leer ausgingen. Wie geht's jetzt weiter bei den Texanern?

Alagöz: Sie sahen dann doch menschlich aus, sterblich, nachdem sie 20 Spiele am Stück gewonnen hatten, in der Postseason die Putzkolonne mimten und jeden herausfegten. 4 Spiele am Stück an die OKC Thunder abzugeben, war allerdings kein Beleg für die unzureichende Leistung der Texaner, sondern für die herausragende Klasse der jungen Wilden aus OKC. Wenn man jedoch eines gelernt hat aus den letzten 10 Jahren NBA, dann, dass die San Antonio Spurs nicht in der Versenkung verschwinden werden. Zu professionell ist diese Franchise geführt mit dem Besitzer Peter Holt und General Manager R.C. Buford. Solange Mr. Popovich etwas zu sagen hat, Tim Duncan, Manu Ginobili und Tony Parker noch im Kader stehen, wird San Antonio kein Lotteryteam. Vielleicht sind sie keine Contender mehr in der nächsten Saison, aber sie als alte Rentnertruppe abzuschreiben, den Fehler sollten wir nicht noch einmal machen.

Dumitru: Tim Duncans Vertrag läuft im Sommer aus, aber er hat bereits verkündet, um mindestens zwei Jahre verlängern und seine Karriere in San Antonio beenden zu wollen. Ginobili, Tony Parker und Stephen Jackson stehen noch bis 2013 unter Vertrag, der starke Rookie Kawhi Leonard ist langfristig gebunden. Popovich und die Spurs werden mit diesem Nukleus nächste Saison noch einmal angreifen, bevor die Gesamtsituation im nächsten Sommer mit vielen auslaufenden Deals und Platz für mehrere Max-Angebote reevaluiert wird. Mit punktuellen Verstärkungen auf den grossen Positionen (Tiago Splitter und DeJuan Blair sind nicht die Antwort auf Duncans fortschreitendes Alter) und Glück in Form von Gesundheit in 2012/13 landen die Spurs wieder genau dort, wo sie in den letzten beiden Jahren standen: irgendwo unter den besten Teams der Western Conference und mit Heimvorteil in der ersten Runde. Gegen Gevatter Zeit sind aber alle chancenlos. Duncan wird bald 36, Ginobili 35, Jackson 34, Parker 30. Schwer vorstellbar, dass die Spurs-Offensivmaschine jemals wieder solche Drehzahlen erreichen wird wie in dieser Saison. Obwohl...


Selbst die grössten Optimisten müssen sich eingestehen, dass die Boston Celtics die Erwartungen in 2011/12 übertroffen haben. Angesichts dieser Erkenntnis: sollte Ainge den alten Kern behalten oder das Team mit Blick auf die Zukunft auseinander reissen und umbauen?

Alagöz: Im Durchschnitt sind sie ca. 67 Jahre alt, verletzungsgebeutelt und müde – aber sie sind nach wie vor leidenschaftlich, hungrig und haben Kevin Garnett. Man kann menschlich vom Big Ticket halten, was man will, aber die Art und Weise, wie KG das Team immer wieder zu neuen Höchstleistungen antreibt, sie an sein Limit bringt ist ohne Wenn und Aber meisterlich. Trotz mentaler Aussetzer von Rondo, Slumps von Ray Allen und einer basketballerisch fast nutzlosen Bank, sind die Celtics einen Heimsieg vom Einzug ins Finale entfernt. Das können die Grünen nicht gewinnen, sofern es mit rechten Dingen zugeht, aber wieso nicht nutzen, was man hat? Garnett und Allen werden ihre auslaufenden Verträge wohlmöglich für günstiges Geld verlängern, vor allem Ersterer will seine Karriere in Grün und Weiß beenden. Die Essenz davon, zu einem Team zu gehören, hat kein Akteur in den letzten 10 Jahren so verinnerlicht wie der Power Forward. Allen ist trotz seiner fast 37 Jahre zwar heiß umworben, ist aber ein so loyaler und gutmütiger Typ, der sich von Ainge bestimmt breitschlagen lässt. Vielleicht ist es das letzte Aufbäumen bevor man wieder in das Mittelmaß verfällt, aber man konnte in den letzten Jahren beobachten, dass die Celtics nicht kampflos untergehen werden und auf Historie mehr wert legen als jedes andere Team. Was sind da schon ein paar vergeudete Saisons?

Dumitru: Im Februar hätte ich noch mit Ja geantwortet. Da lagen die Celtics unter .500 und liefen Gefahr, sich auf ihre alten Tage hin vollständig zu blamieren. Doc Rivers mochte aber seine Truppe sehr, wie er nach dem bitteren Aus in den Conference Finals gegen Miami eingestand, und fand (mal wieder) die richtigen Worte. Angeführt von einem revitalisierten Garnett und Rondo, der seinen Aufstieg zu einem der besten Spielmacher der Liga fortsetzte, kamen die Kobolde zusammen und kämpften sich Sieg für Sieg, Runde für Runde, bis auf ein Spiel an die NBA-Finals heran. Trotz horrender Verletzungen (Green, Wilcox, O'Neal, Bradley) einiger Leistungsträger, die durchaus den Unterschied hätten machen können. Warum also nicht die Band zurück bringen für eine letzte Zugabe und schauen, was diese Truppe in einer vollen Saison und gesundem Zustand bewerkstelligen kann? Die Bulls sind angeschlagen, die Pacers und die Knicks scheinen noch nicht so weit zu sein. Der Weg zurück in ein weiteres Conference Finale ist also frei, mehr oder weniger. Ainge sollte Garnett, Allen und Bass verlängern, einen Veteranen wie UFA Kaman für kleines Geld unter die Bretter stellen und Rondo als klaren Leader heraus fordern. Wenn er dann im Februar merkt, dass dieser bemerkenswerte Haufen sein Haltbarkeitsdatum überschritten hat, kann der GM immer noch den Reset-Knopf drücken.


Angenommen, die Miami Heat scheitern in dieser Saison wieder vor dem Titel - muss Pat Riley dann nicht ernsthaft über Umbrüche bzw. Trades nachdenken? Wie könnten die konkret aussehen?

Alagöz: Auch auf geschlossene Hassgefahr hin: LeBron James ist nach wie vor der beste Basketballspieler aller Multiversen. Ob Clutch oder nicht, ob „king without a ring“, seine individuelle Klasse ist – spielerisch und physisch zumindest – elitär. Dwyane Wade ist ebenfalls unantastbar, Chris Bosh war das einmal, aber berechtigterweise stellt sich hier die Frage: Bosh für gehobenes Rollenspielermaterial? Damit würden sich aber die Verantwortlichen aus South Beach eingestehen, dass das Experiment der Superfriends gescheitert ist, die versprochene Anzahl an Fingerschmuckstücken bliebe somit bloßes Geschwätz. Ideal wäre ein neuer Coach, auch wenn ich in der Vergangenheit ein Advokat Spoelstras war. Zu einseitig ist die Offensive in engen Situationen, zu wenig werden die Stärken von James und Wade am Schluss ausgespielt. Chris Bosh für ein Paket mit Spielern á la Kendrick Perkins, Eric Maynor und Daequan Cook wäre zum Beispiel ein gelungener Deal, wenn auch in diesem Fall OKC niemals mitspielen würde. Definitiv muss sich aber etwas ändern, Wade ist bereits 30, die für ihn so wichtige Athletik wird eher bald als spät auch schwinden. Steve Nash steht selbstverständlich ganz oben auf der Liste der zu umgarnenden Spieler und könnte vermutlich in South Beach durchaus etwas reißen. Aber wie man „all the way“ geht und gewinnt, weiß auch Nash nicht genau. Abgesehen davon, sie wollen es jetzt. Ob sie es genug wollen, sei einmal dahingestellt, aber über Umbrüche nachdenken ist keine Möglichkeit mehr, es ist wohl in der näheren Zukunft die einzige Alternative, wenn es mit dem Titel wieder nicht klappt.

Dumitru: Denke ich nicht. Es gibt schon einen Grund, warum die NBA zusammen mit der Spielergewerkschaft solche Superstar-Agglomerate mit dem neuen CBA mehr oder weniger verboten hat. Riley hat das System ausgetrickst, und niemand wird es ihm angesichts der finanziellen Situation vieler Clubs und dem neuen Supertax in Zukunft nachmachen können. Abgesehen davon, dass sich die Schwachstellen im Kader (Center, Guard) auch via Free Agency und Draft ausmerzen lassen, hat Riley das, worauf er es immer abgesehen hatte: die Gewissheit, dass sein Team sein eigenes Schicksal selbst in der Hand hält. Nichts garantiert den Titel, man muss ihn sich Jahr für Jahr auf dem Parkett erarbeiten (ein weiterer Beweis für die unendliche Debilität jener peinlichen "not five, not six, not seven..." Begrüssungs-Show vor knapp zwei Jahren in der AAA). Aber trotz seines geradezu verstörenden Anspruchsdenkens und massiven Stimmungsschwankungen hat nur ein Team Jahr für Jahr bessere Ausgangsbedingungen für den Gewinn der Larry O'Brien Trophäe (siehe unten). Als Präsident und Manager hast du damit schon alles Menschenmögliche getan. Spielen müssen die Stars schon selbst.


Ist für Oklahoma City noch Luft nach oben oder spielt das Team schon am Limit seiner Möglichkeiten? Wie gut können die Thunder in den nächsten Jahren werden?

Alagöz: Man halte sich bitte einmal vor Augen, dass Durant, Westbrook, Ibaka und Harden jeweils 23,23,22 und 22 Jahre alt sind. Jahr für Jahr hat sich die Scott Brooks Truppe gesteigert, zuerst Durant, dann Westbrook und diese Saison Harden gewaltige Leistungssprünge gezeigt. Perkins, Durant und Westbrook stehen noch 3, 4 und 5 Jahre unter Vertrag, für Harden und Ibaka hat man übernächste Saison die Möglichkeit auf qualifying offers. Auch Collison und Sefolosha stehen noch für mindestens zwei Spielzeiten im Gehaltsbuch. Die wichtigsten Spieler bleiben zusammen, das Team bleibt wettbewerbsfähig. Jeder der Akteure ist willens, sein Spiel zu verbessern und hat das bereits getan (Durants Defense und Passspiel, Westbrooks Leadership und Entscheidungsfindung, Hardens Scoring und Ibakas Jumpshot). Schafft man es irgendwie unter den CBA Regularien, Harden und Ibaka weiterhin zu halten, sehe ich nicht, was dieser Mannschaft im Weg stehen könnte. Ich lege mich bereits jetzt fest: Durant wird seine Kameraden zu einer Meisterschaft führen, bevor er 25 ist.

Dumitru: Ich hatte es schon vor zwei Jahren geschrieben, lange vor der geballten Medienaufmerksamkeit, den langen Winning Streaks und dem Favoritenstatus im NBA-Finale gegen - ausgerechnet - Miami. Oklahoma City ist das gesündeste und am homogensten zusammen gestellte Team in der Basketball Association. OKC ist auch kein junges Phänomen mehr, obwohl euch die Berichterstattung das suggerieren möchte: die vier Leistungsträger - allesamt All-NBA Spieler, All-NBA-Defender oder Best 6th Man - sind nicht älter als 23, haben aber zusammen schon 152 Playoff-Partien absolviert (je 38). Der GM ist so gut, dass er in seiner Freizeit mal so nebenbei zehn andere Clubs aus ihrer Misere befreien könnte. Und der Besitzer scheint, so sehr ich ihn auch verachte, mehr als gewillt, den Preis zu bezahlen, den man für Championships eben hinblättern muss. Ausser Verletzungen kann ich mir nichts vorstellen, was diese Mannschaft in den nächsten fünf bis sieben Jahren daran hindern sollte, die Western Conference in Serie zu gewinnen und sie bis zum Ende der Dekade in den Finalspielen zu repräsentieren. Sie sind wirklich so gut.