04 Juni 2012




Auf expliziten, mehrfach geäusserten Wunsch kommen in Zukunft hier bei X&O entscheidende und besonders signifikante Plays unter die NBCHF-Lupe.


Es wäre zu einfach, Miami's Scheitern in Spiel vier an LeBron James und/oder Dwyane Wade fest zu machen. Man sollte auch dem Drang widerstehen, die Schuld Udonis Haslem oder Heat-Coach Erik Spoelstra in die Schuhe schieben zu wollen. (Wenn überhaupt, dann am ehesten Mario Chalmers, aber dazu später mehr). Abgesehen davon, dass ein Sieg oder eine Niederlage nie in den letzten Sekunden eines Spiels zustande kommt, einfach weil das Team zuvor 47 Minuten Zeit hatte, um den Gegner nicht zweistellig davon ziehen oder Spieler X heiss laufen zu lassen, haben die meisten Teams Probleme, in der sogenannten Crunch-Time gute Würfe zu generieren. Insbesondere gegen die zweitbeste Defensive der Liga, die in drei Conference Finals Teilnahmen seit 2008 alle grossen und kleinen Tricks kennen gelernt hat. Macht keinen Fehler: die vergebene Siegchance für Miami war viel mehr Verdienst der Celtics-D als eines verkorksten Heat-Angriffs.

Ein Grund, warum ich mich an der ganzen "Clutch-Debatte" nie beteiligt habe, ist die Willkürlichkeit, mit der zugrunde liegende Fakten in jeweilige Argumentationen eingesponnen werden. Das ist das Schöne an Statistiken - man kann sie sich wunderbar zurecht legen, um eigene Standpunkte zu zementieren. Das Hauptproblem: "Clutch" ist nicht einmal unter Experten explizit definiert. Für die einen sind es die letzten fünf Minuten bei maximal fünf Punkten Vorsprung/Rückstand, für die anderen +/- drei Punkte bei noch drei Minuten, für die anderen die letzte Spielminute und wiederum für andere die letzten 24 Sekunden einer Partie. Ratet mal was? In den letzten 24 Sekunden dieser Playoffs haben Teams gerade mal 4 von 33 Würfen zum Ausgleich oder zum Sieg getroffen (davon Durant gleich zwei, was ihn dann wohl zum "clutch-igsten" NBA-Spieler macht. Nicht, dass für diese Schlussfolgerung nicht auch das blosse Auge ausreichte). Mein Punkt: die Erfolgsquote in diesen Situation ist von Natur aus nicht besonders hoch, egal, ob man LeBron James, Kobe Bryant oder Carmelo Anthony den Ball gibt.

Aus meiner Verachtung für Miami's Iso-lastigen Angriff habe ich nie einen Hehl gemacht. Daraus, dass es für die Heat dank der individuellen Extraklasse von James und Wade so am einfachsten ist, Punkte zu generieren, auch nicht. Das Problem: in der Schlussphase eines Spiels werden die jeweiligen Unzulänglichkeiten einer Offensive maximiert, weil der Gegner die Butter-Spielzüge nur zu gut kennt, vor allem Boston. Miami's 0-von-7 in den angesprochenen letzten 24 Sekunden in diesen Playoffs lassen zwei Schlüsse zu: schlechtes Playcalling von Spoelstra, oder schlechte Ausführung der Heat. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen - garniert mit exzellenter Kobold-Defense. Zur Ansicht heute also der letzte, designte Heat-Spielzug im vierten Abschnitt von Spiel vier. Zwischenstand: 89-89.



1. Miami hat bei 21.1 Sekunden auf der Shotclock Einwurf und die Chance zum Sieg, dem wohl vorentscheidenden zum 3-1 in der Serie. Boston weiss schon jetzt, was kommt: Iso-Play für Wade oder James, beginnend irgendwo zentral über der Birne. Pierce ist mit 5 Fouls auf Battier angesetzt, Pietrus checkt James, Rondo ist bei Wade und Dooling bei Chalmers. KG hat zwar ein Auge auf Haslem, spielt aber mehr als Safety in der Mitte des Feldes. Das soll später entscheidend werden.




2. Wade bekommt den Pass von Battier und wartet auf die Ausführung des eigentlichen Plays, das mit James im hinteren, oberen Eck beginnt. "Es war ein Mehrschichten-Ding, das LeBron im Laufen mitnehmen sollte...", sagte Spoelstra später. Battier und Haslem orientieren sich als Screener in die Spielfeldmitte.




3. James kommt quer über den Platz und versucht, seinen Mann an Haslem abzustreifen. Chalmers nimmt seinen Verteidiger mit und macht die komplette Strongside für James frei.




4. James bekommt den Pass von Wade und bezieht auf der Ballseite Iso-Position. Pietrus hat sich durchgekämpft und beschattet ihn. Battier orientiert sich als Dreier-Schütze nach hinten ins Eck und wartet dort auf den Kickout. Pierce folgt ihm, hängt aber in die Mitte des Feldes nach. Hier beginnt der Spielzug für Miami einzustürzen: "...und dann fiel das Ganze ein wenig auseinander, und James musste improvisieren." (Spoelstra)




5. Anstatt den Schwung in Richtung Auslinie/Baseline mitzunehmen und Pietrus abzuhängen, stoppt James den Angriff ab und lässt mehrere Sekunden verstreichen. Chalmers und Wade haben auf der Weakside gekreuzt, während Haslem einsam durch die Zone streift. Garnett beachtet ihn gar nicht, er konzentriert sich nur auf die Nummer 6. Das Spacing bei Miami ist katastrophal. Und Chalmers macht alles nur noch schlimmer.




6. Der Heat-Guard nimmt seinen Mann quer durch die Zone mit und deponiert ihn genau dort, wo James hin ziehen will: in Höhe der Freiwurflinie. Boston spielt das jetzt perfekt. Pietrus, Dooling, Rondo und Garnett haben den MVP im Auge und wissen, dass er entweder selbst wirft (geringe Wahrscheinlichkeit) oder dank seiner Uneigennützigkeit den freien Mann sucht (hohe Wahrscheinlichkeit). Garnett weiss, dass Haslem irgendwo hinter ihm am Korb verweilt, und macht durch seine hängende Verfolgung den direkten Passweg auf den Forward zu. Rondo deckt den Passweg zum Corner Three ab, Pierce neutralisiert Wade und Haslem unter dem Korb.




7. Ideal gespielt von den Kobolden: James muss allein gegen Vier ziehen, ohne direkte Kickout-Optionen oder die Chance auf einen guten Wurf. Chalmers setzt seine völlige Planlosigkeit fort und läuft in neun Metern Korbentfernung einen Curl. Damit sinkt nicht nur jegliche Wahrscheinlichkeit auf einen Pass von James und einen hochprozentigen Wurf - sein direkter Verteidiger Dooling kann sich voll und ganz James widmen. Verheerend für Miami. James sucht als letzte Option den freien Haslem auf der linken Seite, aber der direkte Passweg ist dank KG's perfekter Rotation zu. Zu allem Überfluss bekommt Dooling noch einen Teil vom Ball. James verzieht den Pass, kann ihn dank seiner Kraft aber trotzdem noch als Bounce-Pass anbringen.




8. Nur eben viel zu spät für einen guten Wurf von Haslem. Pierce und Garnett nutzen die verstreichende halbe Sekunde, um blitzschnell zu ihm aufzuschliessen. Haslem bleiben bei 1.8 Sekunden auf der Uhr nur noch zwei Optionen: ein schneller Pass hinaus zu Chalmers. Oder der eigene Abschluss. Die Passwege zurück zu James und unter den Korb zu Wade sind abgeschnitten.




9. Haslem ist gezwungen, einen verteidigten Fadeaway-Jumpshot vom linken Ellbogen gegen den besten Frontcourt-Verteidiger der letzten zehn Jahre zu nehmen. Der Ball nimmt nur Luft mit, und Boston gewinnt später nach Verlängerung 93-91.