12 Juli 2012



Die Free Agency ist noch lang, denn erst seit heute dürfen offiziell Deals unterzeichnet werden. Aber nur wenige Entwicklungen in diesem Sommer werden schockierender sein als die Nachricht, dass Ray Allen von den Boston Celtics zum Erzrivalen Miami Heat wechselt. Die Entscheidung stand bekanntermaßen schon vor Tagen fest und erschütterte Boston-Fans und NBA-Puristen bis tief ins Mark: der erfolgreichste Drei-Punkte Werfer aller Zeiten verlässt nach fünf erfolgreichen Saisons, inklusive drei Conference Finals Teilnahmen und einem Titelgewinn 2008, die Celtics, um fortan mit Miami auf Championship-Jagd zu gehen.

"Verräter", "Feigling" oder "Judas Shuttlesworth" waren noch die stubenreinsten Schimpftiraden in Richtung Allen, der von seinem alten Team knapp doppelt so viel Geld angeboten bekommen hatte, um zu bleiben. Der bald 37-Jährige entschied sich dennoch für das Angebot von Heat-GM Pat Riley, das sich auf die volle Mini-MLE beläuft, bei knapp 3.1 Mio. $ pro Saison anfängt und unter'm Strich 9.5 Millionen für drei Jahre Wert sein dürfte. Inklusive Spieleroptionen für Allen nach den Jahren eins und zwei. Allen widerlegte während seiner Begrüssungs-PK in Florida die Auffassung, dass sein Wechsel etwas mit seinem angespannten Verhältnis zu Celtics Point Guard Rajon Rondo zu tun gehabt hätte: "Wir hatten unsere Differenzen. Aber wir waren Mannschaftskollegen. Ich kann nicht sagen, dass das meine Entscheidung beeinflusst hat." Allen erkannte an, dass Doc Rivers, Danny Ainge und seine zwei besten Freunde in Boston, Kevin Garnett und Paul Pierce, wohl enttäuscht sind, ohne letztendlich aber einen spezifischen Grund für seinen Wechsel zu nennen.

Wenn ich seine Worte während der Vorstellung richtig deute, scheint mir Allen mehr enttäuscht zu sein, als alles andere. Vielleicht hat er sich unter'm Strich mehr erhofft von der "Big Three Ära" als nur den einen, einzigen Meisterschaftsring. Vielleicht hat es ihn, der nach seinem Wechsel aus Seattle individuell am meisten aufopfern musste, gestört, dass er immer der entbehrlichste der grossen Drei war und Jahr für Jahr mehrfach in Tradegerüchten auftauchte. Und ein paar Mal fast getradet wurde (...Allen erzielte als Sonic routinemässig 25 PPG und beendete seine letzte Saison dort als sechstbester Scorer der Liga mit 26.4 PPG). Vielleicht hat es ihn geärgert, dass seine Leistungen nie wirklich gewürdigt wurden und er, der zukünftige Hall of Famer, nach hartnäckigen Verletzungsproblemen seinen Startplatz an Jungspund Avery Bradley verlor. Was auch immer die wahren Gründe hinter seiner Entscheidung waren: Allen hatte als Free Agent jedes Recht, sich seinen nächsten - vielleicht letzten - Arbeitgeber aus freien Stücken selbst auszuwählen. Und wer Pat Riley jemals beim Pitchen einer seiner Ideen erlebt hat, den wird diese neueste Entwicklung hier nicht sonderlich überraschen können. (als Faustregel gilt: "wenn Riles es schafft, deinen Spieler zum Essen einzuladen, hast du ihn im Prinzip schon verloren.")

Allen nimmt seine 2718 erfolgreichen Dreier also mit nach South Beach und verleiht den Heat dank seiner Beschlagenheit von jenseits der 7,24 eine völlig neue Dimension im Angriff - eine, die sie in den letzten beiden Jahren nicht hatten. "Es gibt nur eine Handvoll Spieler in dieser Liga, die dem Gegner einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Ray ist einer davon", konnte Heat-Coach Erik Spoelstra seine Begeisterung kaum im Zaum halten. Man muss kein Seher sein um sich ausmalen zu können, welchen Schaden der beste Dreier-Schütze aller Zeiten aus den Ecken anrichten kann, wenn er nach dem Double-Team gegen LeBron James, Dwyane Wade oder Chris Bosh mustergültig und freistehend bedient werden wird. Auch wenn Allen längst nicht mehr so ergiebig scoren kann wie früher: von Draussen stellte der 10-fache All-Star in den letzten beiden Jahren mit .444 und .453 neue persönliche Bestmarken auf. Seine nachlassenden Skills in der Verteidigung können von der schwärmenden Heat-Defense noch besser kompensiert werden als in Boston. Alles, was Allen in Miami also machen muss, ist sich entspannt zurück zu lehnen und ein paar freie Dreier zu versenken. Nichts leichter als das, oder?

Die Floridianer konnten sich in einem zweiten under-the-radar Signing noch die Dienste von Stretch-Forward Rashard Lewis sichern. Der bringt ebenfalls Feuerpower von aussen und soll damit die spielerische Extraklasse der drei Heat All-Stars komplementieren. Spätestens der Titelgewinn hat verdeutlicht, wie Miami im Idealfall spielen möchte und damit gleichzeitig die Blaupause für alle weiteren Verpflichtungen in den nächsten Jahren kreiert. Das Distanzshooting von Allen und Lewis wird alles in den Schatten stellen, was die Heat über die Saison verteilt von Shane Battier, Mike Miller oder James Jones erhielten. Auch Lewis gehört zu den erfolgreichsten aktiven Dreierschützen der Liga (1690 Treffer, Platz fünf) und kann dank seiner 2,08m das Spiel auseinander ziehen, wenn er gegnerische Dreier/Vierer bis weit nach aussen lockt. Obwohl unklar ist, wie viel der 32-Jährige nach zwei enttäuschenden Saisons in Washington noch im Tank hat, liegt sein Karriere-Scoring-Schnitt immer noch bei 16.1 PPG und seine Treffsicherheit von Tief bei starken 39%. Lewis war einst in Seattle der Co-Star neben Ray Allen und hinter Dwight Howard der zweitwichtigste Mann während Orlando's magischem Run ins NBA-Finale 2009. Den ein oder anderen Playoff-Dreier wird er also schon einstreuen können.

Riley hat in den letzten beiden Jahren gezeigt, dass er aus seinen Fehlern 2006 gelernt hat. Damals liess der Heat-Präsident das Meisterschaftsteam unverändert und musste entsetzt dabei zusehen, wie satte Heat im Jahr darauf zur erbärmlichsten Titelverteidigungssaison aller Zeiten stolperten - inklusive Erstrundensweep gegen Chicago. "Das war mein Fehler damals", gestand Riley ein. "Ich habe gelernt, dass man immer wieder, Jahr für Jahr, Qualität und spielerisches Talent hinzu addieren muss. Erfahrung und neue Spieler, die unbedingt gewinnen wollen, sind für den weiteren Erfolg unabdingbar. Letztes Jahr war es Shane (Battier). In diesem Jahr sind es Ray und Rashard."