04 Juli 2012




"Mindcrusher, spinecrusher. Brooklyn been banging, making noise from the US to Russia..." (Brooklyn Took It, Jeru the Damaja)


Die Brooklyn Nets müssen ernst genommen werden - und haben damit schon jetzt mehr erreicht als die New Jersey Nets in den letzten fünf Jahren. Superstar Deron Williams gab am späten Dienstag-Abend, New Yorker Zeit, die aufregende Nachricht bekannt: "Ich habe heute eine schwere Entscheidung getroffen..." zwitscherte Williams und begleitete sein kurzes Twitter-Statement mit dem neuen, schwarz-weissen Nets-Logo. Damit ist klar: der begehrteste Free Agent des Sommers bleibt ein Net und damit Anker und Hoffnungsträger eines lange gebeutelten Clubs, der in Brooklyn einen neuen Anfang wagt.

Williams' Bekenntnis wird mit einem brandneuen, knapp 100 Millionen Dollar teuren Fünfjahresvertrag honoriert, der ihn zum Max-Level Player macht und seinem Status als Top-10 Spieler in der Liga endlich gerecht wird. Der 28-Jährige gehört schon seit geraumer Zeit zu den 2-3 besten Point Guards im Game und demonstrierte das auch in der abgelaufenen Saison, als er 21 Punkte und 8.7 Assists im Schnitt auflegte. D-Will ist ein legitimer Franchise-Spieler, den die Nets letzten Februar zur Trade-Deadline in einem überraschenden Tausch aus Utah holten (für Devin Harris, Derrick Favors und zwei Erstrundenpicks).

Sein Verhältnis zu General Manager Billy King und Head Coach Avery Johnson in New Jersey war von Beginn an ausgezeichnet - trotz der zahlreichen Niederlagen und generellen Hoffnungslosigkeit im Newarker Prudential Center (wer schon einmal vor Ort war, wird zugeben, dass das Eishockeystadion der Red Devils nicht sehr Basketball-freundlich ist). Als der Lockout vor einem Jahr die Liga erfasste, ging Williams als einziger Star über den grossen Teich und heuerte bei Beşiktaş Istanbul in der Türkei an - wenn auch nur für ein paar Monate. Spätestens dieser riskante Schritt überzeugte mich endgültig davon, dass Williams' innere Uhr ein wenig anders tickt als die der anderen NBA-Stars. Diese Entscheidung war es auch, die mir kommunizierte, dass Williams mit nach Brooklyn übersiedelt, komme was wolle, solange Prokhorov, der Besitzer, und King, der Manager, nur ihr Wort halten und emsig nach Verstärkungen suchen würden.

Das taten sie, und wie! In regem Kontakt zu Williams stehend, der jeden Schritt des Clubs seit seiner Ankunft im grossen Apfel mit choreographierte, verlängerte King erst Gerald Wallace (4 Jahre/40 Mio. $), stibitzte dann in einem einseitigen Trade Joe Johnson aus Atlanta und verpflichtete heute den besten Spieler der Euroleague, Mirza Teletovic (3 Jahre/15.7 Mio. $) sowie Reggie Evans von den Los Angeles Clippers (mit Hilfe einer Trade Exception im Tausch für einen Zweitrundenpick). Dazu hat man noch die Möglichkeit, die eigenen Free Agents Brook Lopez und Kris Humphries entweder zu verlängern/behalten, oder sie in einem Sign & Trade für weitere Puzzlestücke zu veräussern. Puzzlestücke wie Dwight Howard zum Beispiel, der erst gestern wiederholte, nur in Brooklyn langfristig spielen zu wollen und in Orlando isoliert ist. Ich will damit nicht implizieren, dass D12 auch noch zu den Nets wechselt - die Wahrscheinlichkeit ist durch das Teletovic-MLE Signing erheblich gesunken. Aber die Möglichkeit besteht nach wie vor (z.B. indem man den Bosnier in der nächsten Woche überredet, die Mini-Midlevel zu nehmen und damit weitere Finanzreserven offen legt) und signalisiert die radikal veränderten Vorzeichen bei der ehemaligen Lachnummer der Liga. Die Nets sind urplötzlich ein Top-4 Team im Osten und Mitfavorit in der Atlantic Division - auch ohne Howard.

Die Dallas Mavericks - Williams' angebliche Reserve-Option - gehen dagegen komplett leer aus und tauschen mit den Nets die Tabellenregion. Ich kann nicht behaupten, dass mich das überrascht (siehe sämtliche Mailbox-Montage seit März). Wer so rücksichtslos mit dem eigenen Championship-Kader umspringt und in einem Anfall von Flexibilitätswahn alles in den Wind schiesst für einen eventuellen Lottohauptgewinn, der hat D-Will auch nicht verdient. Was hätte Williams denn nach Dallas locken sollen? Das verblasste Bling einer alten 'Ship? Die Mavs haben keine "Championship-Kultur" wie LA, Boston oder San Antonio. Texas ist nicht New York. Und egal, wie oft ich die Gleichung in meinen Taschenrechner eingebe: 75 Millionen sind immer weniger als 100. Die Mavericks hatten nie ein Argument auf ihrer Seite - es sei denn, man zählt den "deutschen Wunsch" nach Verstärkung für Dirk und einen pseudo-nostalgischen Wert einer Williams-Rückkehr in seine Heimat mit dazu. Anstatt bei der gestrigen Verkaufspräsentation an den einzigen Spieler teilzunehmen, der für diese Mavericks noch einen Unterschied hätte machen können (Williams), zogen es Cuban und Nowitzki lieber vor, ihren Hobbys nachzugehen. Cuban dreht in Kalifornien seine eigene Reality-Show 'Shark Tank', Nowitzki verbringt seine Freizeit beim Tennis gucken in Wimbledon. Ich kann nicht sagen, dass ihre Anwesenheit in New York einen bestimmten Unterschied gemächt hätte. Aber Superstars wollen umgarnt werden. Der Ton macht bekanntlich die Musik. Und den haben die Dallas Mavericks seit ihrem Meistertitel kein einziges Mal mehr getroffen. Jetzt heisst's wieder Lücken stopfen, mit Kikikram-Einjahres-Verträgen für Spieler weit über ihrem Zenit, auf 2013 hoffen und wieder eins der letzten Nowitzki-Jahre auf Top-Niveau in den Wind schiessen. Playoffs? Mit Brendan Haywood als drittbestem Spieler wohl eher weniger.

Das alles tangiert die Nets und ihren russischen Besitzer natürlich überhaupt nicht. Sie haben ihren gewünschten Franchise-Spieler. Deron Williams war seit dem 23. Februar 2011, seit er aus Salt Lake City nach New York übersiedelte, Priorität Nummer eins, zwei und drei für den geplanten, historischen Umzug nach Brooklyn. Mit einem Stützpfeiler wie dem dreifachen All-Star, weiteren Stars im Kader und der Aussicht auf Heimvorteil in der ersten Playoff-Runde gehören die Nets schon jetzt zu den grössten Gewinnern dieser Offseason. Mission erfüllt. Brooklyn Took It!