19 Juli 2012




Maurice Taylor. Shandon Anderson. Tim Thomas. Larry Hughes. Cuttino Mobley. Eddy Curry... Das sind nur einige der Spieler, die in diesem Millenium mehr als 8 Mio. $ jährlich an Gehalt von den New York Knicks überwiesen bekamen. Acht Millionen ist auch das durchschnittliche Jahressalär, dass Jeremy Lin ab der neuen Saison verdienen wird. In Houston, allerdings, weil er den Knicks das Papier nicht wert war, auf dem der Deal gedruckt stand. Die Firma MSG setzt jährlich im grössten Markt der Welt so unendlich viel Geld um, dass Garden- und Knicks-Besitzer James Dolan (der MSG Network als Firmenableger von Cablevision, der noch grösseren Kabel-TV Firma seines Vaters, übernahm) noch nie seine Ausgaben einer genaueren Überprüfung unterziehen musste. Die Einnahmen übersteigen dank Eintritts-, TV- und Merchandising-Kohlen diese um ein zig-faches und beliefen sich allein im letzten Fiskaljahr auf weit über eine Milliarde US-Dollar.

Wozu dieser kurze Ausritt hinaus in die kühle Welt der New Yorker Finanzoligarchie? Um zu verdeutlichen, dass der notorisch planlose Knicks-Macher, der seit 1999 den Traditionsclub kontrolliert, ein schier unerschöpfliches Bankkonto zur Disposition hat, um seine Profiteams (Knicks und Rangers) personell zusammen zu stellen. Und ausgerechnet im Fall Jeremy Lin - dem Sensations-Spieler der vergangenen Saison, der Wohlfühlstory, dem Hoffnungsträger - und nachdem er eigenhändig einen stupiden Vertrag nach dem anderen für die grössten Nichtsnutze des Basketball-Planeten unterzeichnet hat, entschliesst sich Dolan, das Vertragsangebot der Houston Rockets an seinen restricted Free Agent nicht abzugleichen. Der Goldesel zieht also nach Texas ab und wird dort der neue Star einer komplett umgeformten Mannschaft.

Sicher: das 'poison pill' Angebot der Rockets mit den 14.9 Millionen Dollar in Vertragsjahr drei war happig. Lin hätte in New York in 2014/15 fast soviel Geld verdient wie die absoluten Megastars der Liga. Die LeBrons, die Durants, die Carmelo Anthonys. Ohne das - und da sind sich alle einig - zu diesem Zeitpunkt und nach gerade mal 25 soliden NBA-Partien wirklich verdient zu haben. Denn ein paar gute Spiele mit 18/8 im Schnitt rechtfertigen unter keinerlei Umständen ein solch royales Salär. Schlimmer noch: der potentielle Cap-Hit wäre in drei Jahren, wenn die neuen, stark pönalisierenden Luxus-Steuern des neuen Collective Bargaining Agreements zum ersten Mal greifen, für die Knicks enorm gewesen (zwischen 17 und 35 Millionen Dollar zusätzlich).

Nichtsdestotrotz ist der Verzicht auf Lin zu diesem Zeitpunkt und in dieser Form ein absoluter Kopfkratzer und ein weiteres Indiz dafür, dass in New York bei den Knicks nie etwas Sinn machen wird, solange Dolan dort das Sagen hat. Um mal zunächst beim monetären Aspekt zu bleiben: Lin hat letztes Jahr weniger als 800000 US-Dollar verdient. Seit dem Beginn der 'Linsanity' im Februar war der Wert der MSG-Aktie gleichzeitig um mehr als 600 Millionen Dollar gestiegen. Natürlich ist das nicht ausschliesslich Jeremy Lin verschuldet. Aber synergetische Effekte seiner Top-Leistungen auf das wirtschaftliche Endprodukt und das Verhalten der Anleger sind selbstredend. Mit gerade mal 5 Mio. $ pro Saison wäre Lin in den ersten beiden Jahren seines neuen Deals sogar unterbezahlt und ein echtes Schnäppchen gewesen (zum Vergleich: Darko Milicic wird nächstes Jahr 5.2 Mio. $ verdienen). Das leidige "zu hohe Kosten für Lin in 2015" Argument lässt sich doch ebenso einfach auf Carmelo Anthony oder Amare Stoudemire anwenden, denn auch sie werden 2015 mitnichten die 40+ Millionen Dollar Wert sein, die Dolan nach Einberechnung der Luxussteuer für jeden einzelnen an die NBA hinblättern muss. Und noch etwas: Salary-Guru Larry Coon führte vor einigen Tagen ein interessantes Detail aus dem CBA auf, die sogenannte 'Stretch Provision', von der Dolan höchstwahrscheinlich noch nie in seinem Leben gehört hat. Die Stretch Provision erlaubt es einem Team, einen Spieler zu entlassen und das noch ausstehende Gehalt auf die restliche Vertragsdauer mal zwei plus eins zu strecken. Im Fall Jeremy Lin hiesse das: sein Gehalt für 2014/15 (knapp 15 Mio. $) und damit auch der Betrag, den die Knicks versteuern müssten, könnte im Falle einer Entlassung auf drei Jahre auseinander gezogen und somit cap-technisch mit nur 5 Mio. $ (und nur knapp 7.5 Mio. $ nach Steuern) pro Jahr veranschlagt werden.

Wir haben noch gar nicht berücksichtigt, wie begehrt ein Mann wie Lin in der restlichen NBA nach wie vor ist. Oder dass sein Deal im einzigen "überteuerten" Jahr ein 'expiring contract' sein wird und er somit ohne jegliche Anstrengungen umtauschbar wäre. Dass sich gut drei Viertel aller Mannschaften in der Liga um eine Marketing-Goldgrube wie Lin reissen würden, muss ich an dieser Stelle nicht mehr gesondert erwähnen. Sportlich betrachtet - und das ist bei all den irrsinnigen Geldsummen, die als pro/contra Argumente in den Ring geworfen werden, für mich immer noch der entscheidende Faktor - ist Lin's Abgang eine Katastrophe und sinnbildlich für die horrenden Personalentscheidungen, die man von den Knicks mittlerweile erwarten muss. Das Kidd-Signing für die volle Mini-MLE machte eigentlich nur Sinn unter der Voraussetzung, dass Kidd Lin als Mentor zu einem schnelleren Wachstum verhelfen kann. Selbst der Wochenend-Trade mit den Portland Trail Blazers für Raymond Felton war für mich viel eher eine solide Adressierung der offensichtlichen Schwachstellen im Backcourt, wo Iman Shumpert lange verletzt ausfällt, Pablo Prigioni noch keine NBA-Sekunde absolviert hat und JR Smith eine genauso gute Langzeitinvestition ist wie drei Flaschen billiger Fusel plus vier Packungen Gauloises am Tag für die Gesundheit bis hinein ins hohe Alter. Kidd ist fast 40. Felton war letzte Saison knapp 40 Pfund zu schwer. Und Prigioni ist mit 35 der älteste NBA-Rookie aller Zeiten. Auch wenn Mike Woodson für seine Iso-lastigen Offensivsets (siehe Atlanta Hawks) keine penetrierenden Pick & Roll Point Guards braucht, die Steve Novak frei im Eck stehend bedienen, auch wenn Felton vielleicht abspecken wird und an seine Form aus Knicks-Zeiten anknüpft, auch wenn der Angriff viel mehr über Carmelo laufen wird als über jeden der besagten Guards - mit Lin hätte man eine wichtige Option mehr im Spiel gehabt. Einen 'off the dribble' Angreifer und Gestalter, einen, der auch mal von der Eins 20+ Punkte einstreuen kann und so den Druck auf die Defense erhöht, die mit Anthony schon genug zu tun hat. So aber lässt man einen wichtigen Spieler ziehen, schwächt eine ohnehin nicht überragende Backcourt-Rotation und kann bis 2015, wenn dieses Lineup-Experiment ohnehin auslaufen wird, auch keine Impact-Spieler mehr hinzu addieren. So wie das - im schlimmsten Falle und nach der Erkenntnis, dass Lin seine 2012er Form nie wieder erreichen würde - via Trade möglich gewesen wäre.

Unter'm Strich ging es bei dieser verblüffenden Entscheidung wahrscheinlich um weitaus mehr, als um Geld oder Einsatzzeiten. Es ging um Dolan's Ego, wie so häufig, wenn sich dieser ganz spezielle Teambesitzer heraus gefordert fühlt. Die Knicks, die ihm einfach nur zu Beginn der Free Agency einen moderaten 4-Jahres-Deal hätten anbieten müssen, um ihn langfristig und kostengünstig zu binden, liessen Lin zunächst links liegen und ermunterten ihn lieber, sich "seinen eigenen Markt" zu erschaffen. Es war ja immer davon die Rede, dass die Knicks jedes Angebot "bis zu einer Milliarde Dollar" abgleichen und ihren Wunderknaben niemals ziehen lassen würden. Aber Dolan nahm Lin seine Verhandlungen mit Houston übel und grollte hinter verschlossenen Türen wegen des neuen, modifizierten Rockets-Angebots. Das sei, so Dolan intern, alles Lin's Schuld, der nicht genug Respekt hätte vor dem Team, das ihm seine grosse Chance ermöglicht hatte und den Knicks schaden wolle. "Ich wollte für den Rest meines Lebens in New York spielen", enthüllte Lin gestern und entlarvte Dolan statt dessen als den Machtmenschen, der er eben schon immer war. Einer, der viele Ressentiments hegt und keine Gelegenheit auslässt, das Alpha-Tier heraus hängen zu lassen. Einer, der lieber nach den Vorstellungen von CAA (Creative Artists Agency) handelt, einer einflussreichen Sport-Marketing-Agentur, die sich nach und nach alle Superstars des Sports unter den Nagel reisst, hinter den Kulissen der NBA die Fäden zieht ("The Decision") und fest im MSG-Sattel sitzt. Carmelo Anthony ist das Zugpferd in New York. Für ihn hat Dolan damals entgegen aller Empfehlungen sein halbes Team (unter anderem Felton) nach Denver verscherbelt. Und Melo soll auch in Zukunft das Gesicht der Knicks bleiben.

Lin war eine nette Story, auch für Dolan und sein MSG Network. Aber mehr eben nicht. Die grossen NBA-Illusionisten wollen glauben machen, dass der Verzicht auf Jeremy Lin finanziell motiviert war. Alle hier aufgeführten Argumente sprechen allerdings dagegen, und es wäre ein Novum, wenn der wohlhabendste NBA-Club von allen unter der Leitung von James Dolan urplötzlich, von einem Tag auf den anderen, das Geldausgeben verpönt hätte. Diese Zeilen vom immer exzellenten Rob drüben beim Knicksjournal machen das Ganze zum Schluss nochmals überdeutlich.

"Vielleicht hat das Front Office gehofft, ein Sinnbild kluger Entscheidungen zu werden. Im Klimax der Verträge von Melo, Amar’e und Chandler, im Sommer der Deals für Felton, Camby, Novak und Kidd ist dies jedoch eine Farce."

Epilog: allein die Nachricht, dass die Knicks das offer sheet der Rockets nicht abgleichen würden, bescherte dem MSG Network nach panischen Kurzschlussreaktionen von Aktionären an der New Yorker Börse im Handumdrehen einen Kurseinbruch von stattlichen 64 Cents, was einer Marktkapitalisierung von umgerechnet knapp 49 Millionen US-Dollar entspricht. Das ist mehr, als Dolan und die Knicks für drei Jahre Jeremy Lin inklusive "zerstörerischem" Lux-Tax-Impact insgesamt hätten zahlen müssen...!