15 Juli 2012




Als den Brooklyn Nets Mitte dieser Woche der Geduldsfaden im Tauziehen um Dwight Howard riss, war es Gewissheit geworden: der Poker um den besten Center der National Basketball Association geht in die nächste Runde. Ausgelassene Freude, natürlich. Lange Zeit hatten die Nets, die in diesen Tagen mit der Vertragsverlängerung für All-Star Guard Deron Williams, dem Trade für All-Star Joe Johnson und einer Reihe weiterer Transaktionen alle Free Agency Register zogen, als einzig mögliche Zielbestimmung für Howard gegolten. Die Tatsache, dass der 26-Jährige nur in Brooklyn seinen Vertrag verlängern wollte und die Nets seit mehr als einem Jahr akribisch an der Zusammenstellung eines geeigneten Tradepakets für Orlando arbeiteten, machte für viele Beobachter die Sache glasklar.

Allerdings hatten die Nets nicht mit Orlando's neuem Tempo gerechnet. Der neue GM Rob Hennigan, seinerseits erst seit einigen Wochen im Amt, will sich den Zeitplan nicht vom Markt diktieren lassen, sondern so lange nach dem geeigneten Deal für seinen isolierten Franchise-Spieler suchen (ähnlich wie das die Denver Nuggets mit Carmelo Anthony taten), bis genau das heraus springt, was die Magic begehren: junge Spieler; multiple, möglichst hohe Draft-Picks; und finanzielle Entlastung in Form von absorbierten Langzeitverträgen. Brooklyn war sich eigentlich sicher, alle Forderungen abgedeckt zu haben, als man mehrere Teams, darunter Cleveland und Charlotte, in verschiedenen Multi-Trade Szenarien für die eigene Causa gewonnen hatte. Für Orlando war das aber immer noch zu wenig.

Nets-GM Billy King ging am Donnerstag ernüchtert zu Plan B über und verlängerte seinen eigenen Free Agent Center Brook Lopez - einer der Schlüsselspieler in jedem Brooklyn/Orlando Deal - für maximale 61 Millionen Dollar über vier Jahre. Der neue Deal garantiert, dass Lopez und damit auch die Nets bis zum 15. Januar aus jedem Howard-Deal heraus gehalten werden müssen. Erst dann darf der sogenannte 'Base Year Compensation Player' Lopez wieder getradet werden. Die Nets mussten handeln: die Gefahr, dass der eigene Spieler von einem Nebenbuhler wie Charlotte oder Portland ein lukratives 'offer sheet' erhalten hätte, war nach dem 11. Juli zu gross. Im solch einem Fall wäre Lopez für ein ganzes Jahr untradebar geworden. Obwohl sich die Nets also nach wie vor Hoffnungen machen, irgendwie/irgendwann ihren Wunschcenter ergattern und in Brooklyn ein echtes Superteam auf's Parkett schicken zu können, scheint der Zug jetzt für immer abgefahren zu sein.

Houston witterte nach dem Ausscheiden der Nets seine grosse Chance, die Nonstop-Bewegungen der letzten Wochen gewinnbringend ummünzen zu können. GM Daryl Morey hat die mageren Jahre im NBA-Mittelmaß mehr als satt und geht aggressiv gegen den eigenen, mittelprächtigen Kader vor. Samuel Dalembert, Chase Budinger, Goran Dragic, Kyle Lowry, Marcus Camby und Luis Scola - allesamt wichtige Rotationsspieler in der letzten Saison - stehen nicht mehr im Team. Statt dessen hat Morey in einer immens raschen Abfolge von Transaktionen und einseitigen Trades Platz unter dem Salary Cap freigeschaufelt und Draft-Picks sowie junge, vielversprechende Spieler angehäuft. Die Bereitschaft, entweder jetzt mit Howard oder in Zukunft in die Vollen zu gehen, ist bei den Texanern unübersehbar. Die Amnestierung von Scola gestern war ebenso verblüffend wie vielsagend. Die Message ist deutlich, sowohl an Orlando als auch an den Rest der Liga: Houston ist bereit, mehrere seiner Anlagegüter für einen gestandenen NBA-Star zu verpfänden. Dafür würde man sogar einen oder mehrere ungeliebte Verträge wie zum Beispiel die von Jason Richardson oder Hedo Turkoglu absorbieren. Die Finanzreserven unter dem Salary Cap lassen das spätestens nach der Tilgung von insgesamt 21 Millionen, die Scola noch hätte verdienen sollen, zu. Allerdings erst, wenn die 'offer sheet' Angelegenheiten mit Jeremy Lin und Omer Asik geklärt sind. Nachdem viele bereits spekuliert hatten, dass ein Deal zwischen Houston und Orlando so gut wie abgewickelt sei - immerhin waren die Rockets bereit, mehrere Draft-Picks, darunter den erst kürzlich aus Toronto für Kyle Lowry erworbenen, plus eine Reihe eigener, junger Talente wie Jeremy Lamb, Terrence Jones oder Royce White zu den Magic zu schicken - trat TNT's David Aldridge gestern mächtig auf die Euphoriebremse, als er berichtete: "Es passiert gar nichts. Ein Deal ist nicht einmal ansatzweise in Reichweite."

Und so werden Rockets-Fans, Befürworter und Opponenten eines Deals für Howard - je nach Position - heute mit Argwohn oder Wohlwollen registriert haben, dass Mitch Kupchak und die Los Angeles Lakers wieder auf der Bildfläche aufgetaucht sind. Die waren ja bereits vom ersten Tag an im Gespräch, weil allgemein angenommen oder zumindest wild spekuliert wird, dass Andrew Bynum der einzige realistische Gegenpart zu Dwight Howard ist und somit der einzige echte Gegenwert für einen Spieler solchen Kalibers. Macht ein Bynum für Howard Swap für Los Angeles überhaupt Sinn? Immerhin ist Bynum jünger, fast genauso produktiv und bei den Lakers bereits eine feste Grösse im Kader neben Kobe Bryant, die sich nicht erst mühsam zurecht finden müsste. Von Bedenken über Howard's Infantilität und seiner Weigerung, in Los Angeles zu verlängern sowie seiner schweren Rückenverletzung in diesem Jahr mal ganz zu schweigen.

Wie dem auch sei: Gerüchte hielten sich heute hartnäckig, dass plötzlich die Magic, Lakers und Cleveland Cavaliers über einen Three-Team-Deal verhandeln und in selbigem kurz vor dem Durchbruch stünden. Obwohl nicht ganz klar zu sein scheint, welche Kombination aus jungen Spielern und Draft-Picks nach Orlando wandern würde (ich nehme an, dass zumindest der Grossteil der Youngster und Picks aus Cleveland käme, weil LA so gut wie nichts dergleichen zu bieten hat), und wie genau ein solcher Handel das Angebot der Nets ausstechen könnte, scheinen die Hauptparameter des Deals klar abgesteckt zu sein: Strandgut nach Orlando. Howard nach Los Angeles. Und Bynum zu den Cavs. Die stehen übrigens auf einer extrem kurzen Liste mit denjenigen Teams, bei denen sich der junge Lakers-Center eine Fortsetzung seiner NBA-Karriere vorstellen könnte. Ebenfalls mit dabei auf seinem Notizzettel: die Houston Rockets. Wenn die bei der Dwight Howard Jagd leer ausgehen sollten, wollen sie ihre Aufmerksamkeit zukünftig auf Andrew Bynum als Franchise-Anker richten...