27 Juli 2012



Die Chicago Bulls sind keine Meisterschaftsfavoriten mehr. Nach zwei überragenden Saisons an der Spitze der NBA-Tabelle, mit den zwei besten RS-Bilanzen überhaupt und famosen 112 Siegen aus 148 Partien (.757 Siegesquote) werden Fans des sechsmaligen NBA-Champions ihre hohen Ansprüche in den nächsten beiden Jahren drosseln müssen. Die schwere Verletzung des 2011er Most Valuable Players Derrick Rose in den Playoffs 2012 hat eine folgenschwere Reaktionskette in Gang gesetzt, die grosse Veränderungen auf und ausserhalb des Parketts nach sich ziehen wird.

Nicht nur, dass die Bulls zwei mal in Folge vor dem NBA-Finale scheiterten und somit ihr Minimalziel verfehlten. Der Kreuzbandriss ihres Führungsspielers gegen Philadelphia garantierte mehr oder weniger, dass Chicago auch im Meisterschaftsrennen 2013 kein Wort mitzureden haben wird. Da Rose frühestens im März nächsten Jahres wieder voll einsatzbereit sein wird - und "voll einsatzbereit" ist hier mit Vorsicht zu geniessen, da die Schwere dieser Verletzung bei einem so stark auf Athletik und Explosivität angewiesenen Akteur stärker ins Gewicht fällt und dementsprechend die vollständige Regenerationszeit drastisch verlängert - und die Bulls zusätzlich Luol Deng's Sehnenverletzung im linken Handgelenk überwinden müssen, dürfte offensichtlich sein, dass der Traditionsclub weder seine Division gewinnen (Indiana ist klar favorisiert), noch die beste Bilanz im Osten (Miami, wer sonst?) oder einen Durchmarsch durch die Playoffs erringen kann. Dabei sind es nicht nur die 21.8 PPG und 7.9 APG von Rose, die kaum ersetzbar sein werden. Vielmehr ist es seine integrale Rolle als Antreiber und Initiator einer häufig stagnierenden und zu leicht auszurechnenden Offensive, die über eine fast volle Saison immens fehlen wird. Sicher: Head Coach Tom Thibodeau wird wieder einmal seine magischen Tricks auspacken und die Defensive - wie in den beiden letzten Jahren - auf Hochglanz trimmen, um sie wieder einmal irgendwo ganz oben in der NBA-Hierarchie zu positionieren. Aber wenn die Effizienz im Angriff schon darunter litt, dass Rose in 2011/12 insgesamt 27 Spiele verletzungsbedingt pausieren musste, und in den Playoffs dann komplett implodierte, dann will man sich nicht ausmalen, was knapp 60 verpasste Partien des dreifachen All-Stars bewirken werden.

Zumal die Bulls, ausgehend von dieser neuen Realität des "Nicht-Gut-Genug-Seins", dazu übergegangen sind, den Kader auszudünnen, um Geld zu sparen. Der komplette Bench Mob, seit 2010 ein Symbol für Chicago's unerbittliche Härte, Zähigkeit und Uneigennützigkeit, wurde in den letzten Wochen ausgetauscht. Ronnie Brewer (New York), CJ Watson (Brooklyn), Kyle Korver (Atlanta), Omer Asik (Houston) und John Lucas III. (Toronto) sind allesamt weg. Das einzige Überbleibsel ist Taj Gibson, der einzige Spieler, der in den Langzeitplanungen der Bulls eine Rolle zu spielen scheint. Asik hätten die Bulls ebenfalls gerne gehalten, aber Houston tat den Bulls das Selbe an, wie schon zuvor den Knickerbockers, und sicherte sich mit einem giftigen 'poison pill' Angebot die Dienste der restricted Free Agents, der die Bulls im Falle eines Abgleichens 15 Mio. $ im dritten Jahr seines neuen 25 Mio. $ Deals gekostet hätte. Die Crux liegt wie immer in den Finanzen.

Obwohl GM Gar Forman kurz nach dem Draft von Point Guard Marquis Teague eine Nebelwand aufstellte und den Fans verkaufen wollte, dass man in der windigen Stadt nach wie vor "keine finanziellen, sondern Basketball-Entscheidungen trifft", ist klar, dass die Bulls in den Geldsparmodus gewechselt sind. Die Entscheidung, das 'offer sheet' an Asik nicht zu matchen, war eine weise. Die neuen CBA-Restriktionen, die erst ab der nächsten Saison so richtig ins Gewicht fallen, hätten bedeutet, dass man für Asik in 2014/15 mehr als 30 Mio. $ hätte hinblättern müssen und den eigenen Cap mit mehr als 60 Mio. $ für nur vier Spieler (Rose, Boozer, Noah, Asik) belastet hätte. Und das sind Zahlen vor jeglichen Cap Holds oder den projizierten 7-8 Mio. $ pro Jahr, die Gibson ab 2013 kommandieren wird. Teambesitzer Jerry Reinsdorf, der noch nie in seinem Leben die Luxussteuer bezahlt hat und sich weiterhin vehement dagegen sträubt (eigentlich gehören die Bulls seit den späten 80ern zu den lukrativsten Unternehmen der NBA, mit den höchsten Einnahmen), beschloss, den Geldhahn zuzudrehen. Die Absicht hinter den Personalmanövern von Reinsdorf, Forman und VP of Basketball Operations John Paxson scheint zu sein, den Kader in den nächsten zwei zu rekalibrieren, um dann ab 2014 mit Derrick Rose und einem neuen, jüngeren, besseren Nukleus in die Zukunft zu starten.

Anders sind die Neuzugänge Vladimir Radmanovic, Nazr Mohammed, Marco Belinelli und Kirk Hinrich nicht zu erklären. Alle vier sind bloße Lückenfüller, wenn überhaupt. Hinrich, der seine NBA-Laufbahn bei den Bulls begann und dort sieben Jahre spielte, hat gerade die zwei schlechtesten Saisons seiner Karriere in Atlanta hinter sich und ist bereits 31. Dennoch wird er massenweise Spielzeit auf der Eins erhalten, bis Rose im März wieder einsatzbereit ist. Radmanovic kann ein paar Dreier einstreuen und ein wenig Zeit auf beiden Forward-Positionen abreissen, aber seine Career-Stats liegen unter denen von Korver (8.2 PPG, 38% Dreier gegenüber 9.5 PPG, 41% Dreier). Mohammed ist mit 34 Lenzen schon weit über seinem Zenit, und wenngleich er offensiv nicht so limitiert wie Asik agiert, kann er dessen elitäre Post-Defense und Rebounding-Skills nicht ansatzweise ersetzen. Belinelli wird sich mit dem herb enttäuschenden Rip Hamilton um Spielzeit auf der Zwei duellieren. Keine der Neuakquisitionen hatte in der letzten Saison einen höheren PER-Wert als 12 (der Liga-Durchschnitt liegt bei 15), was beweist: die Bulls reissen einen autarken, höchst effizienten Bank-Mob auseinander und ersetzen selbigen mit unterdurchschnittlichen, alternden Rollenspielern. Wie gesagt: Money talks!

Obwohl Chicago die letzten zwei Jahre immer nahe dran war am grossen Wurf, hat immer das letzte Quäntchen gefehlt. Der 75 Millionen Dollar Vertrag an Carlos Boozer im Sommer 2010 war ebenso ein Fehler, wie Rip Hamilton 15 Mio. $ Dollar für drei Jahre anzubieten. Der eine Shooting Guard, der den Unterschied gemacht hätte, fehlte ebenso, wie eine gesündere Frontcourt-Synergie. Die zwei teuersten Akteure auf Gross (Boozer plus Noah, die insgesamt 135 Mio. $ kosten) saßen aufgrund ihrer Handicaps (Defense bzw. Offense) in der Crunchtime oft auf der Bank, zugunsten von Asik und Gibson, dem monströsesten Defense-/Rebounding-Tandem der Liga. Wenn Rose gesund geblieben wäre, wenn man vielleicht OJ Mayo irgendwie nach Chi-Town hätte locken können, wer weiss, ob der Titeltraum der Bulls dann nicht Realität geworden wäre.

So aber müssen Bulls-Fans einer anderen, bitteren Realität ins Auge blicken: mit eingeschränktem Handlungsspielraum bis mindestens 2014 (erst dann würde es wirklich Sinn machen, Boozer zu amnestieren, den man übrigens niemals via Trade losbekommen wird) und den Verletzungssorgen der drei Leistungsträger Rose, Deng und Joakim Noah sind die Stiere zunächst einmal raus aus dem Titelrennen. Ein Team, das unter dem alten CBA zusammen gestellt wurde und in Zukunft nicht mehr einfach Puzzlestücke hinzu addieren kann, gleichzeitig aber auch tradetechnisch eingeschränkt erscheint (für Dwight Howard, der im Sommer abziehen könnte, müsste man vermutlich Noah, Deng und Gibson abtreten), ist mit seinem Latein offensichtlich am Ende. Reinsdorf & co. haben das augenscheinlich realisiert und sich dazu entschieden, lieber ein paar Schritte zurück zu machen - wie diese Offseason eindrucksvoll beweist. Anstatt, wie alle anderen Contender, aufzuladen, speckte Chicago ab. Anstatt mehr als 30 Millionen für die Rückkehr des "Bench Mob" hinzublättern (Saläre plus Luxussteuern) und doch wieder schlechter als Miami weg zu kommen, nimmt man lieber den Umweg über die Free Agency 2014. Thibodeau wird mit seinem nahezu perfekten Coaching natürlich wieder 50+ Siege aus diesem Kader extrahieren und ihn vielleicht sogar in die zweite Playoff-Runde führen. Die Zeiten an der Spitze der Eastern Conference sind für Chicago aber erst einmal vorbei. Bleibt also nur noch die Frage: "Für wie lange?"