18 Juli 2012



Brooklyn ist komplett: Kris Humphries unterschrieb gestern als letzter Spieler in diesem Sommer einen lukrativen Free Agent Vertrag beim neuen Eastern Conference Powerhouse und reihte sich nahtlos ein in eine Gruppe von zum Teil absurd überbezahlten Spielern, die das Rückgrat der neuen Nets bilden. Das isolierte Jahressalär für die Double-Double Maschine mutet grotesk an: 12 Millionen Dollar pro Saison. Insgesamt wird Humphries also 24 Millionen in den nächsten zwei Jahren verdienen. Und wenngleich der hohe Grundpreis von vielen als Indiz dafür genommen wird, dass der Lockout überhaupt nichts verändert hat (...was übrigens inkorrekt ist), macht Humphries' Vertrag sowohl sportlich, als auch finanziell-taktisch, enormen Sinn.

Dass die Nets unter ihrem spendierfreudigen Besitzer Mikhail Prokhorov die Messlatte für Free Agency Einkaufstouren höher gesetzt haben als jemals ein Club vor ihnen, sollte keinen gross überraschen. Der russische Oligarch gehört zu den 57 reichsten Männern der Welt und kann sich alles kaufen, was er möchte. Prokhorov hatte für diesen Sommer mehrere Teilziele. Eins: nach Brooklyn umziehen. Zwei: Deron Williams verlängern. Drei: Dwight Howard via Trade an Land ziehen. Und, last but not least, Vier: ein schlagfertiges Basketball-Team zusammen stellen. Dafür war der Besitzer bereit, tief (oder in seinem Fall: nicht tief) in die Taschen zu greifen. Der Max-Vertrag für Williams kam erst zustande, nachdem die Nets den hoffnungslos überbezahlten Joe Johnson aus Atlanta verpflichteten. Der Trade war deshalb essentiell, weil die Nets ohne Iso-Joe nur eine Teilagenda der oben genannten vier hätten realisieren können. Williams wäre nach Dallas abgewandert. Mit Johnson, dem sofort verlängerten Gerald Wallace, Mirza Teletovic und den weiter zur Verfügung stehenden Optionen war das Team für den All-Star Guard stark genug, um zurück zu kehren und den gemeinsam eingeschlagenen Weg in Brooklyn weiter zu gehen. "Es ging um die Gesamtstärke der Teams. In Dallas hätte es nur mich und Dirk gegeben. Wenn sich Dirk verletzt hätte, wäre ich wieder alleine gewesen", sagte D-Will zu seiner Entscheidung.

Über die endlos diskutierten Dwight Howard Tradeszenarien habt ihr an dieser Stelle und sicherlich auch überall sonst genug gelesen oder gehört. Fakt ist, dass die Nets all ihre Anstrengungen seit 2011 in die Abwicklung eines solchen Tauschgeschäfts gesteckt haben und mehrfach kurz vor einer Einigung mit Orlando standen. Als das Magic-Management die Gespräche am Vorabend des 11. Juli zum wiederholten Male abbrach, beschloss Prokhorov, dass genug genug war. Der Russe ist ein Geschäftsmann, und der Markt diktierte ihm und den Nets die nächsten Schritte auf: Brook Lopez mit einem Max-Deal verlängern und anschliessend das letzte Puzzlestück - Humphries - zurück bringen, um den Kader zu komplettieren. 'Business is Business' für Prokhorov, der nicht lange fackelt. Humphries ist kein All-Star, und er wird es auch nie werden. Dass er in der kommenden Saison fürstlich verdienen und gehaltstechnisch auf einer Stufe mit den Al Horfords, Kevin Garnetts und Josh Smiths dieser Liga stehen wird, ist aber Kalkül und Notwendigkeit zugleich.

Die Charlotte Bobcats waren zum Beispiel bereit, dem Reboundspezialisten (10.7 RPG in den letzten zwei Spielzeiten) umgerechnet 9.3 Mio. $ pro Saison anzubieten, verteilt auf drei Jahre. Die Nets, die dank Bird Rechten für Humphries (und der Mini-MLE für Teletovic) weit mehr bieten konnten, als es der Salary Cap jemals erlaubt hätte, nutzten ihre Option, um ihre Frontcourt-Rotation zu verstärken. Kein noch auf dem Markt verfügbarer Spieler hätte den Abgang eines der besten Glasputzer der Liga adäquat ersetzen können. Lopez ist ein miserabler Rebounder, und Wallace mehr Small Forward als Vierer. Teletovic ist NBA-Frischling und Evans als Starter und Offensivoption absolut untauglich. Auch wenn Humphries niemals zu Karl Malone mutieren wird, so trifft er dennoch den Midrange Jumper relativ sicher und hat eine solide Chemie mit Williams im Pick & Roll entwickelt. Er wird Lopez den Rücken stärken und die Zone, so gut es eben geht, mit verankern.


Abgesehen von den offensichtlichen sportlichen Vorteilen, Humphries zurück zu bringen, gibt es noch zwei weitere Gründe für dieses massive Vertragsangebot: zum einen wollte man den 27-Jährigen dafür entschädigen, dass er schon letztes Jahr - direkt nach seiner Breakout-Saison - nur einen Ein-Jahres-Deal ohne langfristige Absicherung erhalten hatte. Zusätzlich schmiss man ihn Woche für Woche in immer neue Tradeszenarien für Howard. Das geht jetzt schon seit fast einem Jahr so, und könnte auch in Zukunft so bleiben. Humphries versteht die Situation und hat offensichtlich kein Problem damit, dass ihm die Nets auch diesmal keine langfristige Lösung anbieten konnten. Brooklyn liebäugelt nämlich immer noch mit Howard. Sollte der All-NBA-Center die Saison wider Erwarten doch in Orlando beginnen, dann werden die Nets die Tradegespräche mit den Magic wieder aufnehmen. Lopez und Humphries können ab dem 15. Januar wieder getradet werden und sind die beiden Schlüsselspieler in jedem potentiellen Nets/Magic Deal. John Hollinger verwies gestern darauf, dass Brooklyn dank Humphries' neuem Deal einen Grossteil aller unbeliebten Langzeitverträge der Magic absorbieren könnte (Humphries, Reggie Evans und Tyshawn Taylor für Jason Richardson, Chris Duhon, Glen Davis und Quentin Richardson). Lopez plus Draft-Picks für Howard dazu. Fertig. Nicht nur dieser letzte Tatbestand macht deutlich, wieso der neue Deal für Humphries - im "Gesamtkontext Brooklyn Nets" betrachtet - alles andere als aberwitzig ist.

Die Nets hatten zu Beginn der Free Agency am 1. Juli nur MarShon Brooks, Johan Petro, Jordan Farmar, Anthony Morrow, Jordan Williams und Tyshawn Taylor unter Vertrag. Nach einer Reihe von Transaktionen und mit einer Williams-Johnson-Wallace-Humphries-Lopez Startformation geht das rundum erneuerte Brooklyn als Eastern Conference Mitfavorit in die neue Saison. Der Kader ist homogen zusammen gestellt, und wenngleich noch einige Baustellen auf dem Weg zur Meisterschaft klaffen (Defense, Zusammenspiel), werden es nur wenige Teams mit der Scoring-Power der Nets aufnehmen können. Wo das im schlimmsten Falle endet, haben wir in der letzten Saison gesehen, als mit San Antonio, Oklahoma City, Miami und den LA Clippers vier der sechs besten Offensivteams im Conference Halbfinale standen. Wahrlich nicht schlecht für einen Club, der zuletzt 2007 bei .500 landete. #Hello Brooklyn...