16 Juli 2012




Als die Mavericks vor einigen Tagen Darren Collison und Dahntay Jones im Tausch für Free Agent Ian Mahinmi aus Indiana holten, kannte die Schadenfreude in Basketball-Deutschland keine Grenzen mehr. Hatte die deutsche Nationalmannschaft Dallas wirklich einen erstklassigen jungen Point Guard und einen Perimeter-Stopper stibitzt, ohne dafür auch nur irgend etwas von Wert her geben zu müssen? Mahinmi war ja eigentlich gar nicht mehr im Mavericks-Kader und hätte von den Pacers auch so verpflichtet werden können. Und was bewegt ein Team wie Indiana - seines Zeichens immerhin Eastern Conference Halbfinalist - einfach so zwei Rotationsspieler aus dem letztjährigen Kader ziehen zu lassen?

Die Situation ist, wie so häufig, verschwommener und erst im Gesamtkontext aller drei Transaktionen dechiffrierbar, die die Pacers am vergangenen Donnerstag tätigten. Dazu später mehr. Was Darren Collison anbelangt, so muss man sich vor Augen halten, dass der 24-Jährige als Point Guard allerhöchstens NBA-Durchschnitt ist - wenn überhaupt. Sein PER-Wert von 13.62 lag unter dem ligaweiten Mittelwert und positionierte ihn bei den Playmakern auf Rang 41, hinter Spielern wie Jordan Farmar, Greivis Vasquez oder Jannero Pargo. Besorgniserregend ist vor allem seine Defense (einer der schlechtesten Screen-Verteidiger der Liga, der ständig die falsche Entscheidung trifft) sowie die Tatsache, dass DC sich in jeder seiner drei Profisaisons zurück entwickelt hat, auf zuletzt 10.3 Punkte und 4.8 Assists im Schnitt. Die Mär von seinen "überragenden Playoffs" lässt sich leicht des falschen Scheins entkleiden: er spielte nur 18 Minuten pro Partie und war mit 8.7 PPG noch effektloser als im Jahr zuvor. Es war nicht weiter überraschend, dass Collison seinen Platz in der Startformation gegen Ende der Saison an George Hill verlor. Es war auch nicht überraschend, dass Indiana mit dem grösseren, effizienteren Hill auf der Eins in der Folge homogener und gefährlicher auftrat. In den drei effektivsten Pacers-Lineups, die substantielle Einsatzminuten auf's Parkett legten, war Collison nicht vertreten. Angesichts der Tatsache, dass Collison's Rookie-Vertrag nach der kommenden Saison ausläuft und er dann einen neuen, weitaus höher dotierten Deal erwartet, der nicht unbedingt in Relation zu seinen Leistungen steht, wird schnell klar, warum er in den Langzeitplanungen der Pacers keine Rolle mehr spielte. Zumal die schon immer etwas konservativer gewirtschaftet haben und ihren etatmässigen Starter Hill erst vor wenigen Tagen mit einem neuen 40 Millionen-Deal festzurrten. Auch Dahntay Jones' Deal läuft 2013 aus. Seine Dienste wurden durch die kontinuierliche Verbesserung von Paul George immer überflüssiger.

Im Tausch für Collison/Jones kam der lange Mahinmi aus Dallas. Der Franzose ist weiss Gott kein Difference-maker. Er wird in Indiana auch nicht länger als 20 Minuten pro Partie auf dem Feld stehen und wohl nicht mehr als die 5.8 PPG undd 4.8 RPG vom letzten Jahr erreichen. Aber er stopft definitiv eine Lücke und verstärkt den Kader auf einer Position, die in der abgelaufenen Saison zu den schwächsten bei den Pacemakern zählte: Backup Big Man. Solange die vielseitigen David West und Roy Hibbert auf dem Parkett standen, operierte Indiana's Basketballteam auf elitärem Level und zusammen auf einer Stufe mit Miami, Oklahoma City und San Antonio. Wann immer die Ersatzmänner Tyler Hansbrough oder Lou Amundson ran durften, fiel die Effizienz auf "unterdurchschnittlich" ab. "Wenn Roy aus dem Spiel musste, fehlte uns in der Mitte einfach die Länge", gab der neue GM Kevin Pritchard Einblick in seine Denke hinter der Neuverpflichtung. "Gegen die Top-Teams, vor allem im Osten, brauchst du aber Länge. Wir brauchten unbedingt etwas mehr Länge. Wir brauchten einen zweiten Ring-Verteidiger." Mahinmi's 2,11m decken den Bereich zumindest in der Theorie ab. Und wenngleich der 25-Jährige nie für die lebende Reinkarnation von Dikembe Mutombo gehalten werden wird, so ist er dennoch ein athletischer, agiler, solider Fünfer, der seinem Repertoire von Jahr zu Jahr ein paar Bewegungen hinzugefügt hat und durchaus mit diesem jungen Pacers-Team mit wachsen kann. Der Preis liegt mit 4 Millionen pro Jahr absolut im Bereich dessen, was für Backup-Bigs in der NBA gezahlt wird - und immer noch unter dem, was eine Vertragsverlängerung mit Collison gekostet hätte.

Eine ganz besondere Entwicklung machte Collison dann ohnehin obsolet: Indiana hatte sich schon in den Tagen vor dem Dallas-Deal mit DJ Augustin geeinigt. Der bisherige Charlotte Bobcat kam für ein Jahr und mickrige 3.5 Millionen Dollar und übernimmt nahtlos die Rolle, die DC letztes Jahr inne hatte. Charlotte hatte Augustin zunächst ein Qualifying offer unterbreitet, dieses aber nach der Einigung mit Ramon Sessions wieder zurück gezogen und Augustin somit zum unrestricted Free Agent gemacht. Die angepassten Karriere-PER36 Werte von Collison und Augustin sind nahezu identisch:


Das demonstriert eindrucksvoll, dass Indiana also einfach seinen bisherigen Backup Point Guard mit einem neuen Backup Point Guard ersetzt und in Punkto Produktivität absolut nichts einbüßen wird. Obwohl Collison der explosivere Slasher ist und Augustin aufgrund seiner 1,80m grosse Probleme am Ring hat, ist er ein etwas besserer Distanzschütze (der von den Hibbert/West-Kickouts aus dem Low Post ungemein profitieren wird) sowie der marginal bessere Playmaker.

Die dritte Transaktion, die innerhalb von nur 24 Stunden offiziell verkündet wurde, war das Signing von Gerald Green. Der Flügelspieler war in New Jersey eine der positivsten Überraschungen der Saison und überzeugte dort mit 12.9 PPG bei 48% aus dem Feld und 39% von der Dreierlinie. Und das, obwohl er sich seinen Verbleib in der NBA nach vier Teams in drei Jahren und weiteren drei Jahren im Ausland redlich verdienen musste. Der 26-Jährige, einst ein aufsteigender Stern am Firmament, hat offensichtlich verstanden, dass auch talentierte Spieler hart an sich arbeiten müssen, um in der besten Liga der Welt den Anschluss zu halten. Den Pacers waren seine Leistungen als Backup knapp 3 Mio. $ pro Jahr wert. Green wird hinter George und Danny Granger auf Shooting Guard und Small Forward auflaufen und passt mit seiner Treffsicherheit von aussen, seinem Drive und seinen Qualitäten im Open Court Spiel perfekt ins Smashmouth-Prinzip von Head Coach Frank Vogel.

Nachdem sich der Dunst also gelegt hat, ist klar, dass der auf den ersten Blick einseitige Trade mit den Mavericks für Pritchard und die Pacers ein grosser Megadeal war: zwei Spieler (die man ohnehin nie halten wollte) raus, drei Spieler (die man schon länger anvisiert hatte und die ins Langzeitkonzept passen) rein. Hätte Indiana für das Collison/Jones Paket bei längerer Wartezeit und aggressiverem Verhandeln einen höheren Ertrag erzielen können? Kann schon sein. Aber in der Association gibt es meist nur ganz kleine Zeitfenster, vor allem, wenn man mehrere Transaktionen simultan abwickeln will. Hätte man länger gewartet, hätte der begehrte UFA Green sicherlich irgendwo anders unterschrieben. Ebenso Augustin, den man sich so aber nur wenige Stunden nach seiner "Entlassung" in Charlotte angelte. Timing ist manchmal alles. Zu langes Warten lässt mögliche Deals schnell wieder in sich zusammen fallen.

Indiana's Startformation ist schon länger in Stein gemeiselt. Mit Mahinmi (einem echten Big Man, der keine Probleme mit der Bankrolle hat), Green (einem Backup Wing-Scorer) und Augustin (einem de facto Collison Klon) hat man auf einen Schlag drei ehemalige Starter für die Ersatzbank verpflichtet und multiple Erfordernisse abgedeckt. Gewiss nicht sonderlich spektakulär, aber eben der solide, kleine Schritt nach vorne, der garantiert, dass man das Tempo hält und dass der Central Division Titel in der kommenden Saison nur über die Pacers gehen wird.