28 Juli 2012


Spanien

NBA: Pau Gasol, Marc Gasol, Serge Ibaka, Jose Calderon, Victor Claver, Juan-Carlos Navarro, Rudy Fernandez, Sergio Rodriguez

Die dominierende Macht in Europa gilt als einzige Bedrohung für die Vormachtstellung der US-Amerikaner. Dummerweise haben die Spanier gerade jetzt zahlreiche Verletzungen zu verkraften - und ich rede nicht von Ricky Rubio, der im Nationalteam ohnehin nie zeigen kann, was er alles kann, weil er dort meist nur auf dem Abstellgleis geparkt wird. Eher besorgniserregend sind die Wehwehchen von JC Navarro und Rudy, die fast die komplette Durchschlagskraft des spanischen Backcourts ausmachen. Sicher: Calderon führt glänzend Regie und trifft auch von aussen hin und wieder, Sergio Lull ist ein solider Backup, und Sergio Rodriguez hat auch schon in der NBA gespielt. Aber Navarro und Fernandez sind es, die das Gros des Rückraum-Scorings zur Verfügung stellen - beide lieben die unorthodoxe, freilaufende Spielweise. Im Frontcourt stehen mit den Gasol-Brüdern und Ibaka drei NBA-Kanten, die dem Gegner direkt am Ring, im Low Post oder aus sechs Metern Entfernung nach dem Pick & Pop das Leben zur Hölle machen können. Die Gasols bestechen auch als Passgeber und sind Dreh- und Angelpunkt des spanischen Spiels. Insgesamt haben sich die Iberer in den letzten Wochen und Monaten aber nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Sie werden am oberen Limit spielen und ihre Verletzungssorgen überwinden müssen, um in ihrer Gruppe Brasilien und Russland auf Distanz zu halten und parallel zu den Amerikanern die KO-Runde ausspielen zu können. Nur dann ist die Silbermedaille in Reichweite. Wenngleich es sich so anfühlt, als seien die Spanier das klar beste Team dieses Turniers - die Risiken für eine Blamage wie schon 2010, als man im Viertelfinale gegen Serbien verlor, sind beträchtlich.


Brasilien

NBA: Nene, Leandro Barbosa, Anderson Varejao, Tiago Splitter

Für viele der Geheimtipp des Tournaments, und das nicht erst seit dem relativ knappen 80-69 gegen das Team USA vor zwei Wochen. Brasilien, das ohne seine Stars den zweiten Platz bei den Amerikanischen Meisterschaften belegte, geht mit einem komplett gesunden Kader und vier NBA-Spielern ins Turnier. Nene, Varejao und Splitter bilden eine der zwei besten Frontlines in London. Sowohl Nene als auch Varejao sind exzellente Pick & Roll Spieler und gute Verteidiger. Wenn Splitter seine Foulprobleme in den Griff bekommt, sind die Südamerikaner innen kaum zu überwinden. Marcelo Huertas ist einer der besten Spielmacher ausserhalb der NBA und tödlich als Spielpartner im P&R. Marcelo Machado trifft weiterhin jeden Dreier, solange er nur ein paar Zentimeter Platz findet, um seinen Wurf abzufeuern. Und dann ist da ja noch Barbosa, ein Wirbelwind im Open Court und als Slasher im Halbfeldspiel. Die Brasilianer verteidigen erstaunlich gut, pushen das Tempo bei jeder Gelegenheit und sind von ihrem argentinischen Coach Ruben Magnano meistens hervorragend eingestellt. Dank ihrer Grösse, Schnelligkeit und Halbfeld-/Transitionskills muss man sie unter die Top-5 hieven, mit soliden Chancen auf eine Endspiel-Teilnahme. Sollten sie gegen angeschlagene Spanier im letzten Gruppenspiel gewinnen und damit die Gruppe B für sich entscheiden, gehen sie Team USA bis zum eventuellen Finale aus dem Weg.


Russland

NBA: Andrei Kirilenko, Timofei Mozgov, Alexei Shved, Victor Khryapa, Sergei Monia

Die Russen brausten durch das Qualifikationsturnier in Venezuela und metzelten während der Vorbereitung die Litauer mit 22 Punkten Vorsprung nieder. Mit Kirilenko, dem amtierenden Euroleague-MVP, Khryapa (einem Kirilenko-Klon) und Monia (einem guten Schützen von der kleinen Forward-Position) verfügt der exzellente Head Coach David Blatt über ein langes, vielseitiges Flügel-Trio. Mozgov hat seine Fussprobleme überstanden und ist wieder voll einsatzbereit. Sasha Kaun überzeugte in Caracas und bei ZSKA Moskau in der letzten Saison. Die Guards Alexei Shved (der zu den Timberwolves wechselt), Vitali Fridzon (ein tödlicher Schütze von aussen) und Anton Ponkrashov komplettieren eine brandgefährliche 8er-Rotation. Die Russen verteidigen beinhart - ein Produkt ihrer übernatürlichen Länge (nur ein Spieler unter 1,95m) und Defensivtaktik. Sie doppeln häufig und sind fast immer direkt am Mann. Blatt, einer der besten Trainer auf dem alten Kontinent, wechselt seine Strategien immer ab, wirft ein paar Zonensets mit ein, und ist dem Gegner meist ein paar Schritte voraus. Der Ball läuft vorne immer wie am Schnürchen, das gesamte Team spielt sehr uneigennützig und smart. Alles in allem werden die Russen ohne grosse Mühen durch die Vorrunde preschen und gelten nicht zuletzt wegen ihrer starken Defensive für mich als absolut legitimer Kandidat auf das Halbfinale - und damit auch eine Bronzemedaille.


Australien

NBA: Patty Mills, David Andersen

Die Boomers bringen das gleiche Team zurück, dass vor zwei Jahren das WM-Viertelfinale erreichte. Ohne den verletzten Andrew Bogut und Kyrie Irving, der die australische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft hat, aber sich dafür entschied, international das Team USA zu repräsentieren, sind die Ozeanier nicht ganz so stark, wie sie das im Idealfall sein könnten. Nichtsdestotrotz könnte die spielerische Qualität zum Einzug in die Runde der letzten Acht genügen, solange man die Pflichtaufgaben gegen China und Großbritannien erfüllt. Patty Mills ist der Dreh- und Angelpunkt im Spiel und dank seiner Schnelligkeit stets gefährlich. Der San Antonio Spur führte die Australier in den letzten zwei Turnieren beim Scoring an. David Andersen, der sich mit einem starken Engagement in London für eine Rückkehr in die NBA empfehlen will, und Matt Nielsen sind zwei vielseitige, mobile, wurfstarke Big Men. Insgesamt zeigten die Aussies schon während der Vorbereitung mit Siegen gegen Frankreich, was in ihnen steckt: sie sind überall solide aufgestellt, spielen schnell, verteidigen gut und werden durch Spurs-Assistant Brett Brown exzellent gecoacht. Obwohl das Halbfinale eine Nummer zu gross ist, dürfte ein Platz unter den besten Acht sehr realistisch sein.


China

NBA: Yi Jianlian, Sun Yue, Wang Zhizhi

Yi Jianlian hat es zwar noch nie geschafft, seine NBA-Tauglichkeit unter Beweis zu stellen. Bei den Chinesen ist er aber nach dem verletzungsbedingten Rücktritt von Yao Ming der uneingeschränkte Führungsspieler geworden. Der 2,13m Riese wird versuchen, bei der achten Olympia-Teilnahme der Asiaten in Folge dafür zu sorgen, dass zum dritten Mal in Folge der Sprung ins Viertelfinale gelingt. Seine 20/10 bei den letzten Weltmeisterschaften demonstrierten, dass er auf internationaler Ebene viel effektiver auftritt als in der besten Liga der Welt. Yi wird viel im Low Post angespielt und auf den Flügeln isoliert werden. Wang Zhizhi wird ihn unter den Körben unterstützen, während 2,06m Point-Forward Sun Yue für Perimeter-Scoring und Playmaking sorgen soll. Obwohl das Team aus dem Reich der Mitte über einige solide Spieler verfügt, müsste es schon Australien ausschalten, um weiter zu kommen. Ich denke, dass die Ergebnisse wieder meilenweit hinter den eigenen Ansprüchen zurück bleiben werden und China schon nach der Vorrunde wieder nach Hause fliegt. Daran werden auch 40 Trainingsspiele seit März nichts ändern.


Grossbritannien

NBA: Luol Deng, Joel Freeland, Pops Mensah-Bonsu

Die Briten mussten schon im Vorfeld eine empfindliche Niederlage hinnehmen, als klar wurde, dass sie Ben Gordon nicht zur Teilnahme überreden konnten. Die Hoffnungen der Gastgeber ruhen also auf Luol Deng, der extra seine Handgelenks-OP auf einen Termin nach Olympia verschob (und die Genesungszeit somit in die neue Saison hinein verlegte), um sein Land zum ersten Mal seit 1948 bei den Spielen repräsentieren zu dürfen. Mit Joel Freeland, der jetzt bei den Trail Blazers spielt, und ex-NBAer Mensah-Bonsu, einem explosiven Flügelspieler, verfügen die Briten über einen soliden Frontcourt. Das Spiel wird zu grossen Teilen über Deng laufen, der viel isoliert und durch zahlreiche Screens frei gemacht werden wird. Angesichts der notorischen Backcourt-Schwäche der Insulaner wird es aber schwer werden, sowohl die Chinesen, als auch die Australier zu bezwingen. Zwei Siege aus fünf sind das Minimum, um das Achtelfinale zu erreichen. Obwohl Deng wohl wieder um die 25/9 pro Spiel erzielen wird, wie schon vor zwei Jahren während der Europameisterschaft, sehe ich ohne Gordon nicht genügend Durchschlagskraft, um in die nächste Runde einzuziehen - allem Heimvorteil zum Trotz.