31 Juli 2012



Die New York Knicks sorgten in den letzten zwei Jahren für Nonstop-Schlagzeilen. Die wilde Free Agency 2010, als man LeBron James verpasste. Das Carmelo Anthony Debakel, bei dem man das halbe Team veräusserte. Die wilde Lockout-Saison mit ihren unzähligen Kapiteln, die sich insgesamt wie ein nie enden wollendes Drama ausprägten. Das Jeremy Lin Fiasko vor einigen Wochen, bei dem man urplötzlich auf's Finanzielle schielte, anstatt auf's Sportliche. In bester Big Apple Manier liefen die News, Blockbuster und Gerüchte auf Heavy Rotation. Und ausgerechnet die hochklassigste Neuakquisition der Knickerbockers in diesem Sommer wurde fast gänzlich unter den Teppich gekehrt: Ronnie Brewer, der letzte Woche für's Veteranen-Minimum unterschrieb.

Vielleicht ist es der natürliche Lauf der Dinge, dass News gegen Ende des Monats und nach dem wilden Free Agency Auftakt nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit generieren. Vielleicht sehen viele Fans und Beobachter die bisherigen Neuverpflichtungen der Knicks - Jason Kidd, Raymond Felton, Marcus Camby, Kurt Thomas, Pablo Prigioni - als spektakulärer und deshalb folgenschwerer für die Meisterschaftshoffnungen der Knicks an. Kidd war immerhin zehn mal All-Star und wird mit Sicherheit eines Tages in die Hall of Fame aufgenommen. Felton zeigte im Knicks-Trikot die beste Saison seiner Karriere. Camby war 2007 Verteidigungsspieler des Jahres und zusammen mit Kurt Thomas einer der Leistungsträger während des letzten (und einzigen) erfolgreichen Knicks-Runs ins NBA-Finale seit 1994. Und Prigioni spielt für Argentinien seit 1850 auf höchstem internationalen Niveau. Warum also sollte man einem offensiv limitierten Guard, dessen Karriere-PPG-Schnitt bei mickrigen 9.0 liegt, allzu grosse Aufmerksamkeit widmen?

Die Antwort ist simpel: weil Brewer der wichtigster Neuzugang für die Knicks ist. Zum einen garantiert seine Präsenz, dass er auf der Zwei starten und den allzu launischen JR Smith dorthin verdrängen wird, wo er zu Beginn jeder Partie hin gehört - auf die Ersatzbank. Smith ist als 6. Mann weitaus effektiver, das hat seine NBA-Karriere bisher eindrucksvoll demonstriert, weil ihn der Coach so in Stößen bringen kann und er mit seinen heisskalten 'shooting streaks' für weniger Chaos im Spiel sorgt. Was passiert, wenn Smith von Beginn an eingesetzt wird, wurde in den Playoffs gegen Miami überdeutlich: der Angriff wird schlampig, während die Defensive noch stärker leidet (Smith ist berühmt dafür, wie hypnotisiert den Ball sekundenlang zu verfolgen und seinen Mann völlig aus den Augen zu verlieren). Brewer's Ankunft verstärkt den positiven Smith-Effekt, der als Bank-Mikrowelle schon immer den grössten Schaden angerichtet hat.

Abgesehen von der "Addition durch Subtraktion" Reaktion avanciert Brewer auf Anhieb zum besten Perimeter-Verteidiger der Knicks und dem perfekten Pendant zu Tyson Chandler, dem amtierenden Defensive Player of the Year. Brewer ist gross (2,01m), schwer und klotzig (105kg), aber gleichzeitig schnell genug, um jeden Flügelspieler dieser Liga effektiv verteidigen zu können. In einer Conference, die Abend für Abend Spieler wie LeBron James, Dwyane Wade, Paul Pierce, Deron Williams oder Joe Johnson ins Getümmel schmeisst, brauchst du einfach defensive Stopper, um oben mitzuspielen. Offensiv ist Brewer, der in Chicago letztes Jahr 43 von 66 Partien von Beginn an machte, der perfekte Ergänzungsspieler für das Iso-Spiel der Knickerbockers, das vor allem über Carmelo Anthony und Amare Stoudemire laufen wird. Ja, der 26-Jährige ist eine Pfeife aus der Distanz und als Spotup-Shooter (Karriere 24.4% von Drei) völlig unbrauchbar. Aber er bleibt ständig in Bewegung und verlangt in der Offensive keinen einzigen Ball.

Brewer ist für das unter Mike Woodson defensiv geprägte Spiel der Knicks eine weitaus bessere Lösung als Landry Fields, der eine brutal schlechte Lockout-Saison spielte und in Toronto einen viel zu hoch dotierten 3 Jahres-/19 Mio. $ Vertrag erhielt (der mieseste Deal dieser Free Agency übrigens). Fields' Offensive war ähnlich schlecht (8.8 PPG, 26% von Downtown), seine Defensive dabei aber nonexistent. Brewer bringt noch einen weiteren, offensichtlichen Vorteil: seine Grösse erlaubt es ihm, ohne Weiteres auf die Drei auszuweichen. Woodson kann so die letztes Jahr in Schüben sehr erfolgreiche Small Ball Lineup mit Anthony auf der Vier spielen. Anthony zeigte sich als Power Forward wie neu geboren (als Stoudemire verletzt aussetzen musste). Melo kämpfte im Low Post, reboundetet besser und profitierte stark davon, nicht mehr schnellere Spieler auf dem Perimeter durch die Gegend jagen zu müssen. Eine Davis-Fields-Shumpert-Anthony-Chandler Lineup war im Schnitt 14 Punkte pro 100 Angriffe besser als die Konkurrenz, ein monströser Wert in ausreichender Spielzeit, um daraus einen Trend ableiten zu können.

Brewer repräsentiert mit seiner positionellen Vielseitigkeit und Defensivstärke das neue Knicks-Spiel, wie wir es in den nächsten zwei bis drei Jahren erleben werden. Es ist klar, dass dieses Team letztendlich nur so weit kommen wird, wie es das Duo Anthony/Stoudemire tragen. Die vielen Neuzugänge signalisieren aber auch, wie sich dieses Team selbst sieht: als knallhart verteidigendes, hart spielendes, wenig scorendes Veteranen-Team, als Throwback Variante aus den '90ern, als Reinkarnation der Ewing/Oakley Knickerbockers. Als Big Apple Fleischwolf, der mit Sicherheit im Kampf um die vorderen Eastern Conference Plätze ein paar ernste Wörtchen mitzureden haben wird. Ein Lockdown-Verteidiger zum Vet Minimum (1.1 Mio. $ pro Saison) stellt für diese Pläne die perfekt-unterschätzte Addition dar. Auch wenn das am Ende einer wilden Free Agency kaum noch jemand mitbekommen hat.