22 Juli 2012



Nach längerem Schluckauf und zwei Tagen Hin und Her ging der Celtics-Trade für Courtney Lee am Freitag endlich offiziell über die Bühne. Danny Ainge bewies einmal mehr, weshalb er zu den kreativsten und ganz klar besten GMs im Business gehört und setzte einem ohnehin schon erfolgreichen Sommer die Krone auf: mit Lee kommt ein exzellenter, junger Two-Way Player, der nicht nur verteidigen, sondern auch noch einen Grossteil der nach Miami abgewanderten Wurfsicherheit von Ray Allen ersetzen kann. Und das alles im Tausch für Ersatzbank-Sondermüll, Zweitrundenpicks und ein paar extra Penunzen aus dem prall gefüllten Kobold-Geldsäckchen. Um den Trade zu ermöglichen, schickte Ainge JaJuan Johnson, E'Twaun Moore, Sean Williams und einen Zweitrundenpick im nächsten Draft nach Houston. Sasha Pavlovic wandert via Sign & Trade, zusammen mit zwei weiteren Zweitrundenpicks 2013 und einem unspezifizierten Bargeld-Betrag, um Pavlovic's Gehalt zu bezahlen, zu den Trail Blazers. Die schicken schliesslich noch die Rechte an Jon Diebler, einem Shooter, der letztes Jahr gedraftet wurde und jetzt in Griechenland spielt, nach Houston. Lee erhält in Boston einen 4 Jahres-/21.5 Mio. $ Vertrag.

Weder Pavlovic, noch Diebler, Moore oder Williams spielen in den Planungen der involvierten Teams irgend eine Rolle. Auch Johnson, ein 'Tweener' Forward, der zu schmal für die Vier und zu langsam für die Drei zu sein scheint, will nicht unbedingt in Houston bleiben, weil er sich dort im rammelvollen Frontcourt nicht durchsetzen können und keine Spielzeit ergattern wird (wäre in Boston übrigens nicht anders geworden. JJJ ist einfach nicht gut genug).

Die Rockets hatten ihr ursprüngliches Qualifying Offer an Lee zurück gezogen und den Flügelspieler so zu einem Unrestricted Free Agent gemacht. Zahlreiche Teams signalisierten daraufhin Interesse an ihm. Es schien zunächst so, als müssten sich die Celtics aus dem Buhlen um Lee zurück ziehen, nachdem sich die Dallas Mavericks strikt weigerten, an einem Sign & Trade Deal für Jason Terry mit zu arbeiten. Ainge wollte sich eigentlich die Midlevel-Exception aufbewahren, um neben Terry einen weiteren Guard verpflichten zu können. Als aber klar war, dass die MLE für den Jet drauf gehen würde, musste Ainge zu seiner Spezialität übergehen: er improvisierte. Das Treibgut vom hinteren Ende der Ersatzbank und Spieler, die angesichts der neuen, verbesserten Rotation ohnehin keine Rolle im Kader gespielt hätten, für einen jungen Langzeitstarter einzutauschen, würde so vermutlich nicht einmal im Videospiel funktionieren. Ainge bekam es dennoch hin. Der Celtics-GM arbeitete rund um die Uhr und hat jetzt in einem für Boston-Fans glorreichen Sommer jedes im Vorfeld ausgegebene Ziel erreicht: ein Team, das alt, dezimiert und angeschlagen nur 12 Minuten vom Erreichen des NBA-Finales entfernt war, ist in nur zwei Monaten jünger, athletischer und tiefer geworden. Und alles, ohne gehaltstechnisch in den gefürchteten Luxury-Tax Bereich hinein zu rutschen. Auch die Bi-Annual Exception hat man noch. Das ist genial. Nach der sehr frühen Zusage von Kevin Garnett kippten die Dominosteine reihenweise um: Jason Terry, Jeff Green, Brandon Bass, Chris Wilcox, heute noch Jason Collins. Davor die drei Rookies Jared Sullinger, Fab Melo und Kris Joseph. Der einzige Wermutstropfen war der Abgang von Ray Allen zum Erzrivalen Miami.

Und hier kommt Courtney Lee ins Spiel. Der 1,96m Mann ist elf Jahre jünger und zu diesem Zeitpunkt natürlich ein weitaus besserer Athlet als Ray Allen. Seine Defense ist um Längen besser, er kann Guards und Small Forwards gleich effektiv verteidigen. Aber Lee ist kein D-Spezialist, der im Angriff zur Bürde mutiert. Er erzielte in der abgelaufenen Saison 11.4 PPG und traf dabei 40.1% seiner Versuche von jenseits der Dreierlinie. Im Gegensatz zu Allen, der mit jetzt 37 Jahren zum reinen Jumpshooter verkommen ist (den man bei 78% seiner erfolgreichen Feldkorbtreffer assistieren musste), kann Lee auch mit einem kurzem Dribbling seinen eigenen Wurf kreieren (nur 61.8% assisted) oder als Cutter für Gefahr sorgen. Das, gekoppelt mit seinen Fähigkeiten als einer der besten Corner-Three Schützen der Liga, wird fast zwangsweise zu neuen Sets im Celtics-Angriff führen (weniger Down-Screens, mehr Drive & Kicks) und zusammen mit dem Playmaking von Terry für frischen Wind sorgen.

Ich will damit nicht implizieren, dass Lee besser ist als Allen. Letzterer ist ein Hall of Famer und hat mit seinen Leistungen maßgeblich zu drei Conference Finals Teilnahmen in den letzten fünf Jahren beigetragen. Aber Lee ist eine perfekte Verstärkung für Boston, zu einem absoluten Schleuderpreis, der den Grünen mindestens so viel geben wird, wie Allen im letzten Jahr. Er ist aggressiv, ohne zu überdrehen (14.0 PPG in 26 Partien als Starter in 2011/12, als Kevin Martin verletzt aussetzen musste), ein exzellenter Teamplayer, ein noch besserer Mannschaftskollege, und bringt seine Leistungen wie ein echter Profi, egal ob von der Bank oder als Starter. Dass Orlando ihn nach der Finalteilnahme 2009 ziehen liess, bereuen die Magic heute noch. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Lee die kommende Saison in der ersten Fünf neben Rondo beginnt und dort mindestens bis zur Rückkehr von Avery Bradley bleiben wird, der erst seine Schulterverletzungen auskurieren muss. Danach hat Coach Doc Rivers (der Lee übrigens unbedingt haben wollte und ihn aggressiv rekrutierte, als klar wurde, dass Allen abzieht) mehrere Möglichkeiten und kann seine Lineup je nach Kontrahent offensiv oder defensiv ausrichten. Noch wichtiger für Boston: mit Rondo-Bradley-Lee-Green-Sullinger-Bass steht ganz plötzlich ein kerngesunder Nukleus für die Zeit nach Garnett/Pierce bereit. Celtic Nation wird also nicht weitere 22 Jahre auf die nächste Finalteilnahme nach dem letzten Titelgewinn warten müssen.


nbachef meint: Vorteil Boston