15 Juli 2012




In einer durch und durch überraschenden Aktion haben die New York Knicks ihren alten Point Guard zurück in den Big Apple geholt und der mittlerweile leidigen JLin Story eine weitere, verblüffende Wendung gegeben: Raymond Felton kommt, zusammen mit Kurt Thomas, im Tausch für Jared Jeffries, Dan Gadzuric, Kostas Papanikolaou und Georgios Printezis. Um Portland für diesen Sign & Trade (Felton war Free Agent) zu entschädigen, schicken die Knicks noch einen Zweitrundenpick 2016 in den Westen.

Über die genauen Gehaltsmodalitäten für Felton herrscht noch keine Einigkeit: die einen spezifizieren 3 Jahre/10 Millionen US-Dollar, andere wiederum sprechen von 4 Jahren/18 Millionen. So oder so, rein sportlich betrachtet ist der Deal für die Knicks natürlich ein absoluter Zugewinn. Der 28-jährige Felton kam zwar in Portland nach einem verlängerten Lockout-Sommer nie in Tritt - auch weil er übergewichtig zum Camp erschien und mächtige Differenzen mit dem alten Head Coach Nate McMillan hatte - und beendete die Saison mit den schlechtesten Werten seiner Karriere (11.4 Punkte, 6.4 Assists, 1.3 Steals pro Spiel). Aber sein erster Run in New York war ein erfolgreicher. Dort harmonierte der untersetzte Playmaker vor zwei Jahren unter Mike D'Antoni perfekt mit Amar'e Stoudemire und lieferte in 54 Partien starke 17.1 PPG, 9 APG und 1.8 SPG ab. Der Blocksbuster-Trade für Carmelo Anthony brachte ihn erst nach Denver und schliesslich zu den Trail Blazers. Die befinden sich im Neuaufbau und haben für Veteranen wie Felton und Kurt Thomas keinerlei Verwendung mehr. Thomas war auch erst 2011 in den Nordwesten gewechselt, um dort die Playoff-Hoffnungen zu nähren, spielte aber ab Februar in einer komplett verkorksten Saison kaum noch. In New York wird der 39-Jährige eine der stärksten Frontcourt-Rotationen der Liga weiter aufpolstern und zusammen mit den erst kürzlich verpflichteten Jason Kidd und Marcus Camby viel NBA-Erfahrung in den Locker Room bringen (und zusammen mit Camby die '99er Knicks-Lineup-Edition wieder aufleben lassen. Hat jemand noch LJ's Nummer?). Gadzuric wird von den Trail Blazers gleich wieder entlassen werden. Jeffries wird dank seiner Hustle-Qualitäten entweder haften bleiben und ein paar Spielminuten auf beiden Forward-Positionen abstauben - oder aber ebenfalls entlassen und dann zu einem Playoff-Team wechseln.


nbachef meint: Vorteil New York



Viel interessanter als der einseitige Trade ist allerdings die Causa Jeremy Lin. Der restricted Free Agent erhielt am Freitag ein potentiell übergiftiges Vertragsangebot von den Houston Rockets, die den Asiaten als Franchise-Spieler und Publikumsmagnet nach Texas locken wollen. Das 'offer sheet' an Lin hat es in sich: nach moderaten 5 Mio. $ pro in den ersten beiden Vertragsjahren fällt der Hammer in Jahr drei: fast 15 Millionen wird der Point Guard in 2014-15 verdienen. Diese sogenannten 'poison pill' soll die Knicks davon abhalten, das Angebot abzugleichen. Die Rechnung der Rockets: das Preis-/Leistungsverhältnis stimmt im dritten und letzten Jahr für New York einfach nicht mehr. Für Houston hingegen hat dieses Angebot keine allzu grossen Konsequenzen. Ihr Cap wird mit dem Durchschnittssalär des gesamten 'offer sheets' belastet (ca. 8 Mio. $/Jahr). Die gleiche Taktik fährt GM Daryl Morey übrigens auch beim Angebot für Bulls-RFA Omer Asik, der mit einem ähnlichen 'poison pill' Angebot aus Chicago weg gelotst werden soll.

Die Aufregung war gestern gross, als innerhalb von nur wenigen Stunden das Vertragspapier für Lin an die Knicks übergeben wurde (das Offer Sheet muss von Hand gereicht werden) und Felton seinen Wechsel nach New York bekannt gab. Heisst das im Umkehrschluss, dass die Knicks Lin ziehen lassen werden? Immerhin stehen mit Jason Kidd und jetzt Felton (sowie dem angeblich verpflichteten Argentinier Pablo Prigioni) gleich mehrere Point Guards im Kader. Lin's Stichprobenumfang, der nur 35 Partien umfasst, ist einfach zu klein, um ihm mir nichts, dir nichts 15 Millionen in den Rachen zu schmeissen. Und die Luxussteuer-Implikationen in drei Jahren, wenn neue, verschärfte Strafsätze im CBA greifen, sind enorm. Allein für Lin, Stoudemire, Carmelo Anthony und Tyson Chandler wären dann mehr als 70 Millionen Dollar an Gehältern fällig. Will man sich das in New York wirklich antun?

Meine Frage ist: wieso nicht? Was spricht denn dagegen, Felton quasi umsonst aus Portland zu verpflichten und gleichzeitig Lin zu behalten? Sportlich betrachtet geht es doch gar nicht darum, den einen oder den anderen auf Point Guard auflaufen zu lassen. Die Backcourt-Situation der Knicks hat sich nach der Verletzung von Iman Shumpert sowie dem Abgang von Landry Fields nach Toronto (via offer sheet, das die Knicks nicht abglichen) verändert. Dass Kidd zu diesem Zeitpunkt keine Starter-Minuten mehr auf der Eins abreissen kann, ist offensichtlich. Mit Kidd, Felton, Lin und JR Smith hätte man vier Guards im Kader, die Head Coach Mike Woodson eine Menge Optionen eröffnen. Nur ein Beispiel: Felton zusammen mit Amare Stoudemire und der Ersatzformation auf's Feld schicken und viel Pick & Roll spielen lassen, während Kidd und Lin zusammen im Backcourt auflaufen. Die LA Clippers, Miami Heat und früher die Atlanta Hawks (ebenfalls unter Woodson) sind nur einige Beweise dafür, dass zwei Ballhandler und Spielgestalter durchaus miteinander harmonieren und ein Team stärker machen können.

Rein finanziell betrachtet ist der Schaden, den die Knicks durch das Gleichziehen mit Houston's Angebot (sie haben drei Tage Zeit) erleiden, auch geringer, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Zum einen: Lin ist ein Geldesel, der den Knickerbockers (immer noch) Millionen und Abermillionen von Marketing- und Merchandise-Geldern einbringt. Selbst die 15 Millionen plus Luxussteuer in 2015 stünden in keinerlei Relation zum Gesamtertrag, den Besitzer James Dolan dank Lin bereits eingesackt hat - und das auch weiterhin tun wird. Aus Lineup-Design- und Cap-technischen Gründen wäre es schlicht dumm, Lin ohne Gegenwert ziehen zu lassen. Man könnte ja nicht einfach Ersatz verpflichten. Um's mit den Worten des einzigartigen Rob zu sagen, der die Situation drüben beim Knicksjournal besser dargestellt hat, als ich das jemals könnte:

Ausgangssituation: Die Knicks sind eh drüber … völlig egal ob man nun also Felton und Thomas mit an Bord holt oder nicht. Die Rechte an Lin haben die Knicks auch weiterhin. Nachdem man sich also entschied, das desaströse Fields Offer Sheet nicht zu matchen, hat Grunwald aus den wenigen noch verbleibenden Assets eine Menge gemacht.

Strategisch – sowohl finanziell als auch sportlich – ist Lin in den ersten 2 Jahren günstig mit je $ 5 Mio. und erst in Jahr 3 teuer, wenn er eh ein Expiring Contract ist... Rein Cap-technisch ist es immer noch völlig egal, ob Lin bleibt oder nicht. Ja, die Luxury Tax schlägt irgendwann an. Aber Dolan sollte und muss die Eier haben, seinen Weg als Big Spender durchzuziehen. Schreckt er vor dieser Investition nun zurück, ist er ein Huhn … ohne Kopf.

Alles in allem sollte man sich von der New Yorker Medien-Hysterie also nicht kitzeln lassen. Die Verpflichtung von Felton - der zufälligerweise die selbe Position spielt wie Lin - steht möglicherweise in absolut keinem Zusammenhang zum Angebot der Houston Rockets, sondern war schlicht und ergreifend ein Steal. Sicher: es ist plausibel, dass die Knicks den Linsanity-Wahnsinn nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet haben und bereit sind, die elektrische Beziehung hier und jetzt zu beenden. Der Cap-Hit in 2014, eventuelle Probleme hinter den Kulissen (Lin soll vertrauliche Interna an die Rockets weiter gegeben haben) und Dolans' generelle "Allürenhaftigkeit" lassen mehrere Türen für einen Lin-Abgang nach Houston offen. Die eingehende Prüfung aller Fakten und Szenarien kann mir aber nur ein einziges Urteil abgewinnen: die Knicks bluffen. Lin bleibt also weiterhin im Big Apple - trotz Raymond Felton!