03 Juli 2012




Die Brooklyn Nets haben Joe Johnson aus Atlanta verpflichtet. Im Gegenzug wechseln Jordan Farmar, Johan Petro, DeShawn Stevenson, Anthony Morrow, Jordan Williams und Houston's Lotterie-geschützter Erstrundenpick 2013 (aus dem Terrence Williams Trade 2010) zu den Hawks. Obwohl der Deal bereits seit Sonntag kursierte, war seine Abwicklung zum jetzigen Zeitpunkt schon eine kleine Überraschung.

Die Nets, die am späten Montag Abend mit Deron Williams zusammen kamen, um ihren Point Guard ein letztes mal von der Richtung zu überzeugen, die man in Brooklyn gehen will, nahmen die guten News in den Verhandlungsraum mit und dürften mit der Verpflichtung des 6-fachen All-Stars durchaus Eindruck geschunden haben. Dessen ungeachtet - und trotz zwiespältiger Meldungen, dass dieser Trade von Deron Williams' Entscheidung abhängt - haben die Nets ihren gewünschten Mann und werden den Deal offiziell abwickeln, sobald das Moratorium am 11. Juli endet (die Liga muss bis dahin noch den genauen Wert des Salary Caps/Luxusbereichs festlegen).

Angenommen, D-Will unterschreibt seinen Max-Deal in Brooklyn (und daran hatte ich nie meine Zweifel), dann gehen die Nets mit einem Williams-Johnson-Wallace-Lopez Nukleus in die nächsten Spielzeiten und drängen wohl auf Anhieb unter die Top-5 in der Eastern Conference. Gerald Wallace wurde vor einigen Tagen für 4 Jahre/40 Mio. $ verlängert (Wallace hat sein Gehalt nach hinter verlagert, um für 2012 mehr Cap-Platz frei zu lassen), während Vertragsgespräche mit den teameigenen Free Agents Brook Lopez und Kris Humphries noch bevor stehen. Ausserdem haben es die Nets geschafft, ihren eigenen Draft-Pick 2013 und den vielversprechenden Youngster MarShon Brooks (immerhin 12.6 PPG als Rookie) zu behalten.

Kurz- und mittelfristig gewinnen die Nets durch diesen Deal viel hinzu. Johnson erzielte in jeder seiner sieben Saisons in Atlanta mindestens 18.2 PPG und zählt nach wie vor zu den fünf besten Zweiern der Liga. Sieht man einmal von seinem horrenden Gehalt ab - und dafür ist er ja nicht selbst zuständig - dann schlummert unter der "90 Millionen für die nächsten vier Jahre Oberfläche" ein potenter Isolationsscorer und sekundärer Ballhandler, der mit seinen 2,03m Matchup-Alpträume kreieren kann. Ein Johnson-Williams Backcourt ist einer der besten der NBA und dürfte im neuen Barclays Center Begeisterung entfachen. Natürlich werden die Nets in dieser Form nicht um den Titel mitspielen. Aber nach gerade mal 58 Siegen in den letzten drei Jahren und dem chronischen Status als Lachnummer der Nation wäre schon das Erreichen der Playoffs ein riesiger Schritt nach vorne. Die Erfolgslosigkeit der Franchise war auch ein Grund, warum man es satt hatte, auf eine Resolution des Dwight Howard Theaters zu warten. "Ein Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach" - lieber also mit Williams/Johnson/Wallace um die Playoffs mitspielen, als weiterhin zu hoffen und zu bangen und sich von einem Spieler und einem Club in Florida abhängig zu machen, die selbst nicht genau wissen, was sie eigentlich wollen. Ein Umzug nach Downtown Brooklyn ohne respektable Spieler im Kader wäre der absolute Supergau gewesen. So hat man jetzt wenigstens die Basis geschaffen für ein paar Siege und ein einigermaßen ansehnliches Basketballprodukt. Die gute Nachricht: Brooklyn kann sich den Howard-Wunsch immer noch erfüllen, vielleicht. Mit einem theoretischen Lopez/Humphries/Brooks/Wallace plus Draft-Picks für Howard/Turkoglu Angebot würde man dem neuen Magic-GM Rob Hennigan zumindest ein Telefongespräch abtrotzen können. Ob jetzt oder dann im Februar vor der Trade-Deadline, wird sich zeigen. Die Möglichkeit ist in der Theorie jedenfalls vorhanden.

Zurück zum Status Quo: mit Williams, Johnson und Brooks im Backcourt, dem vielseitigen Wallace als traditionellem Small Forward oder Power Forward in kleinen Lineups und Lopez auf Center werden die Nets keine allzu grossen Probleme haben, den Ball zu scoren. Komplizierter wird's für diese Lineup allerdings am defensiven Ende. Schafft man es aber, Humphries zu verlängern, Mirza Teletovic und Andrei Kirilenko aus Europa zu verpflichten und dazu noch den Kader mit dem ein oder anderen Veteranen abzurunden, hätte man eine 10er-Rotation, die sich durchaus sehen lassen und weit mehr als die Hälfte seiner Spiele gewinnen kann. Die Komplikationen fangen für die Nets erst an, wenn man sich vor Augen führt, dass Johnson mit zunehmendem Alter immer teurer wird (unbegreifliche 24.9 Mio. $ in 2015/16) und er und Wallace ihre besten Tage bereits hinter sich haben. Es bleibt abzuwarten, ob die Nets in Zukunft zu ihrem Spielerkern hinzu addieren können oder spielerisch abbauen. Eines zumindest ist sicher: mit einem der reichsten Männer dieses Planeten als Besitzer dürften Geld- und Luxussteuer-Engpässe in Brooklyn nie ein Thema werden.

Für Atlanta macht der Deal aus spielerischer Sicht natürlich überhaupt keinen Sinn. Dabei ging es dem neuen General Manager Danny Ferry aber auch nie. Er hat nach gerade mal zwei Wochen im Amt den Kehrbesen zum grossen Reinemachen heraus geholt und bewiesen, dass in der NBA jeder auch noch so schlechte Vertrag tradebar ist. Ferry identifizierte richtigerweise Josh Smith und Al Horford als die wichtigsten Spieler der Hawks und realisierte, dass diese Mannschaft niemals über die zweite Playoff-Runde hinaus kommen wird. Als er in Nets-GM Billy King, ein ehemaliger Teamkollege an der Duke University, einen geeigneten Volltrottel Abnehmer für den giftigsten NBA-Vertrag der Liga fand, zögerte Ferry keine Sekunde. Noch besser für Hawks-Fans: nur wenige Stunden nach diesem Trade schickte der GM auch noch Marvin Williams in einem separaten Trade nach Utah (im Tausch für Devin Harris) und entledigte sich somit innerhalb eines Nachmittags der beiden grössten Sorgenfälle in Atlanta, das mit den Trades knapp 85 Millionen Dollar einspart. Die Verträge der Neuzugänge aus Brooklyn enden allesamt im Sommer 2013 (Teamoption bei Stevenson's neuem Sign & Trade Deal, der insgesamt 6.9 Mio. $ wert ist) und stellen keine langfristige Belastung für den Salary Cap dar.

Vielleicht schafft es Morrow (Karriere 12.1 PPG bei 43% Dreierquote), sich nächstes Jahr in die Rotation zu spielen und langfristig in Atlanta zu bleiben. Vielleicht aber auch nicht. Der Fokus lag hier ganz klar im Freischaufeln von Geldreserven für die Zukunft und dem Drücken eines sportlichen Reset-Knopfes (die Hawks sparen nach Farmar-Buyout nur knapp 7.5 Millionen in der kommenden Saison ein und liegen immer noch weit über dem Cap). Die Abgänge tun keinen Deut weh, denn Ferry reisst hier keinen Meisterschaftsanwärter auseinander. Er denkt nur langfristig: die Vögel haben jetzt für 2012-13 nur noch Horford und Rookie-Shooter John Jenkins unter Vertrag und genügend Geld, um zwei Max-Deals zu offerieren. Der in Atlanta geborene Dwight Howard, Chris Paul, Blake Griffin, Brandon Jennings, Monta Ellis, James Harden, Paul Millsap und Serge Ibaka sind nur einige der potentiell verfügbaren Free Agents im nächsten Sommer. Klingelt da etwas...?


nbachef meint: Vorteil Nets