09 August 2012



Zurück zu den Anfängen hiess es letzte Woche für Brandon Roy. Der 28-Jährige unterschrieb, ganz offiziell, einen brandneuen 2-Jahres Vertrag bei den Minnesota Timberwolves und komplettierte damit (vorläufig) seinen langen Leidensweg zurück in die NBA. "Ich bin sehr froh, hier zu sein, diesmal hoffentlich etwas länger als 30 Minuten", scherzte Roy bei seiner Begrüssungs-PK.

Nur sechs Jahre ist es her, dass der Shooting Guard von den Minnesota Timberwolves an 6. Stelle gedraftet wurde. Noch während Roy, damals frisch getunkt in Wolves-farbenen Dip, vor den Journalisten-Mikros stand, wurde bekannt gegeben, dass er im Tausch für Randy Foye nach Portland getradet wurde. In Portland avancierte Roy schnell zum Führungsspieler und Franchise-Eckstein. Er debütierte mit 16.8 PPG, 4.4 RPG und 4 APG und wurde einstimmig zum Rookie des Jahres gewählt. Sein Aufstieg zu einem der explosivsten und besten Guards der Liga setzte sich danach ungebremst fort. Er schaffte es dreimal in Folge ins Western Conference All-Star Team und in konsekutive All-NBA Teams (Second Team 2009, Third Team 2010), während er die Trail Blazers drei Jahre in Folge in die Playoffs führte. Brandon Roy war ein Star auf dem Weg in die Hall of Fame. Das Problem: sein Körper hinterging ihn. Seine Knie schienen wie aus Pappmachee gemacht. Insgesamt musste er sich innerhalb weniger Jahr sechs chirurgischen Eingriffen unterziehen, weil sich seine Menisken schneller auflösten als die Championship-Hoffnungen in Portland. Am Ende mahlten Knochen auf Knochen, die Schmerzen wurden unausstehlich, Roy's Skills degenerierten von Spiel zu Spiel. In seiner letzten Saison 2010-11 war der Guard nur noch ein Schatten seiner Selbst. 12.2 Punkte und 2.7 Assists im Schnitt waren weit entfernt von den 26.7 PPG, die er in den 2009er Playoffs erzielt hatte. Die Blazers hatten ihn damals, direkt nach seinen transzendenten Leistungen, eine 5-Jahres/82 Millionen Dollar Vertragsverlängerung unterzeichnen lassen. Nur zwei Jahre später versuchte das Team dann alles, um die Investition auszumerzen.

Nachdem sie Roy - gegen seinen Willen - so wenig wie möglich spielen liessen, und ihn später sogar zum Rücktritt drängten, um ihn der NBA und der Versicherung als Sportinvaliden zu verkaufen, mussten die Blazers nach dem Lockout mit der Amnestie-Klausel Vorlieb nehmen. Der ehemalige Franchise-Player wurde einfach aus dem Kader gestrichen, seine verbliebenen 68 Millionen Dollar Gehalt aus den Salary Cap Kalkulationen getilgt. Weil Roy offiziell seinen Rücktritt bekannt gab, wanderte er auch nicht in den sogenannten 'Waiver Pool', aus dem entlassene Spieler normalerweise direkt verpflichtet werden können, wenn Teams an ihnen Interesse haben, sondern wurde zum de facto Free Agent. Ein Free Agent, dessen Karriere im Prinzip beendet war. Oder war sie das?

"Nachdem ich ein paar Monate aussetzte, beschloss ich, dass ich nicht mit Basketball aufhören wollte. Ich wollte weiter machen. Ich selbst habe ja nie gesagt: 'Das war's jetzt, für immer.' Es war nie meine Entscheidung, zurück zu treten. Es war vielmehr eine Pause." Mit diesen Worten erklärte Roy seine schnell wieder aufkeimenden Ambitionen, es in der NBA noch einmal zu versuchen. Bereits letzten Winter trainierte der aus Seattle stammende Guard wieder, und liess über seinen Agenten schon einmal abklären, welche Teams für seine Dienste potentiell Verwendung haben könnten. Das Interesse an einem der vielseitigsten Spieler der Liga intensivierte sich im Frühling 2012, nachdem bekannt wurde, dass Roy sich der mittlerweile als bahnbrechend geltenden Orthokin-Therapie (das Kobe-Ding) unterzogen hatte. Die Schmerzen waren plötzlich weg, Roy konnte seine Workouts intensivieren und Scouts und Managern beweisen, dass er das Spielen nicht verlernt hatte.

Die Timberwolves streckten in ihrer Verzweiflung die Fühler nach Roy aus und liessen sich schnell überzeugen. Dabei spielten seine Skills eine mindestens ebenso grosse Rolle wie die zuletzt eklatante Situation auf dem Wolves-Flügel. Die Positionen Shooting Guard und Small Forward waren nicht einfach nur schlecht. Sie waren absolut katastrophal. Kein anderes NBA-Team hatte eine nur annähernd so spärliche Produktion auf den Seiten wie Minnesota (10.0 PER). Insgesamt kassierten die Timberwolves auf den Flügeln 10.7 Punkte pro Abend mehr, als sie dort selbst erzielten. Wesley Johnson, Martell Webster und Wayne Ellington waren so desolat, dass Rick Adelman häufig JJ Barea/Ricky Rubio auf die Zwei und Derrick Williams/Michael Beasley auf die Drei stellen musste (und bevor jetzt jemand behauptet, dass besagte Spieler doch ohne Probleme auf besagten Positionen eingesetzt werden können: ein Hund kann ja im Prinzip auch fliegen, wenn man ihn wirft. Nur eben nicht sehr lange und auch nicht sehr gut).

Roy wird hier also, selbst in der für ihn desolaten Form aus seiner letzten, verletzungsgebeutelten Blazers-Saison, Abhilfe schaffen. Sein PER damals war mit 13.9 immer noch höher als alles, was besagte Johnson-Webster-Ellington Troika jemals in der NBA erreicht hat. Seine Qualitäten als Playmaker werden - vor allem in den ersten Monaten der Saison, in denen Rubio noch fehlen wird - ebenso hilfreich sein wie seine Wurf- (solide 35% von Downtown und 46% FG gesamt in seiner Karriere) und Nervenstärke in der Crunch Time. Es wird allgemein erwartet, dass Roy auf Anhieb in die Starting Five rutschen und sich dort soviel Spielzeit verdienen wird, wie sein physischer Zustand das gestattet. Seine Familiarität mit den Wolves-Assistenten Bill Bayno und Terry Porter, die früher beide in Portland gearbeitet haben, wird Roy sicherlich dabei helfen, seinen angestammten Platz in einer plötzlich stark verbesserten Wolves-Mannschaft einzunehmen, die im Westen zum ersten Mal seit den Kevin Garnett Tagen wieder ernsthaft um die Playoffs mitspielen wird. Neben Roy haben Andrei Kirilenko, Chase Budinger, Alexey Shved und Greg Stiemsma die Mannschaft verstärkt. Der 28-Jährige wird also auch als Anführer und Locker-Room-Persönlichkeit dieses immer noch sehr jungen Teams angesehen.

Die alles entscheidende Frage bleibt natürlich (vorerst) unbeantwortet: kann Roy jemals wieder exzellenten Basketball spielen? "Natürlich, das ist das Ziel", sagt der Protagonist selbst. "Nur darum bin ich zurück gekommen. Ich wäre heute nicht hier, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass ich wieder auf hohem Level Basketball spielen kann. Ich wollte nicht einfach nur ein 10. Mann am Ende der Bank sein. Ich will mich reinhängen und dem Team dabei helfen, den nächsten grossen Schritt zu tun. Das kann ich hier. Manche Clubs wollten mir nur eine ganz kleine Rolle anbieten, aber Minnesota hat nichts dagegen, wenn ich mir eine so grosse Rolle verdiene, wie ich will. Das war mir sehr wichtig. Ich fühle mich grossartig, habe keine Schmerzen mehr. Mein Körper gibt mir alle Signale, dass ich wieder der Alte sein kann." Wolves-Fans sollten jetzt natürlich nicht gleich vor Freude aus dem Rudel springen. Roy hat nicht plötzlich bionische Kniegelenke, der Knorpel ist nicht einfach wieder zurück gewachsen (wo nichts mehr ist, kann auch nichts mehr wachsen). Seine alte Athletik und Explosivität sind für immer weg, soviel steht fest. Die Therapie hilft ihm einfach nur dabei, die Schmerzen im Griff zu halten und seine Workouts auf täglicher Basis absolvieren zu können, ohne ständig pausieren zu müssen. Wie sein Körper den Fleischwolf NBA-Saison verkraftet, ist noch nicht bekannt. Die Unterschiede zwischen One-on-One Workouts oder simplen Pickup-Games und fünf Spielen in sieben Tagen auf einem kräftezehrenden East Coast Road Trip könnten eklatanter nicht sein.

Und was, wenn Roy es unter Rick Adelman nicht schafft, sich eine Starterrolle und 30 MPG zu verdienen, wie er das anvisiert? Was, wenn seine Defense auch zwischen Kirilenko und Rubio nicht gut genug ist, um über den Reservisten-Status hinaus zu gelangen? Würde sich Roy, der sich schon immer als Alpha-Spieler gesehen hat, auch damit zufrieden geben? Für Minnesota ist das finanzielle Risiko bei dieser Verpflichtung recht gering. Der Vertrag für Roy (2 Jahre/10.4 Mio. $) ist klein genug, um nicht für Cap-Chaos zu sorgen. Die Deals für Kirilenko und Shved garantieren eigentlich, dass man nächsten Sommer kein Platz zur Verfügung haben wird. Die Mission lautet ohnehin: Playoffs um jeden Preis. Nur so schafft man es, Kevin Love langfristig in den Twin Cities zu halten. Und Roy? Der hat sich für seine Comeback-Ambitionen die wohl günstigste Ausgangsposition erkiesen: ein junges Team, das von seinen Skills ganz entscheidend profitieren und so den nächsten Schritt auf der Entwicklungsleiter tun kann. Es gibt keine Garantien, dass Brandon Roy noch annähernd der Spieler sein wird, der er in Portland einmal war. Aber er wird versuchen, daran anzuknüpfen. Mehr kann Brandon Roy, ehemaliger All-NBA Spieler, nicht tun...