06 August 2012



Die Atlanta Hawks waren in den letzten Jahren das Mittelklasse-Team der NBA. Immer gut genug, um sich sicher für die Playoffs zu qualifizieren. Nie gut genug, um über die zweite Runde hinaus zu gelangen. Das Äquivalent einer gesitteten Mittelklasse-Familie mit gesichertem Einkommen und einem kleinen Reihenhaus in einer mittelgrossen Kleinstadt. ALDI-Steak-Grillen auf der Veranda, zwei Wochen Urlaub im August und von Zeit zu Zeit mal eine Fete mit Freunden und Verwandten. Jahr für Jahr das selbe, vorhersehbare Treiben, der immer gleiche Trott. Nach oben und unten kaum Ausschläge und gänzlich ohne Erlebnisse, von denen man später einmal stolz den Enkelkindern berichten möchte. Solide eben. Das war's dann aber auch schon.

Letzte Saison scheiterten die Hawks nach 40-26 Siegen wieder einmal in Runde eins und unterlagen gegen die Boston Celtics mit 4-2 trotz Heimvorteil. Vor wenigen Wochen kam der neue General Manager Danny Ferry nach Atlanta und vollzog einen radikalen Wandel: der Nukleus wurde komplett zerlegt, es geht jetzt in eine völlig andere Richtung. Hut ab für Ferry, der den Mumm nach Georgia mibrachte, den bisherigen Alltagstrott dort zugunsten eines langfristigen Plans zu durchbrechen. Die alte Lineup hatte ihr Haltbarkeitsdatum fast vollständig überschritten, und es war offensichtlich, dass man damit niemals die nächste Stufe auf der sozialen NBA-Leiter erklimmen könnte. Die gehobeneren Schichten der Lakers, Celtics, Spurs und Heat waren mit jenem Kader für immer ausser Reichweite. Noch bedrohlicher war die Tatsache, dass man in Zukunft für das Zusammenhalten des Kaders tief in die Tasche hätte greifen müssen, weil Vertragsverlängerungen für Josh Smith und Jeff Teague anstehen. Es gibt nicht frustrierenderes, als das grosse Geld für einen mittelprächtigen Club hinzublättern, der ins Nirgendwo fliegt.

Und so ging Ferry zum grossen Federrupfen über. Er schickte in einem der verblüffendsten Trades der letzten Jahre Joe Johnson nach Brooklyn. Den Joe Johnson, dem man in Atlanta vor zwei Jahren einen 120 Millionen Dollar Vertrag offeriert und ihn so im Prinzip untradebar gemacht hatte. Im Gegenzug erhielt Atlanta mit Anthony Morrow, DeShawn Stevenson, Johan Petro, Jordan Williams und Jordan Farmar (der seither entlassen wurde und nach Israel wechselte) einen ganzen Batzen an Rotationsspielern und die für einen erfolgreichen Umbau noch wichtigeren Draft-Picks (ein Rockets First-Rounder 2013 plus ein Nets Second-Rounder 2017). Ferry war aber noch nicht fertig. Er schipperte auch noch Marvin Williams, die grösste Draft-Enttäuschung der Hawks-Geschichte, nach Utah, im Tausch für Point Guard Devin Harris.

Johnson stellt sportlich natürlich einen Verlust dar. Er war bisher sechs mal All-Star, erzielt mit Leichtigkeit 20 PPG und zählt zu den wertvollsten, weil vielseitigsten und defensivstärksten Guards der NBA. Sein schlechter Ruf eines überbezahlten Franchise-Lähmers war schon immer unfair und hinderte viele Beobachter daran, sein Spiel angemessen beurteilen zu können. Sein Kontrakt stand aber in keinerlei Relation zu seinem Wert für die Hawks, denn er schaffte es nie, den Club auf die nächste, die Championship-Stufe zu hieven (...dessen ungeachtet war der Max-Deal, den er 2010 unterschrieb, Marktwert für einen der damals begehrtesten Free Agents der Liga, nicht Johnson's Schuld). Williams hingegen war noch nie gut und erinnerte Fans immerzu an die Imkompetenz der alten Führungsetage, die den Bankspieler der North Carolina Tar Heels nach nur einer durchwachsenen College-Saison 2005 an Nummer zwei draftete - obwohl man immensen Bedarf auf Point Guard hatte und Deron Williams/Chris Paul noch verfügbar waren. Einer der grössten Missgriffe der letzten 20 Jahre und für Hawks-Fans ein pausenloser Flashback und "Was wäre, wenn"-Sündenbock-Moment, wann immer Williams mal wieder auf dem Court abtauchte... was ungefähr 10-20 mal pro Partie vorkam. (Man stelle sich nur einmal vor, was eine Paul-Johnson-Smith-Horford Lineup in den letzten Jahren erreicht hätte).

Ferry tat das einzig Richtige und trennte sich von diesem Makel der Vergangenheit. Ebenfalls aussortiert wurden Spieler wie Kirk Hinrich, Vlad Radmanovic und Tracy McGrady. Im Gegenzug nahm Ferry Youngster wie Lou Williams (letztes Jahr mit 14.9 PPG Topscorer der 76ers) und Rookie John Jenkins (der mit 15.1 PPG und 51% FG eine starke Summer League spielte und Johnson auf der Zwei ersetzen wird) unter Vertrag. Ebenso wichtig werden im neuen Jahr Dreierspezialisten wie Morrow (Karriere 42.6% Dreier) und Kyle Korver (41.3% Dreier) sein. Das Team ist in dieser Konstellation mitnichten besser als letzte Saison. Dafür aber tiefer, ausgeglichener und für die Zukunft weitaus vielversprechender aufgestellt.

Die zwei besten Spieler des Teams, Josh Smith und Al Horford, bilden jetzt zusammen mit Point Guard Jeff Teague das Grundgerüst des neuen Hawks-Traumes. Der Weg soll natürlich schnurstracks wieder in die Playoffs führen. Aber es wäre keine Tragödie, wenn man sich 2012-13 ein wenig treiben lassen würde. Der Fokus liegt ganz klar auf der Zukunft und einem nachhaltigeren, lukrativeren Plan als zuletzt. Horford, Williams und Jenkins sind die einzigen Akteure, die nach der kommenden Saison unter Vertrag sind. Insgesamt stehen 2013 fast 40 Millionen Dollar an Cap Space zur Verfügung. Genug, um das Hawks-Team der Zukunft nach eigenem Gutdünken zusammen zu stellen. Vielleicht wird Smoove verlängert - es hat bisher den Anschein, als plante Ferry mit ihm. Vielleicht wird er aber auch im Februar gewinnbringend (lies: Draft-Picks plus junge Spieler) veräussert. Ferry hatte bei seinem letzten GM-Stop die Cleveland Cavaliers re-designt und zu fünf Conference Halbfinal Teilnahmen in Folge geführt. Er ist sicherlich nicht perfekt, bei dem was er tut, aber er bewirkt Dinge.

Während die meisten Manager in Atlanta ein sicheres Playoff-Team übernommen, eins, zwei Flügelscorer und einen Backup-Center hinzu gefügt und dadurch gehofft hätten, irgendwie den Sprung in die High Society der Association zu schaffen, erkannte Ferry die Zeichen der Zeit und dass der alte Nukleus um Johnson, Smith und Horford so hoch geflogen war, wie nur irgend möglich. Was Atlanta vor allen Dingen brauchte, war weder ein Drive & Dish Point Guard, noch ein shotblockender Center. Was Atlanta vor allen Dingen brauchte, war Veränderung. Irgendwo, irgendwann zwischen der vielversprechenden Talentakkumulation der Mitt-2000er und der Stagnation ab 2008 hatte man nämlich die eigene Zukunft aus den Augen verloren. Ferry und sein neuer Plan haben in Atlanta - zum ersten Mal seit Langem - wieder Hoffnung entfacht. Hoffnung, dass man in Zukunft irgendwann, irgendwie wieder ein Conference Finale erreichen kann. Das gab's für die Hawks zuletzt 1970.