08 August 2012




Russland (B1) - Litauen (A4)

Eine halbe Ewigkeit ist es her, da spielten Litauer und Russen noch vereint als Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz UdSSR. Bei den olympischen Spielen 1992 traten die Litauer dann zum ersten Mal als unabhängiges Land auf und gewannen dort dank der Protagonisten ihrer goldenen Generation, Arvydas Sabonis und Sarunas Marciulonis, Bronze hinter den USA und Kroatien. Seither hatten die Balten bei internationalen Turnieren meistens die Nase vorn und erreichten fünf Mal in Folge das Olympische Halbfinale. Ausgerechnet gegen den Lokalrivalen und grossen Erzfeind Russland soll das nun zum sechsten Mal gelingen - eine ganz schwere Aufgabe angesichts der neuen Hackordnung auf internationalem Parkett. Kein anderes Team hat in den letzten Jahren einen grösseren Satz nach vorne gemacht als die Russen, die nicht nur EM-Sieger 2007 und Dritter 2011 wurden, sondern bisher auch bei diesem Turnier auf absolutem Top-Niveau agierten. Ich hatte es schon im Vorfeld angesprochen: die Russen sind ein ganz ernst zu nehmender Medaillenkandidat. Diesen Eindruck bestätigte das Team von David Blatt in der Vorrunde eindrucksvoll. Man schlug die Spanier, Franzosen, Brasilianer und Chinesen und verlor nur ein einziges Mal - gegen Australien in einer Partie, in der es um nichts mehr ging. Ihre schiere Körpergrösse und defensive Intensität verleiht den Russen gegen fast jeden Gegner entscheidende Vorteile. Andrei Kirilenko (18.2 PPG) und Alexey Shved (12 PPG, 5.4 APG) brillierten bisher als Inside-Out Kombination und führende Punktesammler des Teams. Timofey Mozgov und Sasha Kaun verankern in Schüben die Zone, während Viktor Khryapa den glue guy gibt. Ponkrashov und Fridzon streuen von aussen ein. Besonders besorgniserregend für die Litauer sollte dabei die Tatsache sein, dass die Russen noch kein komplettes gezeigt und immer noch Entfaltungsspielraum nach oben haben. Der ist natürlich auch bei den Litauern auszumachen, die aber insgesamt zu fahrlässig mit dem Ball (viele Turnovers) und insgesamt weitaus unhomogener auftreten, als in den letzten Jahren. Im Idealfall greifen am Mittwoch alle Zahnrädchen perfekt ineinander - der hohe Pick & Roll mit Jasikevicius, Kleiza als effizienter go to Scorer, konstant fallende Distanzwürfe. Insgesamt scheint aber der Spielraum für Fehler für die Litauer zu klein zu sein, um gegen auf allen Positionen besser aufgestellte Russen zu bestehen.

Prognose: Russland




Frankreich (A2) - Spanien (B3)

Das Äquivalent des Brasilien-Argentinien Viertelfinales steigt auch als Euro-Edition zwischen Frankreich und Spanien. Die Iberer sind der ältere, erfahrenere, erfolgreichere Haufen und gelten allgemein als zweitbestes Team der Welt nach den USA (was auch die FIBA-Weltrangliste immer noch so sieht). Bisher jedoch präsentierten sie sich völlig von der Rolle, während die Franzosen weitaus einheitlicher und stärker auftraten. Ist jetzt die Zeit der Blauen gekommen? Können sie sich für die Finalniederlage bei der Euro 2011 revanchieren? Im September hatte Spanien noch recht komfortabel gewonnen (98-85) und dabei seine offenkundigen Vorteile unter den Brettern maximiert. Ohne den verletzten Joakim Noah werden es die Franzosen diesmal noch schwerer haben, die gegnerischen Big Men zu neutralisieren. Pau Gasol, Marc Gasol und Serge Ibaka stellen die imposanteste Frontline des Turniers und erzielten bisher 41.6 PPG, 14.6 RPG und 3.8 BPG. Nur wenn Ronny Turiaf, Kevin Seraphin und Boris Diaw es schaffen, die Kreise der NBA-Legionäre am Korb einzuengen, hat ihr Team eine Chance. Dann nämlich könnten Tony Parker, der immer besser in Tritt kommt (15.8 PPG, 3.6 APG) und der vielseitige Super-Flügel Nicolas Batum (16.8 PPG, 5.8 RPG, 1.6 BPG) das Spiel zugunsten des Zweitplatzierten in Gruppe A kippen. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass die Franzosen mit jedem anderen Viertelfinalgegner leichteres Spiel gehabt hätten. Natürlich kann es sein, dass die Spanier es in diesem Jahr einfach nicht drauf haben. Mehrere Patzer während der Vorbereitung und in den letzten neun Tagen in London sprechen eigentlich für diese These. Die Niederlagen gegen Russland und Brasilien (im "wir verlieren so, dass es nicht so aussieht, als würden wir verlieren wollen" Spiel) offenbarten ernste Probleme, angefangen vom schwachen Guard-Spiel bis hin zur zeitweiligen Ineffektivität von Marc und Serge. Aber ebenso realistisch ist, dass 'La Roja', ausgebufft wie sie nun einmal sind, durch die Vorrunde schlafwandelten und erst jetzt, in der "Win or go home" Phase des Turniers, richtig aufwachen. Juan Carlos Navarro und Jose Calderon haben mindestens eine dominante Partie in sich. Rudy Fernandez ist gegen die Franzosen immer doppelt motiviert. Und wenn Marc und Pau zusammen klicken, kann kein Team der Welt im Interieur dagegen halten - erst recht nicht mit Turiaf und Diaw. Ich bleibe dabei: die Spanier kommen erst heute richtig im Turnier an, fegen den Nachbarn weg und bereiten mit einer starken Leistung ihrerseits die Bühne für ein hoch antizipiertes Halbfinalduell gegen Russland.

Prognose: Spanien




Brasilien (B2) - Argentinien (A3)

Was Spanien/Frankreich für die Fans auf dem alten Kontinent, ist Argentinien/Brasilien für die Menschen in Südamerika: eine bittere Rivalität, sportartenübergreifend, entstanden und kultiviert dank hunderten von Duellen auf höchstem internationalen Niveau. Die jüngere Geschichte spricht eigentlich für die Gauchos, die gegen den direkten Nachbarn zuletzt immer gewonnen haben und dank Rubén Magnano im neuen Millenium sogar die US-Amerikaner deklassierten (Olympia 2004, bis heute eine peinliche Schmach für USA Basketball, die ein Umdenken bewirkte und die aktuellen Top-Teams aus dem Dornröschenschlaf erweckte). Magnano, der ein mechanisch-methodisches, ja fast Metronom-artiges Spiel etablierte, hat aber mittlerweile die Seiten gewechselt und den früher oft chaotischen brasilianischen Basketball rekalibriert. Es war also kein Zufall, dass die Brasilianer in ihrer Gruppe B am letzten Spieltag die Spanier dank musterhaften Einsatz im Sinne des olympischen Gedankens besiegten. Die drei NBA-Legionäre Varejao, Splitter und Nene im Interieur, gekoppelt mit dem elektrischen Guard-Spiel von Leandro Barbosa (15 PPG) und Marcelinho Huertas (allgemein bekannt als bester Point Guard ausserhalb der NBA-Landschaft) verleihen dem Angriff der Brasilianer eine bemerkenswerte Kompaktheit. Das Team ist jung, ausgeglichen und tief: gleich acht Akteure erzielen bisher mindestens fünf Punkte pro Partie. Die Argentinier hingegen sind älter und weitaus stärker auf ihre beiden Top-Stars Manu Ginobili und Luis Scola angewiesen. So ist das eben, wenn man über das weltweit wohl beste Inside-Outside Duo auf FIBA-Niveau verfügt. Ginobili (20 PPG, 6 RPG, 4.8 APG, 2 SPG) machte bisher fast alles. Scola war mit 20.2 PPG sogar noch erfolgreicher. Damit die Goldmedaillengewinner von 2004 aber gegen Brasilien bestehen und so ein Revanche-Date mit den Vereinigten Staaten für das Halbfinal-Aus 2008 einrichten können, müssen die Rollenspieler endlich im Turnier ankommen. Carlos Delfino muss von aussen treffen, Andres Nocioni am Brett ackern, und der angeschlagene Pablo Prigioni den Spielaufbau übernehmen. Das Spiel der Point Guards wird, zusammen mit dem langen Ball, wohl den Ausschlag geben. Schafft es Prigioni, trotz schmerzhafter Nierensteinerkrankung 25+ Minuten zu absolvieren, bietet er Huertas ein wenig Paroli und entlastet Ginobili, der sich so auf's Scoren konzentrieren kann. Der zweite X-Faktor: können die Brasilianer aus der Distanz für Gefahr sorgen? Bisher waren nur zwei Teams im Turnier schwächer von Downtown (Frankreich und Nigeria). Argentinien wird also sicherlich die Zone dicht machen, Splitter und Nene neutralisieren und die Dreier heraus fordern. Im Angriff wird man seinerseits durch Distanzwürfe (45 Dreier bisher, Platz zwei hinter den USA) die nötigen Räume für Scola und Ginobili's Drives kreieren. Wenn mindestens zwei weitere Spieler neben den beiden Topstars eine solide Leistung zeigen, werden die Argentinier dank ihrer Erfahrung und Nervenstärke in solchen Spielen die Oberhand behalten. Denn auch, wenn ihr alter Coach alle Tricks im Playbook auswendig kennt: 'You can't beat execution'... Das müsste Magnano selbst am besten wissen.

Prognose: Argentinien




USA (A1) - Australien (B4)

Business as Usual für die Vereinigten Staaten bis hierher: abgesehen von sechs konsekutiven, an eigenen Ansprüchen gemessen, unterklassigen Vierteln gegen Litauen und Australien, präsentierten sich die hohen Favoriten standesgemäß. 27 Punkte Klatsche gegen die Franzosen. 47 Punkte Klatsche gegen die Tunesier. 83 Punkte Klatsche gegen Nigeria. 29 Punkte Klatsche gegen Argentinien. Die meisten Punkte im Turnier (589), die beste Trefferquote (54% FG), die meisten Dreier (77, also 15.4 pro Spiel), und immer so weiter. Der Zwischenstopp gegen Australien wird auf dem Weg zur Goldmedaille also nicht mehr sein, als ein lockeres Trainingsspielchen. Nicht, weil die Aussies ohne ihren verletzten Big Man Andrew Bogut Kanonenfutter wären, ganz im Gegenteil. Das rauflustige Down Under Team besticht bisher als wohl beste Defensivmannschaft bei Olympia, hat die Russen, Briten und Chinesen geschlagen und gegen Brasilien und Spanien nur ganz knapp verloren. Zudem haben sie mit dem elektrisierenden Patty Mills den bisher besten Punktesammler des Turniers (20.6 PPG) in den eigenen Reihen. Der 1,83m Point Guard von den San Antonio Spurs erzielte den Buzzer Beater Three gegen Russland und zuvor bereits eine Turnier-Bestleistung mit 39 Punkten gegen Großbritannien. Aber da liegt auch schon das Problem: Mills und seine Eskapaden haben die besondere Aufmerksamkeit von US-Coach Mike Krzyzewski erlangt: "Mills spielt ein grandioses Turnier. Das Team spielt sehr engagiert und ist exzellent gecoacht." Heisst im Klartext: der Motor des australischen Spiels wird heute 40 Minuten in Mann- und Doppeldeckung genommen und besonders hart angegangen. So werden die Underdogs Mühe haben, die 65-Punkte Marke zu knacken, selbst wenn Joe Ingles (14.2 PPG) und David Andersen (12.2) einen soliden Tag erwischen sollten. Angesichts der Offensivstärke der US-Boys (117.8 PPG), bei denen mindestens acht Spieler jederzeit 20-plus erzielen können, und der No-BS-Entscheidungsspiel-Mentalität, darf schon mal auf das over/under der Punktedifferenz gewettet werden. 40-Punkte Klatsche? Mehr? Weniger? So oder so, die Australier haben sich in London mehr als achtsam geschlagen und gehören zu den Gewinnern des Turniers. Auch wenn es im jetzt 14. direkten Duell wieder nichts werden wird mit einem Sieg gegen die USA.

Prognose: USA