23 August 2012



Die Phoenix Suns sind brandneu. Zum ersten Mal seit 2004 wird der Wüstenclub aus Arizona eine neue Richtung einschlagen und ohne Steve Nash in eine NBA-Saison gehen. Na endlich, das wurde ja auch allerhöchste Zeit! Ich hatte den fälligen Umbruch bereits früher vehement gefordert, und wenngleich er jetzt später kommt als antizipiert, ist spät immer noch besser als nie. Nash wurde bekanntlich im Juli - etwas überraschend - zum grossen Rivalen Los Angeles Lakers getradet. Grant Hill (immerhin seit 2007 ein Sun) zog es ebenfalls Richtung Westen, zu den LA Clippers. Ohne die beiden elder statesmen und nach einem subjektiv wie objektiv betrachtet sehr aktiven Sommer in AZ erstrahlen die Suns in neuem Glanz... Milchglas-Glanz, mindestens.

Es hätte eine durch und durch katastrophale Offseason werden können. Nash und Hill waren beide Free Agents, und es hatte sich bereits gezeigt, dass die beiden Dinosaurier als fossile Überbleibsel der erfolgreichsten Suns-Dekade überhaupt (.600 Siegesquote inklusive drei Conference Finals Teilnahmen von 2000-2010) dem so dringend benötigten Umbruch eigentlich mehr im Wege standen, als zu ihm beizutragen. Der überraschende Run in den Playoffs 2010, als man nur zwei Siege vom Erreichen der NBA-Finals entfernt war, sollte die Hochwassermarke bleiben. Seither verpasste Phoenix zwei mal in Folge die Playoffs und driftete in der NBA-Hierarchie langsam aber sicher ins untere Drittel ab. Das Spielermaterial wurde qualitativ immer dünner, und die Befürchtung war real, dass man einen langsamen, qualvollen Tod in den Niederungen der Western Conference Tabelle sterben müsste, wenn Nash geht - entweder aus freien Stücken, oder weil er seine Karriere beenden würde.

In diesem Sommer hatte das Front Office dann endlich ein Einsehen, mit Nash, den Fans und dem eigenen Team auf dem Platz. Und wenngleich der Verlust des zweifachen MVPs und besten Spielers der Franchise-Geschichte ein schmerzhafter sein wird - auf dem Parkett und in der Gemeinde - so stellt diese Umwälzung einen dringend benötigten Bruch mit der Vergangenheit und einen wichtigen Schritt in die Zukunft dar. An dem Tag, an dem Nash nach Los Angeles getradet wurde (Sign & Trade), nahm General Manager Lon Babby postwendend Point Guard Goran Dragic unter Vertrag. Der Slowene hatte zwischen 2008 und 2011 seine ersten NBA-Gehversuche in Phoenix gemacht und von einem der Besten aller Zeiten gelernt, ehe er letzte Saison in Houston aufhorchen liess. Dragic spielte sich nach der Verletzung von Kyle Lowry ins Rampenlicht und zeigte mit 18 PPG, 8.4 APG und 1.8 SPG als Starter, dass er mit seinen 26 Jahren der Aufgabe eines NBA Lead Guards mittlerweile gewachsen ist. Natürlich darf man von Dragic nicht erwarten, dass er die Fußstapfen eines zukünftigen Hall of Famers nahtlos ausfüllt. Aber der Linkshänder hat seinen besten Basketball noch vor sich, ist mit dem Club und der Philosophie dort vertraut und wird bei seinem zweiten Anlauf in Phoenix alle Freiheiten dieser Welt erhalten, sein Ding zu machen. Wenn er mit dem designierten Franchise-Player Marcin Gortat (28 Jahre) ähnlich gut harmonieren kann wie Nash, haben die Suns eine solide Basis für den Neuaufbau beisammen.

Zu dieser Basis zählt seit einigen Wochen auch Michael Beasley. Der ehemalige Nummer zwei Pick kam aus Minnesota und hat in Stößen bereits angedeutet, dass er über alle Skills verfügt, um ein Team im Prinzip tragen zu können. Das enfant terrible ist noch sehr jung (23) und hat ein beeindruckendes All-Around Skillset (Karriere 15.1 PPG in 27 MPG). Wenn er es endlich schafft, seine mentalen Aussetzer in den Griff zu bekommen (weniger 'Super Cool Beas', mehr Michael Beasley), winkt ihm in Phoenix bei seinem jetzt schon dritten Club die Chance, ein Team offensiv zu schultern und endlich eine NBA-Heimat zu etablieren. Ich tippe auf eine starke Bounce-Back Saison von Beasley und knapp 20 Punkte im Schnitt. Ein unerwarteter Boost für das On-Court Produkt war Luis Scola, der von Houston amnestiert wurde und von den Suns für mickrige 4 Millionen $ pro Jahr off waivers ergattert wurde. Ein echtes Schnäppchen, das sich auf dem Platz definitiv bemerkbar machen wird. Mit Gortat/Scola hat Phoenix urplötzlich ein solides Tandem unter den Brettern - eine Rarität in Arizona, die man seit den Stat/Matrix Tagen nicht mehr bestaunen durfte. Komplettiert wird die Starting Five von Jared Dudley. Die Ersatzbank ist nach den Zugängen von Rookie Point Guard Kendall Marshall, dem angeblich "wie neu geborenen" Jermaine O'Neal (Orthokin-Therapie in Deutschland), Swingman Wesley Johnson und den altbekannten Channing Frye, Shannon Brown und Markieff Morris sicherlich nicht schwächer als letzte Saison. Die Abgänge von Josh Childress, Hakim Warrick und Robin Lopez werden also kaum ins Gewicht fallen.

Das ist eine Menge junges, frisches Blut, das dort in Phoenix versuchen wird, die Übergangsphase post-Nash so angenehm wie möglich zu gestalten. Head Coach Alvin Gentry wird sicherlich die Produktivität der fein geölten, ehemals kanadisch betriebenen Offensiv-Maschine auch mit einem slowenischen Antrieb aufrecht erhalten wollen und dabei zusätzliches Gewicht auf die Defensive legen (letztes Jahr Platz 23), um wettbewerbsfähig zu bleiben. Zusätzlich wird Gentry alles daran setzen, die vielen Youngster (alle Kaderspieler mit Ausnahme von Scola und O'Neal sind jünger als 30) zu integrieren und ein Gerüst für die Zukunft zu formen. Es fehlt zwar nach wie vor ein echter Franchise Guy (den verpasste man nur knapp, als die Hornets das Max offer sheet an RFA Eric Gordon abglichen), aber Dragic, Gortat und Beasley sind kein allzu schlechter Start für den Rebuild. Dass die Suns in den erst kürzlich von ESPN-Experten zusammen gestellten 'Future Power Rankings' auf dem vorletzten Rang aller 30 NBA-Teams landeten (die Rankings prognostizieren den erwarteten Erfolg in den nächsten drei Jahren), vernachlässigt einige essentielle Faktoren, die darauf hinweisen, dass der Wiederaufbau in der Wüstenstadt weitaus schneller vonstatten gehen könnte als zum Beispiel in Orlando, Houston, Charlotte oder Sacramento.

Nicht nur, weil das Spielermaterial der Suns durchaus solide ist. Dragic, Beasley, Morris und Marshall sind allesamt noch blutjung und dürften dementsprechend auch in zehn Jahren noch relevant sein. Vor allem die Tatsache, dass Phoenix zum ersten Mal seit dem frühen Millenium wieder Draft-Picks hortet, wird von Hollinger & co. vollkommen ausser Acht gelassen. Dabei sind die Suns als klares Lotterie-Team so gut aufgestellt wie kaum ein anderer Club. Man verfügt über sechs Erstrundenpicks und vier Zweitrundenpicks alleine in den nächsten drei Jahren. Dass mit diesem Kader die Playoffs im Westen selbst im Idealfall nicht allzu realistisch sind, versteht sich wohl von selbst. Das heisst, man hat gute Karten, zum ersten Mal seit 2002 (Amare Stoudemire, 9. Pick) wieder unter den Top-10 auswählen zu dürfen. Die Cap-Situation ist entspannt wie schon lange nicht mehr, was weitere Optionen in den nächsten Monaten eröffnet. Mit weniger als 51 Millionen $ an garantierten Gehältern für 2012/13 (kein Spieler verdient mehr als 7.5 Mio. $ pro Jahr), der Aussicht auf maximalen Salary Cap Space im nächsten Sommer, einem günstigen Trade-Asset wie Veteran Scola in der Lineup und der Fähigkeit, als Tradepartner in einem Multi-Team Deal sowohl Dollar als auch junge Spieler zu absorbieren, gehören die Suns zu den interessantesten Playern auf dem Transfermarkt der Zukunft.

Ich kann verstehen, aus welcher Richtung die Skeptiker kommen. Der Besitzer Robert Sarver ist ein Pfennigfuchser, der sich viel zu häufig in Basketball-Angelegenheiten einmischt, ohne davon etwas zu verstehen. Ein Star ist nicht in Sicht, und man könnte sogar argumentieren, dass Phoenix immer noch "zu gut" ist, um mit den zukünftigen Draft-Picks etwas Sinnvolles anfangen zu können. Den Club mittelfristig aber hinter Mannschaften wie Houston, Orlando und Sacramento einzuordnen, halte ich für grob fahrlässig. Es war absehbar, dass der Rebuild nach Nash nicht innerhalb eines Sommers abgeschlossen sein würde. Dafür sind zu viele Baustellen offen: Franchise-Type, Rollenspieler, eine neue Identität, vielleicht sogar ein neuer Coach. Was die Suns aber innerhalb von wenigen Wochen errichtet haben, ist dennoch beeindruckend. "Wir wollten jünger werden, und wir wollten Anlagegüter für die Zukunft einsammeln", sagte erst kürzlich der Chef der Basketballabteilung, Babby. "Ich denke, wir haben beides geschafft. Wir wollten flexibel bleiben, denn man bekommt nicht alles auf einmal hin."

Eben. Man baut einen Club nicht einfach mal so über Nacht um. In einem Sommer, in dem man dem wichtigsten Spieler der Vereinsgeschichte "Lebewohl" sagen musste und einen weiteren Wunschspieler gar nicht erst zu fassen bekam (und mehrere Clubs vollkommen leer ausgingen), unter'm Strich aber Dragic, Beasley, Scola, Johnson, O'Neal und drei Erstrundenpicks abgesahnt, das Durchschnittsalter im Team um eine halbe Dekade gesenkt und eine jugendliche Richtung etabliert zu haben, ist für die zuletzt nur noch unterdurchschnittlichen Suns aber ein absoluter Coup. Wenn nur einer der jungen Neuzugänge einschlägt, ist der Weg zurück in die Playoffs für Phoenix weitaus kürzer, als viele das Anfang Juni für möglich gehalten hatten.