12 August 2012


Houston gewann vergangene Saison 34 von 66 Partien und verpasste nur knapp die Playoffs (nur 2 GB). In einem beispiellosen Sommer tauschte General Manager Daryl Morey trotzdem fast den gesamten Kader aus und demolierte sein .500 plus Team mit der Abrissbirne. Sam Dalembert wurde nach Milwaukee getradet. Goran Dragic ging nach Phoenix. Kyle Lowry zog es zu den Raptors. Marcus Camby heuerte in New York an. Chase Budinger landete in Minnesota. Courtney Lee ist mittlerweile ein Boston Celtic. Und Luis Scola, seines Zeichens zweitbester Scorer und Defensivrebounder des Teams (15.5 PPG, 6.5 RPG), wurde mittels Amnestie Klausel einfach aus dem Kader gestrichen - ganz ohne Gegenwert und obwohl es dafür nach jetzigem Stand der Dinge eigentlich keinen Grund gab - und von den Phoenix Suns aufgeschnappt. Das einzige Veteranen-Überbleibsel bei den Rockets ist jetzt noch Shooting Guard Kevin Martin. Und da sein Vertrag 2013 ausläuft, wird K-Mart spätestens im Februar, wenn sich die Rockets bereits aus dem Playoff-Rennen verabschiedet haben werden, ebenfalls getradet.

Tabula Rasa also, alles wird ausradiert. Von den insgesamt 23 Spielern im aktuellen Kader - der natürlich vor dem Start der neuen Saison getrimmt werden muss - haben 19 Spieler maximal drei Jahre NBA-Erfahrung. Fünf sind Rookies. Die einzigen namhaften Neuzugänge in den letzten Wochen waren Jeremy Lin und Ömer Asik. Auch die haben gerade mal 212 Spiele auf dem Buckel - zusammen genommen. Morey hatte es geschafft, beide Free Agents, die eigentlich restricted waren, mittels toxischen 'poison pill' Angeboten von ihren respektiven Teams New York und Chicago loszueisen. Warum genau, darüber lässt sich im Nachhinein sicherlich streiten (erst recht angesichts der 50 Millionen Dollar, die Lin und Asik in den nächsten drei Jahren verdienen werden). Betrachtet man die Rockets heute, mutet der Kader wie eine D-League Mannschaft an. Man muss also kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass die Texaner in den nächsten zwei Jahren weder in die Playoffs einziehen, noch um den NBA-Titel mitspielen werden. Dafür reicht das Talent, vor allem in der Spitze, einfach nicht aus.

Es ist eine neue Situation, die den hohen Ambitionen der Yao Ming/Tracy McGrady Ära diametral gegenüber steht. Noch vor drei Jahren trotzte man dem späteren NBA-Champion Los Angeles Lakers sieben harte Spiele ab und war nur 36 Minuten vom Erreichen des Western Conference Finals entfernt. McGrady wurde in der darauffolgenden Saison nach New York getradet, während Yao in den nächsten beiden Jahren nur noch fünf Spiele absolvieren konnte. Chronische Fußprobleme zwangen ihn letzten Sommer zum Rücktritt. Die Rockets gewannen zwar weiterhin - immer mehr als die Hälfte ihrer Partien - verpassten aber drei mal in Folge die Playoffs. Das ist der Preis, den man in einer hart umkämpften Western Conference eben zahlen musste; kein Club erfuhr das schmerzlicher am eigenen Leib als die Raketen.

Diese brutale Realität ("gut, aber nie gut genug") zwang Morey zum radikalen Umdenken. Er erkannte zweierlei: Houston brauchte neue Franchise-Spieler, um Ming/McGrady zu ersetzen. Und viel Platz unter dem Salary Cap, um künftig progressiv handeln zu können. Seine Wunschspieler hatte der Rockets-GM schnell auserkoren: Dwight Howard und/oder Andrew Bynum. Parallel zu den Bemühungen, einen dieser All-NBA Center zu ergattern, häufte Morey wie besessen junge Spieler, Talente und Draft-Picks an, um irgendwann, vielleicht erst in einigen Jahren, dafür die Früchte ernten zu können. Teams, die solche Anlagegüter sammeln, haben auf dem Trade-Markt immer gute Karten. Und kaum ein GM nutzt den Tauschhandel häufiger als Morey, der seine Arbeit so erklärt: "So etwas Ähnliches haben die Boston Celtics damals gemacht. Ich hoffe, unsere Ergebnisse werden genauso fruchtbar sein."

Die Hoffnung von Morey war sicherlich, dass Orlando Howard noch vor Beginn der neuen Saison, spätestens aber im Februar, traden würde. Man dachte in Houston, perfekt aufgestellt zu sein, indem man den Magic eine beliebige Kombination aus jungen Spielern, Picks und Salary Cap Entlastung bieten konnte. Man war sogar bereit (mehrere dokumentierte Angebote an Orlando bestätigen dies), mindestens einen der toxischen Langzeitverträge von Spielern wie Hedo Turkoglu, Glen Davis oder Quentin Richardson zu absorbieren. Morey hatte den richtigen Riecher: Orlando war mehr als gewillt, Howard abzustoßen. Martins/Hennigan/deVos entschieden sich dann aber letztendlich für den Deal mit den Los Angeles Lakers.

Morey's Plan B war bekanntlich Andrew Bynum, der im selben Blockbuster-Trade wie Howard das Trikot wechselte. Allerdings landete Bynum in Philadelphia, wo man sich berechtigte Hoffnungen machen kann, den All-Star Center auch langfristig binden zu können. Dumm gelaufen für die Rockets, denen jetzt innerhalb von neun Monaten Pau Gasol (den man ja schon verpflichtet hatte, nur um von der NBA im Hornets-Deal überstimmt zu werden), Dwight Howard und Andrew Bynum als auserkorene Franchise-Center durch die Lappen gingen. Es ist also nicht so, als hätte Morey hier keine klare Vision und den Willen, zum richtigen Zeitpunkt zuzuschlagen. Das Schicksal hat nur, ganz offensichtlich, andere Pläne für den emsigen General Manager und das texanische Team.

Für die neue Rockets-Saison bedeutet die Evolution des Marktes jetzt im Klartext: junge Spieler wie Jeremy Lamb, Royce White, Terrence Jones und Donatas Motiejunas entwickeln, eine on-court Identität kreieren und geduldig bleiben. Den gleichen Plan hatte Danny Ainge in Boston jahrelang appliziert, bevor er 2007 Kevin Garnett und Ray Allen verpflichtete - ein Manöver, das auf Anhieb eine Championship abwarf und den neuesten NBA-Schrei (minimum-drei-All-Stars-Superteams) restaurierte. So weit ist man in Houston zwar noch lange nicht, aber es ist klar, wohin der neue Weg führen soll. Es braucht Geduld, viel Geduld. Und das Durchhaltevermögen, in den kommenden Jahren viele Niederlagen wegstecken zu können. Es gibt kaum noch realistische Szenarien, demnächst einen Impact Big Man nach Houston zu lotsen. Und dass weder Asik noch Lin dieses junge Rockets-Team in die Nähe der Playoffs führen werden, ist wohl auch klar.

Vielleicht konkurrieren die Rockets also demnächst mit den Bobcats und Magic um die mieseste Bilanz in der Association und die meisten Ping Pong Bälle im Shabazz Muhammad/Nerlens Noel Lotteriespiel. Und das nach 452-352 Siegen in den letzten zehn Jahren. Keine leichte Umstellung, gewiss. Langfristig ist diese Alternative aber sicherlich erfüllender und weitaus vielversprechender, als Jahr für Jahr die Playoffs zu verpassen, nur um an 14. Stelle mittelprächtige Talente aus dem Draft-Pool ziehen zu dürfen. So kommt man in der NBA nämlich niemals irgendwo an. Houston und Daryl Morey aber, die wollen - irgendwann wieder - ganz nach oben.