10 August 2012



Und es hat Boom gemacht! Der laute Knall, das war eben der Sound des Lakers-Championship-Fensters, das Mitch Kupchak in diesem Sommer mit dem Hammer wieder aufgeschlagen hat. Es hatte den Anschein, als sei jenes geschlossen und durch die Beschlüsse im neuen CBA auf Jahre hin fest verriegelt worden. Das zunehmende Alter, Restriktionen für Teams über dem Cap, 27 Millionen pro Jahr für Kobe Bryant... und irgendwie hat es Kupchak doch geschafft, die Titel-Ambitionen dieses Clubs nicht nur zu rekalibrieren, sondern sich als grösste Macht und Titelaspirant Nummer eins auf der NBA-Landkarte zurück zu melden. Indem er nicht nur Steve Nash, sondern jetzt auch noch Dwight Howard nach Tinseltown lotste. Nach monatelangen, zuletzt nur noch lästigen, Dauergerüchten um den 6-fachen All-Star Center ist der Blockbuster-Deal also endlich unter Dach und Fach. Howard wechselt, zusammen mit Chris Duhon und Earl Clark, nach Los Angeles. Die Lakers trennen sich von Andrew Bynum (Philadelphia 76ers), Josh McRoberts, Christian Eyenga und einem Erstrundenpick in 2017 (alle nach Orlando). Die Magic erhalten Eyenga, McRoberts, Arron Afflalo, Al Harrington (beide aus Denver), Nikola Vucevic, Mo Harkless (beide aus Philadelphia), insgesamt drei First Rounder (je einen von jedem der involvierten Teams) und zwei weitere Zweitrundenpicks. Jason Richardson wandert ebenfalls zu den 76ers, die im Gegenzug für Bynum und J-Rich Andre Iguodala nach Denver schicken. Vier Teams, zwölf Spieler, multiple First Rounder und ein grosser Gewinner: die Lakers natürlich.

LOS ANGELES LAKERS

Zugänge: Dwight Howard, Chris Duhon, Earl Clark
Abgänge: Andrew Bynum, Josh McRoberts, Christian Eyenga, Erstrundenpick 2017, Zweitrundenpick 2015

Dieser monumentale Großraub spricht einmal mehr für die Geduld, Kaltschnäuzigkeit und fachliche Extraklasse von Mitch Kupchak, der schon jetzt zu den besten Managern aller Zeiten gezählt werden muss. Nicht nur, weil er die schwere Nachfolge von Jerry West antrat und in Los Angeles einen neuen Championship-Kader auf die Beine stellte. Sondern weil er es einmal mehr geschafft hat, einen absoluten Difference-maker nach LA zu locken und sein Team sowohl kurz- als auch langfristig für maximalen Erfolg zu positionieren. Man kann über den Menschen Howard denken, wie man will, aber er ist und bleibt der mit Abstand dominanteste Big Man der Liga, der beste Verteidiger weit und breit (ungeachtet der Tatsache, dass Tyson Chandler letzte Saison zurecht DPOY wurde) und hat seine besten Jahre noch vor sich (Howard ist erst 26). Die Lakers ersetzen den zweitbesten Center der NBA mir nichts, dir nichts, mit dem besten, und hieven damit ihre ohnehin schon soliden Meisterschaftsambitionen auf ein völlig neues Level. Der Nukleus war schon vor diesem Trade stark genug, um die Oklahoma City Thunder und Miami Heat an der Spitze zumindest ein wenig necken zu können. Dass eine Nash-Bryant-World Peace-Gasol-Howard Lineup aber zum Mitfavoriten Nummer eins avanciert, muss an dieser Stelle nicht extra betont werden. (Das heisst nicht, dass Miami oder OKC nicht besser sind. Lediglich, dass LAL in einem Atemzug mit diesen beiden Teams genannt werden muss).

Der Impact von Howard auf diese Lakers-Mannschaft wird gewaltig sein. Er fungiert als defensive Ein-Mann-Armee, deckt mehr Raum ab als jeder andere Spieler der NBA und kann den gegnerischen Angriff sowohl im Pick & Roll am Perimeter als auch in Low-Post-Isolations vollständig neutralisieren. Er saugt die Missgeschicke seiner Vorderleute auf, wenn er von der Weakside kommt und blockt/stört mindestens 6-8 Wurfversuche pro Spiel in direkter Ringnähe. Offensiv wird Howard in Los Angeles erst so richtig aufblühen. Der Grund: Steve Nash. Wer nicht verstehen will, warum die beiden für ein Highlight nach dem anderen sorgen werden, hat wohl nie registriert, dass Nash letzte Saison (und auch davor) die meisten Pick & Roll Pässe der Liga gespielt hat. Der effektivste Roll-Man der Liga? Genau, Dwight Howard. Kein Spieler erzielte als Abnehmer mehr Punkte als der neue Lakers-Center. Das hängt natürlich zum grossen Teil mit seiner schieren Kraft und Athletik zusammen, aber auch mit seinen soften Händen und Durchsetzungsfähigkeit in der Offensive. Die zeigte er - nach Trainingssessions mit Hakeem Olajuwon - zuletzt übrigens auch im Halfcourt-Set und aus dem Low Post. Die Ansicht, dass D12 offensiv unbrauchbar oder weit hinter Bynum anzusiedeln ist, könnte realitätsfremder nicht sein. Howard's Stats (20.6 PPG in den letzten fünf Jahren) sind weitaus besser, als alles, was Bynum bisher gezeigt hat (Career High 18.7 PPG in 2011/12). Anstatt wie Bynum mit dem Rücken zum Korb das Spiel zu verlangsamen und Gasol zum High Post Statisten zu degradieren, wird der Neuzugang die Lakers-Lineup athletischer und vielseitiger als je zuvor machen. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass dieses Team die alten Showtime-Zeiten von Magic, Worthy und Kareem wieder aufleben lassen wird.

Was diese Transaktion so besonders macht, ist der Fakt, dass Kupchak hier das absolute Minimum gezahlt hat, um einen der fünf besten Spieler der Liga nach Los Angeles zu holen. Bynum plus Erstrundenpick? Günstiger geht's nicht. Anstatt vor Monaten auf die horrenden Forderungen der Magic (Bynum plus Gasol plus Draftpicks für Howard und Turkoglu) einzugehen, blieb Kupchak entspannt und wartete auf die perfekte Gelegenheit. Er musste nicht einen einzigen unbeliebten oder überteuerten Spieler aufnehmen. Das Risiko, dass Howard im Sommer nicht verlängert, hätte man bei Bynum ebenso mit tragen müssen. Wer nicht glaubt, dass Howard bleibt, den werden meine Worte auch nicht überzeugen können. Und der Rücken? Man darf sich sicher sein, dass die Lakers ausgiebig recherchiert und mehrmals mit Howard (der seit Monaten in LA lebt) und Doktoren konsultiert haben. Alles in allem beweisen die Lakers einmal mehr, dass sie über Rahmenbedingungen verfügen (Big Market, Wetter, Championship-Kultur, Management), mit denen andere Mannschaften einfach nicht konkurrieren können. Daran wird kein Collective Bargaining Agreement dieser Welt etwas ändern können.



PHILADELPHIA 76ERS

Zugänge: Andrew Bynum, Jason Richardson
Abgänge: Andre Iguodala, Nikola Vucevic, Mo Harkless, Erstrundenpick 2015

Die 76ers, die gestern ebenso überraschend wie Denver in diesem zuerst von Adrian Wojnarowski vermeldeten Blockbuster-Deal auftauchten, sichern sich mit Bynum den zweitbesten Spieler des Pakets. Bynum (zuletzt 18.7 PPG, 11.8 RPG und 1.9 BPG) ist ein echter Impact-Center, der die Geschicke dieses Teams nachhaltig verändern kann. Ja, Philly musste sich von Iguodala, dem besten und zuverlässigsten Sixer der letzten Jahre trennen. Aber Bynum ist ein potentieller Franchise-Changer und Ankerpunkt, um den man langfristig eine Mannschaft aufbauen kann - wenn er denn bleibt. Sein massiver Vertrag läuft im Sommer aus, und der 24-Jährige wird einen Teufel tun, schon jetzt eine Verlängerung zu unterzeichnen. Nicht, wenn er im Juli 100+ Millionen für fünf weitere Jahre abstauben kann. Da Philadelphia aber nur eine Stunde von Bynum's Geburtsstadt New Jersey entfernt liegt, eine freie Stelle im Bereich 'Star-Spieler' frei hat und Bynum in der Vergangenheit häufig verlauten liess, irgendwo ausserhalb von Los Angeles 'The Man' sein zu wollen, hat man in der Stadt der brüderlichen Liebe recht gute Karten, den jungen Center langfristig zu halten.

Auf dem Parkett verwandelt Bynum eine Mannschaft, die letzte Saison mit dem Vordringen ins Conference Halbfinale die Erwartungen weit übertroffen hatte und Gefahr lief, in der Lotterie zu landen, zu einem recht sicheren Playoff-Aspiranten. Er punktet verlässlich aus dem Low Post, zieht Double Teams (hier kommt auch der zweite Neuzugang Jason Richardson mitsamt seinen Fähigkeiten aus der Distanz ins Spiel) und kontrolliert die Bretter. Zwar werden die Sixers viel von ihrer zuletzt elitären Defensivstärke einbüßen, aber offensiv weitaus besser auftreten (letzte Saison nur Platz 17 bei der Off.Eff) und im Gegensatz zu den Playoffs auch mal den Korb treffen. Hat man in Philadelphia mit diesem Trade den Sprung unter die Ost-Elite gemacht? Sicherlich nicht. Selbst wenn Bynum gesund bleibt (130 von 394 regulären Saisonspielen verpasst) und die Offensive mit ihm, Holiday, Turner und den beiden Youngs perfekt harmoniert, ist wohl nicht mehr als Platz 6 und die erste Playoff-Runde drin. Ungeachtet dessen ist der Trade dennoch ein Gewinn. Spieler von diesem Format (ein Baustein in der Mitte) werden nur selten verfügbar, und landen dann nicht in Philadelphia. Sollte Bynum wider Erwarten im Sommer abwandern, hat man es mit dieser Lineup wenigstens versucht und massig Cap Space in 2013 oder 2014 zur Verfügung. Minuspunkte werden angesichts der vielen Transaktionen im Vorfeld fällig (Elton Brand, Kwame Brown, Spencer Hawes, etc.), aber isoliert betrachtet und zu diesem speziellen Zeitpunkt ist das ein guter Deal für Philly.


DENVER NUGGETS

Zugänge: Andre Iguodala
Abgänge: Arron Afflalo, Al Harrington, Erstrundenpick 2014, Zweitrundenpick 2015

Die Nuggets gehören für mich neben den Lakers zu den grossen Gewinnern des Tages. Erstens, weil sie mit Andre Iguodala einen der zehn besten Verteidiger der Liga und einen absoluten Shutdown-Defender am Perimeter verpflichten konnten. Zweitens, weil sie dadurch ihre Stärken (Speed, Vielseitigkeit) verdoppeln. Drittens, weil sie eine zuletzt viel zu vollgestopfte und potentiell brisante 12-er Rotation auflockern. Und viertens, weil GM Masi Ujiri langfristig Geld einspart, während er kurzfristig Talent hinzu addiert. Die Abgänge von Afflalo (15.2 PPG) und Harrington (14.2 PPG) werden offensiv sicherlich spürbar. Ich glaube aber, dass Ujiri hier zum richtigen Zeitpunkt hoch verkauft. Harrington ist schon 32 und immer mal wieder verletzt. Afflalo erzielte zuletzt zwar mehr Punkte als je zuvor, verschlechterte sich aber in der Defensive in verblüffendem Tempo (kein Spieler, der mindestens 500 Aktionen verteidigte, gestattete mehr Punkte pro Spielzug als Afflalo).

Mit Iguodala (12.4 PPG, 6.1 RPG und 5.5 APG) bekommen die Klumpen einen der reboundstärksten Guards der Liga (Karl liebt Guards, die rebounden und so den Fast Break initiieren können), der das schnelle Spiel liebt und zwischen Ty Lawson und Danilo Gallinari so richtig gedeihen wird. Die Tatsache, dass er es trotz seiner offensiven Begrenztheit ins Team USA geschafft hat, verdeutlicht, wie gut Iggy-Hop verteidigt. Dass er in Denver vorrangig auf Shooting Guard eingesetzt wird (die Startformation wird wohl auf Lawson-Iguodala-Gallinari-Faried-McGee hinaus laufen), wird seinen Stärken keinen Abbruch tun und die chronisch schwache Nuggets-D stark verbessern. Sind die Nuggets ein echter Contender? Auch jetzt nicht, nein. In Denver weiss man das. Die zusätzliche finanzielle Flexibilität, die man durch die Abgänge von Afflalo (noch vier Jahre Vertrag) und Harrington (noch drei Jahre, partiell garantiert) gewinnt, erlaubt aber eine Neuorientierung in 2014 - falls erwünscht. Der Status quo, ohne Megastars, dafür aber mit zahlreichen jungen, athletischen, vielseitigen Bausteinen, die in Karl's System passen, gefällt in der Mile High weitaus besser als das alte Iso-Melo-Modell. Ujiri hat derweil jede seiner Transaktionen als Nugget festgenagelt und sich als einer der besten jungen GMs im Game etabliert.



ORLANDO MAGIC

Zugänge: Arron Afflalo, Al Harrington, Christian Eyenga, Josh McRoberts, Nikola Vucevic, Mo Harkless, drei Erstrundenpicks ('14, '15, '17), zwei Zweitrundenpicks (beide '15), eine 17.8 Mio. $ TPE
Abgänge: Dwight Howard, Jason Richardson, Chris Duhon, Earl Clark

Und die Magic? Man sollte doch annehmen, dass ein Team, das den besten Spieler in einem solchen Blockbuster veräussert (in dem insgesamt drei All-Stars involviert sind), zumindest einen Schlüsselspieler zurück erhält. Nicht in der NBA, nicht wenn der Star weg will... das hat die jüngere Geschichte gezeigt (Wilt Chamberlain, Kareem Abdul-Jabbar, Moses Malone, Charles Barkley). Hätten die Magic nicht weitaus mehr abstauben können, als solide Rollenspieler und ein paar lotteriegeschützte Draft-Picks im unteren Bereich? Waren die Angebote der Houston Rockets und der Brooklyn Nets nicht weitaus besser und auch langfristig reizvoller, als Afflalo/Harrington knapp 14.5 Millionen pro Jahr zu überweisen? Vucevic, Harkless und Eyenga sind untere Erstrundenpicks, die zwar Potential haben - aber das haben knapp 95% aller NBA-Akteure auch. Nur, wenn die Magic die ungarantierten Verträge von Harrington und Turkoglu (den man verblüffenderweise nicht abgestoßen bekam) terminieren, haben sie nächsten Sommer genug Cap Space, um überhaupt richtig handlungsfähig sein zu können.

Meine Annahme ist, das man das alles in Orlando gar nicht will. Man will lieber verlieren, am besten soviel wie möglich, und über ein paar konsekutive Jahre in der Lotterie das Oklahoma City Thunder Erfolgsmodell emulieren, das der neue GM Rob Hennigan bei seinem letzten Stop kennen gelernt hat. Nur so ist zu erklären, dass man auf Bynum (selbst, wenn AB nächsten Sommer abgewandert wäre, man hätte ihn via S&T für zusätzliche Talente/Picks verscherbeln können) und Lopez (inklusive vier ungeschützte Erstrundenpicks) verzichtete. Mit jedem dieser Spieler hätte man wohl nach wie vor um einen unteren Playoff-Platz konkurriert, zumindest jedoch nicht im sicheren Top-5 Pick Bereich abgeschlossen. So muss man jetzt lediglich einen hohen Pick abstauben, einen Franchise-Spieler wie Durant ziehen, im Jahr darauf einen wie Westbrook und danach noch zwei Fast-Allstars wie Harden und Ibaka, und schon kann man dann, vielleicht, in 4-5 Jahren wieder um etwas Bedeutendes wie den Finaleinzug 2009 mitspielen. Nichts leichter als das, oder?

Was diesen Deal - für den Moment zumindest - so schwer verdaulich macht, ist die Tatsache, dass Afflalo und Harrington recht teuer für ihre Leistungen sind und unter keinen Umständen die Hoffnung nähren, dass sie Orlando langfristig helfen können. Vielleicht tauscht Hennigan beide irgendwann um, vielleicht überrascht Afflalo als 20 PPG Scorer, vielleicht wird Harkless ein Superstar. Vielleicht treffen die Magic auch bei jedem ihrer nächsten fünf Draft-Picks voll ins Schwarze. Heute aber, nur wenige Minuten, nachdem der Trade von der Basketball Association offiziell und schlussendlich durchgewunken wurde, stehen die Orlando Magic nach dem Abgang ihres Franchise-Centers als grosser Verlierer da. Orlando wird sich wohl bis 2020 nicht von diesem Fiasko erholen. Die Los Angeles Lakers hingegen grinsen bis über beide Ohren. Was einmal mehr beweist: je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie eben gleich.


nbachef meint: Vorteil Los Angeles, Denver, NBA-Fans