20 November 2012


So gemütlich wie ein Infight mit einem wilden Grizzly: die Starting Five des NBA-Tabellenführers (Photo: Joseph A.)

Wer ist derzeit das beste Team in der Association? Nicht Miami. Nicht Oklahoma City. Nicht die Lakers. Und auch nicht San Antonio. Sondern Memphis.

Die ruppigen Grizzlybären haben dank ihrem Sieg am Samstag jetzt acht Partien in Folge gewonnen und sich mit einer beeindruckenden 8-1 Bilanz an die Tabellenspitze der NBA gesetzt. Der Blitzstart war dabei alles andere als ein Kinderspiel. Miami, Oklahoma City, New York... die Finalisten des Vorjahres und die bis Freitag noch unbezwungenen Knicks wurden zweistellig und in vernichtender Manier geschlagen. Acht zu eins, mit einer Punktedifferenz von fantastischen plus-9, weder künstlich aufgebläht mit leichten Siegen gegen Kellerkinder noch erschlichen, sondern hart erarbeitet gegen echte Titelaspiranten. Das ist schon sehr beeindruckend. Und nichts bisher impliziert, dass die Grizzlies ihren eingeschlagenen Weg nicht fortsetzen können.

Memphis war schon in vergangenen Jahren ein stets unangenehmer Gegner. Einer, über den man sich genauso freute, wenn er im Spielplan auftauchte, wie über einen wilden Bären, der plötzlich im Zeltlager vorbei schaut. Der Club, lange Zeit eine NBA-Lachnummer, wurde mit der Ernennung von Lionel Hollins zum Head Coach wieder relevant. Der heute 59-Jährige schaffte es, die vielen Einzelteile zu einem Ganzen zu vereinen. Unter Hollins ging es stetig bergauf, zuerst in die Playoffs (wo man 2011 die an Nummer Eins gesetzten Spurs schockte) und danach zur besten W/L Bilanz aller Zeiten (62,1 Prozent). Vor allem die harte Defensive wurde zum Markenzeichen der Grizz.

Dass man so hervorragend ins neue Jahr gestartet ist, hängt natürlich wieder mit der exzellenten Verteidigungsarbeit zusammen. Hollins' Spieler hängen sich immer rein, es wird kein Spielzug frei genommen, alle ziehen an einem Strang. Mit nur 92 Gegenpunkten pro Partie belegt Memphis ligaweit Rang fünf. Bei der defensiven Effizienz, einem besseren Indikator für die Stärken und Schwächen einer Abwehr, liegen die Grizzlies sogar auf Rang vier. Ranklotzen und austeilen konnte dieses Team aber schon immer. Auch letzte Saison platzierte es am Ende im oberen Viertel.

Was also ist anders? Den grossen Unterschied macht bisher die Offensive. Letztes Jahr noch permanent besorgniserregend (Rang 21), dröhnt der Angriff heuer mit lautem Getöse über's Parkett. Die Effizienz liegt bei bärenstarken 104,4 und generiert bei mittelhohem Spieltempo mehr als 100 Punkte im Schnitt (101,1). Zum einen sind nämlich die Protagonisten - zum ersten Mal seit knapp zwei Jahren - alle zur gleichen Zeit topfit und einsatzbereit. Die Startformation mit Gasol, Randolph, Gay, Allen und Conley gehört zur Creme de la Creme der NBA. Die Lineup ist eingespielt, harmoniert nahezu perfekt und deckt fast alle Facetten des Spiels ab. Zach Randolph führt die Liga bei den Rebounds an (13,9 pro Abend). Marc Gasol hat seinen Bruder Pau mittlerweile als vielseitigsten Big Man der Welt abgelöst. Rudy Gay sucht zwar noch seinen Wurf, verteidigt aber besser als je zuvor und übernimmt die Sorte Verantwortung, die man von einem 80 Millionen Dollar Mann erwartet. Mike Conley und Tony Allen verankern währenddessen den Backcourt und forcieren Unmengen von Ballverlusten. Zusammen erzielen die fünf Starter 74,2 PPG pro Abend.

Und: im Gegensatz zu früher verfügt Memphis jetzt auch noch über eine grundsolide Ersatzbank. Jerryd Bayless, Quincy Pondexter, Marreese Speights und Wayne Ellington erzielen jeweils mindestens sechs Zähler im Schnitt und entlasten so die Starter, die dann – ausgeruht und hungrig – in der Crunchtime das Spiel nach Hause bringen können. „Wir haben ein gutes Team“, sagt Rudy Gay. „Auf jeder Position spielt einer der Besten ligaweit. Und uns ist es völlig egal, wer vorne das Ding macht.“ Mal ist es eben Gay (28 Punkte, 6 Rebounds, 5 Assists gegen die Thunder), mal Randolph (20 Punkte, 15 Rebounds gegen die Knicks), und mal jemand von der Bank (Wayne Ellington mit 25 Punkten und 7 Dreiern gegen die Heat), der individuell auftrumpft. Als Kollektiv setzt dieses Team neue Maßstäbe.

Es ist nicht so, als würde Memphis seine Gegner bisher aus der Halle ballern, weil jeder Wurf sitzt oder die Bank über ihren Verhältnissen lebt. Das hier ist ehrlicher, ruppiger „Big Ball“ Basketball, ein harter Kontrast zum hippen und angesagten Smallball-Stil, den mittlerweile die halbe Liga übernommen hat nach Miamis Titelgewinn. Memphis aber geht den entgegengesetzten Weg. Spielt von innen nach aussen, permanent über seine grossen Wühlsteine Z-Bo und Marc unter dem Korb, die sich nahezu blind verstehen und ihre Kontrahenten im Post pausenlos piesacken. Die Grössenvorteile zermürben die Gegner und verschaffen den Grizzlies viele Freiwürfe (25,2 pro Spiel), die sie mit der zweitbesten Quote der NBA traumhaft sicher verwandeln. Ein ebenso einfaches, wie tragfähiges Konzept. „Wir sind, wer wir sind“, sagte Coach Hollins nach dem Sieg gegen die Knicks. „Wer klein spielt, büßt eben etwas ein. Unsere Gegner büßen eine ganze Menge.“

Es ist zwar noch früh. Aber kein Team hat bisher mehr Lärm gemacht als die einstige Lachnummer aus Tennessee, die mit elitären Offensiv- und Defensivwerten auf die beste Saison aller Zeiten zusteuert. Ihr Spielplan wird einfacher und flacht vor dem Jahreswechsel komplett ab. Gut möglich also, dass die schroffen „Big Ball“ Grizzlies für die alarmierte Liga auch langfristig so unangenehm bleiben wie scharfe Bärenkrallen im Genick.