10 November 2012


'Mr. Kartoffelkopf' ist raus in LA. Wäre der wieder kerngesunde Zen-Meister einem Comeback gegenüber wohl gesonnen?


Endlich hat diese Farce ein Ende: Mike Brown wurde mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben als Lakers-Coach entbunden und nach nur fünf Spielen vor die Tür gesetzt. Der hoch favorisierte Traditionsclub startete mit 1-4 in die neue Saison und belegte vor den Partien am heutigen Freitag den letzten Platz in der Western Conference. Zieht man noch die 0-8 Preseason in Betracht (und wahlweise auch die letzten beiden Niederlagen aus der Vorsaison gegen Oklahoma City in den Conference Semifinals), dann hat Brown mit diesem Team nur eines seiner letzten 14 Spiele gewonnen. Zu behaupten, die Entscheidung sei sportlich vollkommen richtig, ist also vollkommen richtig.

Natürlich kann man das Timing der Entlassung kritisieren. Nur fünf Spiele in der neuen Saison? Kürzer hat seit 1960 kein Coach an der Seitenlinie gestanden. Wenn man sich nie ganz sicher war, dass Brown der richtige Trainer für LA ist - ich hatte das Signing ja schon im Sommer 2011 lautstark kritisiert, weil ich Brown nie für einen sonderlich guten Head Coach hielt - und man mit den Ergebnissen in der vorangegangenen Saison nicht zufrieden war, warum hat man dann nicht die Gelegenheit genutzt, um ihn schon vor Monaten vor die Tür zu setzen? Kurz und schmerzlos, im August, direkt nach der Shopping-Tour. Dass er es einfach nicht versteht, offensiv Akzente zu setzen und massive Probleme im Umgang mit Starspielern hat, dass hatte er ja bereits bei seinem früheren Engagement in Cleveland bewiesen. Mike Brown ist 'ne dufte Type, ein verdammt netter Kerl und immer bis in seine nicht vorhandenen Haarspitzen motiviert. Aber er hatte in LA von Beginn an nie den Rückhalt, den ein Head Coach braucht, um in Ruhe arbeiten zu können. Dann also lieber jetzt die Reissleine ziehen, als im Januar bei 12-18 Siegen in einer noch grössereen Bredouille zu stecken. Die Zeit, sie drängt in der Stadt der Engel.

Browns vermeintliche Stärke, das Coachen von Defensivsystemen, griff bei den Lakers nie. Wer ein Team, vollgepackt mit zwei Seven-Footern und Kobe/Artest auf dem Flügel nur auf Platz 17 bei der defensiven Effizienz bringt, der macht vieles falsch. Auch spektakuläre Neuzugänge in einem der räuberischsten NBA-Sommer aller Zeiten brachten keine Veränderung, weil Brown sich nicht anpassen wollte. Anstatt sein Defensivschema auf Dwight Howard zuzuschneiden, so wie das Stan van Gundy in Orlando immer gemacht hatte, experimentierte Brown. Anstatt den Angriff komplett in die Hände eines der kreativsten Basketballgehirne aller Zeiten zu legen und Steve Nash vorne einfach machen zu lassen, installierte er lieber die 'Princeton Offense' - ein historisch völlig erfolgloses Offensivmodell, das nur dazu dient, die Schwächen von individuell schwachen Angriffsspielern zu kaschieren. Bei vier künftigen Hall of Famern und insgesamt 33 All-Star Teilnahmen in der Starting Lineup ein völlig unnötiger Schritt. Kein Wunder, dass die Offensive bisher völlig desorientiert und planlos wirkte. Die Ballverluste waren mit 18.6 pro Abend astronomisch hoch (Platz 28). Die Art, wie Brown die Lineups zusammen stellte und seine Ersatzgarnitur einsetzte, war zum Haare raufen. Wer Lakers-Spiele in voller Länge verfolgte, dem muss aufgefallen sein, dass ein Grossteil der Lakers-Punkte nach Isolations, einfachen Post-Ups und Clearouts erzielt wurde, also fast ausschliesslich nach Einzelaktionen. Der ultimative Beweis dafür, dass die Stars niemals Vertrauen in Browns Sets hatten und ihm ebenso wenig wie das Management zutrauten, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Darum ist Brown jetzt Lakers-Geschichte, ebenso wie die miese "Princeton Offense" (der 42-Jährige wird aus seinem Vertrag heraus gekauft und erhält noch knapp 14 Millionen Dollar für's Nichtstun. Ich denke, er wird's verschmerzen).

42-29, das ist also am Ende die kumulative Bilanz von Mike Brown bei den Lakers. Mitch Kupchak wollte schon 2011 einen anderen Mann. Der GM hätte damals liebend gerne Rick Adelman oder Brian Shaw als Nachfolger des legendären Phil Jackson verpflichtet, wurde aber von Teambesitzer Jim Buss überstimmt. Buss, der 2011 das Tagesgeschäft von seinem Vater Jerry Buss übernahm, wartet immer noch auf seine erste gelungene Entscheidung als Owner und soll hier in der Brown-Sache von ganz oben (also vom Daddy) mächtig Zunder bekommen haben, ehe er der Entlassung ebenso widerwillig zustimmte wie dem Trade von Andrew Bynum im August. Die entscheidende Frage für zuletzt rastlose Lakers-Fans: wer wird jetzt neuer Head Coach bei Lila-Gold?

Kandidaten gibt es einige, und Kupchak kündigte an, dass man diesbezüglich schon seine vier Favoriten ausgemacht habe, die man in den nächsten Tagen kontaktieren werde. Gehandelt werden unter anderem Jerry Sloan, Mike D'Antoni, Nate McMillan, Stan und Jeff van Gundy (wäre in dramaturgischer Hinsicht nicht zu überbieten) und Newcomer wie Shaw (assistiert in Indiana) oder der jetzige Lakers-Assistant Chuck Person. Alle genannten haben ihre Vorzüge, aber auch offensichtliche Nachteile, auf die ich gesondert eingehen werde. Meint man es in La-La-Land dagegen Ernst mit dem Titel in diesem Jahr, kann es nur einen logischen Kandidaten geben: Phil Jackson. Der Zen-Meister hat sich in den knapp 18 Monaten nach seinem Rücktritt gesundheitlich gut erholt und brennt nach wie vor für die NBA. Er ist der mit Abstand erfolgreichste Trainer der Geschichte, hat über 70 Prozent seiner regulären Saisonspiele und 69 Prozent in den Playoffs gewonnen. Elf Championship-Ringe inklusive. Keiner versteht es besser als er, fragile und allürenhafte Stars unter einen Hut zu bringen und das Maximum aus einem Kader zu extrahieren. Und obwohl er in diesem Jahr ohne Trainingscamp im Vorbeirauschen improvisieren müsste, stünden ihm mit Bryant, Gasol und Artest drei Überbleibsel der letzten Meistermannschaft zur Verfügung, während sich ein hochintelligenter Mann wie Nash jedes noch so komplexe Detail der Triangle Offense wohl auf dem Heimweg vom Staples Center einverleiben könnte. Phil hätte definitiv seinen Spass, soviel steht fest.

Die Zeit für Experimente ist vorüber. Dieser Kader, so konstruiert, kostet 100 Millionen Dollar im Jahr und hat nur ein zweijähriges Championship-Fenster. Dieser Kader hat mehr als genug spielerisches Talent in der Starting Five und die nötigen Ersatzspieler zur Verfügung, um den Westen zu gewinnen und im Juni um den Titel mitzuspielen. Alles, was dieser Kader jetzt braucht, ist ein erfahrener Mann an der Seitenlinie, der etwas von seinem Fach versteht und die Anforderungen seiner Stars ebenso spielerisch jonglieren kann wie die mediale Daueraufmerksamkeit in einem Moloch wie Los Angeles. Ein Mann wie der Zen-Meister. Eben Phil Jackson. O-Ton Kupchak, der bereits am Samstag aktiv werden will: "Wenn ein Coach wie Phil Jackson, einer der besten aller Zeiten, verfügbar ist, dann wäre es grob fahrlässig, sich dessen nicht ganz genau bewusst zu sein..."