13 November 2012


Hatten die Knicks bisher Glück, oder darf man Melo & co. zum erweiterten Favoritenkreis zählen? (Photo: Lee Kowarski) 

4-0 Start. Effizienteste Offensive und Defensive der Liga. Höchste Punktedifferenz. Letztes ungeschlagenes Team in der Association. Hatte New York bisher nur Glück? Oder sind die synergetischen Effekte und frühen Erfolge der neuen Lineup ein Vorbote auf die erfolgreichste Knicks-Saison aller Zeiten? Der legendäre Robert Jerzy vom Knicksjournal und der Chefkoch konferieren.


Seb: Vor überschwänglicher Freude kann man Knicks-Fans in diesen Tagen kaum noch nüchtern antreffen. Four and Oh, bester Start seit 1999 und Feelgood-Vibes satt im Big Apple... aber es sind doch immer noch die Knicks. Nur frühes Strohfeuer oder schon ein echter Trend... was haben wir hier, Robert?

Rob: Ich glaube die mangelnde Nüchternheit lässt sich eher auf die etablierte Nervosität und Skepsis der natürlichen Knicks Fans zurückführen. Dieser Tweet sagt doch alles:
@mtynan_PtR: What did we all do to deserve this? What is happening?


Irgendetwas muss ja dran sein, wenn alle (bis auch Charles Barkley) die Erfahrung des Teams loben und schon jetzt eine Chemie erkennen, die es in Manhattan schon lang nicht mehr gab. Ich glaube es ist niemand überschwänglich, sondern vorsichtig optimistisch - ob der Tatsache, dass so viele alte Knicks-Tugenden in den 3 Spielen zu finden sind. In einer Woche kann es aber auch schon sein, dass alle Jeremy Lin hinterher weinen, Jason Kidd's Bein amputiert wird, Melo einfach ein fauler, dicker Krebs ist und Kurt Thomas und Camby sich ne WG auf'm Friedhof anmieten.

Seb: In dem Fall wäre ja immer noch Sheeeed da, um den Tag zu retten! Ich kann dir nicht sagen, wie froh ich bin, dass die alte Kackbratze wieder in der NBA spielt. Wie sehen die eigentlich aus, diese "alten Knicks-Tugenden", die hier hauptverantwortlich für den Bombenstart sind? Du beziehst dich damit hoffentlich nicht auf das Durchschnittsalter des Teams...

Rob: Sheed ist eine Feel-Good-Story, da man ihm bereits jetzt anmerkt, dass sein Ruhestand selbst für ihn zu früh kam. Die alten Knicks-Tugenden kommen aus den 90ern und wurden von der ganzen Mannschaft vorgelebt. Da war ein All Star Patrick Ewing, der trotz seines Status stets zu verstehen gab, dass er lediglich ein weiterer, hart arbeitender New Yorker ist. Dies sieht man in Ansätzen nun auch bei Melo, der in den ersten Spielen nach dem Ball hechtet, Fast Breaks abfängt und Defense vorlebt. Die Mentalität der Mannschaft ist durch die Veteranen eine ganz andere geworden. Bleibt dies auf so einem hohe Niveau? Wohl nicht, dennoch sind die Ansätze fantastisch und geben einen Einblick in das, was die Mannschaft leisten kann - ein Nitty-Gritty-Team das Team Basketball verinnerlicht.

Seb: Ich kann mir schon vorstellen, dass diese neue Effizienz und der bisherige Erfolg - immerhin vier Blowouts gegen klare Playoff-Teams, darunter der amtierende und schon wieder dominierende NBA-Champ Miami - noch eine ganze Weile tiefkühlbar ist. Das heisst natürlich nicht, dass die Knicks mit 82-0 durch die Saison preschen. Aber Felton und Kidd haben diesem Team ein völlig neues Selbstverständnis eingeimpft. Der Ball läuft uneigennützig und manchmal über vier, fünf Stafetten. Man erwischt sich dabei, wie man einen zweiten Blick auf die Anzeige wirft nur um sichergehen, dass man wirklich den Knicks zusieht... "Yep, sind tatsächlich die Knicks!" Defense (Platz 1) und Offense (Platz 1) greifen zur Zeit nahtlos ineinander. Und mit winzigen 11.3 Turnovers pro Spiel belegt man sogar Rang eins in der NBA. Sind die Knicks jetzt der grosse Favorit in der Atlantic Division, vor allem angesichts der kleinen bis gigantischen Probleme in Boston, Brooklyn, Toronto und Philadelphia?

Rob: Bitte nichts jinxen, von einer Favoritenrolle möchte kein Knicks-Fan etwas hören :) In der Tat muss man sich mittlerweile, angesichts des Siegs gegen die Mavericks - vor allem der Art und Weise - die Frage stellen, wie gut dieses Team sein kann. Der große Faktor ist die Teamchemie, die zu funktionieren scheint. Veteranen wie Camby, Kurt, Sheed, Pablo oder KIdd haben keine Probleme mit der Spielzeit. Durch das 3er-Gespann auf der Eins hat man stets einen Regisseur auf dem Feld, der die Strategie umsetzen kann. Speziell nach der Rückkehr Amar'es erhoffe ich mir noch eine Steigerung in der Konstanz der Offensive. STAT zur Mitte des Q1 rausnehmen und dafür zu Beginn des Q2 bringen, wenn Melo seine Pause hat. Hierdurch spielt Amar'e immer mit einem PG an seiner Seite, was die Offense der Knicks noch unausrechenbarer macht, gerade wenn Novak und JR mit auf dem Feld sind. Derzeit ist es jedoch viel zu früh, Teams zu kategorisieren. Die Celtics waren stets Spätstarter, Brooklyn sucht noch nach Identität und die Sixers warten auf Andrew Bynum. Die Varianz in der Art und Weise wie die Knicks siegen ist derzeit jedoch beeindruckend. Diese Woche wird mehr Erkenntnis bringen.

Seb: Den Elefanten im Raum müssen wir zum Schluss noch kurz ansprechen: Amare Stoudemire! Ich glaube, dass seine Rückkehr, weit mehr noch als das hohe Alter des Teams oder potentielle cold streaks (New York führt die NBA mit 13 Dreiern pro Spiel bei brandheissen 44% an), die grösste Gefahr für den weiteren Saisonverlauf birgt. Coach Woodson muss sehr kreativ mit der Spielzeit-Verteilung umgehen, sonst droht hier wieder der Supergau. Egal, wie man es dreht und wendet: Anthony und Stoudemire funktionieren nicht zusammen. Dafür gibt es genügend Anschauungsmaterial und Statistik-Kauderwelsch aus den letzten zwei Jahren (wie etwa die negative W/L Bilanz, wenn beide auf dem Parkett stehen). Darum mein Vorschlag: Stat muss von der Bank kommen! Ich weiss, dass der 100 Millionen Dollar Mann - und wohl auch du - das nicht gerne hören, aber es wäre die eine Feinjustierung, die dieses jetzt schon sehr starke und homogene Team vollends in Richtung Contender-Status katapultieren würde.

Rob: Nun auch du, Brutus ... ich halte von der ganzen "Amar'e-muss-von-der-Bank-kommen" - Diskussion gar nichts. Wie motiviert man Menschen, alles zu geben? - Man platziert sie in einer Umgebung, in der sie sich wohlfühlen, ein Teil des Ganzen sind und das Gefühl haben, wichtig zu sein. Amar'e von der Bank kommen zu lassen stellt sein Spiel ad absurdum. Anthony auf der 4 funktioniert gegen die HEAT, Sixers und Mavs dieser Welt (read: Small Ball Game) hervorragend, keine Frage. Dennoch glaube ich dass eine erste Fünf mit STAT weit besser ist, vor allem gegen größere Teams (wie diese Woche Memphis und die Spurs). Welche Statistiken ziehen wir denn heran, wenn wir von "nicht funktionieren" sprechen? In denen Toney Douglas oder Shump die Point Guards waren? Hättste auch mich hinstellen können. In den wenigen Spielen unter Woodson in denen STAT und Melo mit Lin spielten, waren die Knicks ähnlich stark mit Siegen gegen Portland, Philly und Detroit - und Lin war bei weitem kein Routinier. Dann kam Lin's Verletzung, wir legten unser Leben in die Hände von Baron Davis und starben. Es gibt in 48 Minuten genug Spielzeit für beide, vor allem mit einem Point Guard Dreiergespann, welches vor allem STAT kontinuierlich bespielen kann. Mit ein Grund warum die Knicks derzeit so gut sind ist das Spot-up Shooting, kreiert durch a) die Dribble Penetration von z.B. Felton und b) das Post Game von Melo. Stoudemire hat an seinem Post Game gearbeitet?! Dann lass es ihn beweisen. Woodson hat gezeigt, dass er Spielsysteme um die Spieler erstellen kann. Mit STAT im Post und Shootern außen sollte der Trend gleichbleibend sein. Meine Vorstellung: Mit beiden starten, STAT nach 5-6 Minuten rausnehmen, Melo das Viertel durchspielen lassen, dann im zweiten mit Amar'e starten, bevor Melo nach 5 Minuten kommt, STAT eine kurze Pause hat und beide dann bis zur Halbzeit zusammenspielen. Hierbei hat jeder seine Touches. Alle sprechen über den Einfluss der Veteranen - vor allem Jason Kidd. Also lassen wir ihn mit STAT zusammenspielen, bevor wir Amar'e auf die Bank verbannen. Am Ende liegt es an ihm. Er weiß was er kann und was er in der letzten Saison gezeigt hat ... absolut diametrale Werte. Er sieht diese Mannschaft siegen und kämpfen. Es liegt an ihm ob er es will - eine ganz ehrliche Geschichte. Und will er es nicht, dann kann man sich über die Personalie Amar'e Stoudemire weitere Gedanken machen. Ist das Team wirklich so gefestigt wie von allen behauptet, wird Amar'e da nichts sabotieren.

Seb: Interessanter Ansatz und mit Sicherheit ein Thema für einen anderen Tag. Ich denke, dieser nachhaltige Knicks-Ball ist trotz des brutalen Programms in den nächsten Wochen durchaus konservierbar. Acht der nächsten Zehn und 12 der nächsten 17 Partien sind on the road. Und trotzdem sehe ich dieses Team Mitte Dezember - vor ihrem langen, vorweihnachtlichen Homestand - bei vielleicht 14-7 Siegen und komfortabel auf einem Top-3 Platz im Osten. Wie das alles dann weitergeht in New York, wenn "Ihr-wisst-schon-wer" wieder auf's Parkett zurück kehrt? Stay tuned...