19 November 2012

von Niklas Dahl  |  @hoopcadabra

Portland, Oregon, 16. November. Gerade hat LaMarcus Aldridge mit seinen Punkten 28 und 29 die Trail Blazers zum 119 – 117 Overtime Sieg über die Houston Rockets und somit zur 4-5 Bilanz geworfen. Damit befindet sich Portland nach 9 Spielen auf Rang 9 in der hart umkämpften und tiefen Western Conference (Stand: 18.11.2012). Nic Batum zeigt weiterhin, wozu er mit entsprechender Spielzeit fähig ist (Stat Line an jenem Abend: 35 Pts, 6 Reb, 5 Blk & 4 Ast) und weshalb es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass in 1-2 Jahren Olsheys Move, das Angebot der T’Wolves zu matchen, als richtig bezeichnet wird. Und Damian Lillard, derzeit wohl Nummer eins im Rennen um den ROTY-Titel, hat 16 seiner 27 Punkte im vierten Viertel plus Overtime erzielt. Talkin‘ bout clutch! Alles gut also im Nordwesten der USA? Kein Grund zur Sorge, zur Panikmache. Kein Bedarf, nach der Ära Roy/Oden den Rebuild-Button zu drücken. Oder…etwa doch? Könnte der gegenwärtige Wasserstand doch nicht repräsentativ sein? Ein Versuch, diese Frage zu beantworten. Und damit herzlich willkommen zum ersten Rose Garden Report, (nicht ganz) live aus der Chefkochküche.




39.7 // 38.7 // 38.2 // 38.1... Nein, das sind weder Eigenkapital-Quoten von größeren Finanzinstituten, noch beschreiben sie das QB Rating von Blaine Gabbert über die letzten vier Wochen. Diese Zahlen geben die derzeitigen 'Minutes per Game' Werte von vier von fünf Portland-Startern wieder. Dies sind die Minuten, die Batum, Aldridge, Wesley Matthews und Lillard momentan jede Nacht abspulen müssen. Damit befinden sich derzeit vier Portland Spieler in den NBA Top-11 in MPG, Nicolas Batum sogar an 3. Stelle hinter Luol Deng und James Harden (beides sicherlich Spieler, auf deren Schultern momentan die jeweiligen Hoffnungen ruhen).

Jeder, der sich länger als zehn Minuten mit Basketball und dem NBA Spielplan beschäftigt hat, wird hier das erste Problem erkennen. Ein solches Pensum kann kaum ein Spieler über 82 Spiele schultern. Vielleicht Teflon-LeBron. Aber sicherlich kein LaMarcus Aldridge, der gerade erst von einer Verletzung zurückkehrt, die ihn knapp drei Monate außer Gefecht gesetzt hat. Kein Nicolas Batum, der nun zum ersten Mal in seiner Laufbahn an der 40 MPG-Marke kratzt. Kein Damian Lillard, der, bei aller Begeisterung, immer noch ein Rookie ist. Heißt im Umkehrschluss: Bei dieser Beanspruchung ist ein Leistungseinbruch um Weihnachten/Silvester sehr wahrscheinlich. Denn dass sich über 82 Spiele drei Portland Akteure bei dieser Belastung in den NBA Top 20 in PPG befinden werden (wie es derzeit der Fall ist), darf nicht nur bezweifelt werden, es ist schlicht und ergreifend absurd.

Nun wäre das kein Problem, hätte Portland eine Playoff-taugliche Bank. Doch wer sitzt in Oregon auf jener und hat die höchsten MPG Werte (die Center Position sei hier ausgeklammert, da sich Hickson und Leonard derzeit die Arbeit teilen)? Ronnie Price (14.0), Sasha Pavlovic (13.6) und Jared Jeffries (6.9). Ein ähnliches Bild geben die totalen MP-Werte ab. Auch hier stehen genannte Spieler an vorderster Front, Pavlovic sogar mit ganzen 109 Minuten. Deren bisherige Bilanz: 43 Punkte, 29 Rebounds und 15 Assists. Zusammen. Über neun Spiele. Ähnliche Werte hatte James Harden nach gut einem Spiel. Das Spiel gegen die Rockets war hier nur ein weiterer Tiefpunkt in Sachen Qualität und Bank. Wie John Hollinger auf Twitter anmerkt:



Lasst diese Zahlen ruhig mal wirken. Wahrscheinlich lacht man ob dieser Werte selbst als Lakers-Fan. Gern geschehen.

Nun stellt sich also die Frage, wie man denn erfolgreich spielen kann, wenn gleichzeitig keine Hilfe von der Bank, und somit kaum Entlastung, winkt. Relativ einfach: Gar nicht. Und dies ist auch überhaupt kein Problem, war diese Tatsache wohl jedem Portland Fan zu Saisonbeginn klar. Woher dann die Entrüstung?

Zum einen, wie oben genannt, ist die Überbeanspruchung der Starter lächerlich. Noch ist nicht klar, in welche Richtung man nach der Saison geht. Ob der Kader nur gefixt wird, indem man auf Leonards Entwicklung vertraut und mittels Cap Space die Bank qualitativ besetzt. Oder ob man den von mir gewünschten harten Schnitt macht und LMA zur Trade Deadline dealt. In jedem Fall ist es grob fahrlässig, die besten Spieler solch einem hohen Verletzungsrisiko auszusetzen, kann eine Franchise dadurch doch langfristig großen Schaden nehmen.

Auch ist es lächerlich, dass andere junge Spieler von Coach Stotts kaum beachtet werden. Ob ein Joel Freeland (6.6 MPG), Victor Claver (4.7) oder Will Barton (4.3). Wieso gibt man diesen Leuten keine Gelegenheit, sich ihren Platz in der NBA zu suchen? Gerade ein Will Barton ist doch dazu geboren, die nächste Feel-good-Story der NBA zu werden.

Es scheint, als gäbe es unterschiedliche Mentalitäten zwischen Stotts und Olshey. Während der eine sich endlich eine Reputation als guter Coach erarbeiten will (entgegen meiner anfänglichen Bedenken und meiner Vorliebe für Leute wie Malone oder Shaw macht Stotts aber einen sehr guten Job, das Problem mit den Minuten mal außen vor) und potenzielle zukünftige Arbeitgeber mit einer guten Bilanz beeindrucken möchte, ist dem anderen eher an der Entwicklung der jungen Spieler, sowie der langfristigen Entwicklung der Franchise, gelegen. Diese Differenz, sollte sie wirklich bestehen, bedarf einer dringenden Klärung. Eine Moneyball’sche Entwicklung, wo General Manager und Coach aneinander vorbei arbeiten, darf es nicht geben.

Wie soll es nun weitergehen? Zum einen muss man die MPG der vier Akteure schleunigst reduzieren, ein Schnitt von fünf bis sechs Minuten ist mittel- und langfristig besser. Gleichzeitig muss Stotts die Bank neu anordnen. Barton muss als 7. Mann von der Bank kommen, Claver und Freeland dahinter. Auch sollte man darüber nachdenken, ob man Leonard und Hickson in den kommenden Wochen gegeneinander austauscht. So kann der lernwillige Leonard weiter NBA Erfahrung sammeln, während Hickson (den ich in Portland nicht mehr missen möchte) von der Bank kommt und die 2. Garde anführt.

Stotts muss davon überzeugt werden, dass fünf bis sechs Siege mehr in diesem Zeitraum (November bis Januar) kontraproduktiv sind. Zum einen, weil sie eben nur durch massigst Minuten der besten Spieler erzielt werden können. Und zum anderen, weil eine Franchise wie die der Blazers, die sich im Moment in der Schwebe zwischen Playoff- und Lottery-Team befindet, auf jeden hohen Pick angewiesen ist. Sollte am Ende der 13. Platz in der Lottery herausspringen, wandert der Pick in den Besitz des ehemaligen Blazers GMs Rich Cho über, der heute die Geschicke der Charlotte Bobcats lenkt. Wie sich diese Gefahr minimieren lässt? Durch gezieltes in Kauf nehmen von Niederlagen.

Mehr und mehr gewinne ich das Gefühl, dass das Zeitmanagement von einem alten Indianerfluch herrührt. Bereits in der letzten Saison mussten die nominellen Starter eine viel zu hohe Belastung ertragen, während die Spielzeit von jungen, vielversprechenden Leuten litt. Aus dieser Zeit sollte man gelernt haben. Man muss diese Entwicklung im Keim ersticken, den McMillan’schen Trend unterbinden, bevor uns die nächste Kniescheibe um die Ohren fliegt.

Doch anders als in den vergangenen Jahren habe ich Hoffnung, dass es funktioniert. Dass man einen langfristigen Plan hat und sich nicht scheut, diesen umzusetzen. Damit man irgendwann in die Top-4 im Westen vorstoßen kann. Und man sich an Damian, Nic und (hoffentlich) Andrew Wiggins erfreuen kann. Und Zeitmanagement-Probleme ein Ding der Vergangenheit sind. Irgendwann, 2015.

Quellen: http://www.basketball-reference.com/
https://twitter.com/johnhollinger/