13 Dezember 2012




Auch nach ihrem historischen 6-0 Start haben die New York Knicks nichts von ihrer Effektivität eingebüßt und dominieren derzeit die Eastern Conference, in der sie sich mit 16-5 Siegen auf Platz eins festgesetzt haben. Die bisherige Extraklasse lässt bei lange leidgeplagten Knicks-Fans Erinnerungen wieder aufleben an die letzten Glanzzeiten dieser einst so erhabenen Franchise, die in den Siebziger Jahren zwei Meistertitel gewann und in den Neunzigern dank Hall of Famer Patrick Ewing das Maß aller Dinge war. Man vergisst das nur allzu leicht nach mehr als einem Jahrzehnt am entgegengesetzten Ende des Spektrums und als absolute NBA-Lachnummer. 

Am nächsten kamen Ewings Teams dem Gewinn der Meisterschaft 1994. New York gewann damals souverän seine Division und pflügte sich durch die anschliessenden Playoffs. Kampf und Krampf, sie waren das Markenzeichen jener Knicks. Ewing, Charles Oakley, John Starks, Derek Harper, Anthony Mason... die Namen alleine lassen vielen Gegenspielern auch heute noch einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Nur nicht den Rockets, bei denen New York eine 3-2 Führung nicht über die Zeit retten konnte. Unvergessen: John Starks historisches Backsteinfestival im siebten und entscheidenden Finalspiel, als er 16 seiner 18 Versuche und alle elf Dreier auf den Ring setzte. Ein Stigma, das Starks nie wieder loswerden sollte, vor allem nicht in New York. 

Jene Teams waren hoch favorisiert, vor allem nach Jordans erstem Rücktritt. Vergleicht man aber die Aufbruchstimmung und die immense Erwartungshaltung im Big Apple heute mit einem Zeitpunkt in den letzten zwei Jahrzehnten, fallen fast zwangsweise Parallelen zu 1999 auf. Obwohl nicht Meisterschaftskandidat Nummer eins, war auch damals der Leistungsdruck auf die Knicks nach den Spieler-Additionen im Sommer gewaltig. Zu einem starken, starlastigen Mannschaftskern um Ewing, Larry Johnson und Allan Houston gesellten sich nach dem Ende des Lockouts plötzlich auch noch Latrell Sprewell und Marcus Camby. „Spree“, ein explosiver All-NBA Guard und beinharter Verteidigungsspezialist, war im Tausch für John Starks, Chris Mills und Terry Cummings von den Golden State Warriors gekommen, wo er für die berüchtigte Würgeattacke gegen seinen Head Coach P.J. Carlesimo 68 Spiele gesperrt wurde. 

Camby wurde im Tausch für Publikumsliebling Charles Oakley aus Toronto verpflichtet, um „jünger und athletischer zu werden“, wie General Manager Ernie Grunfeld (heute in Washington) damals erklärte. Coach Jeff van Gundy stand der Big Man Neuverpflichtung zunächst skeptisch gegenüber. Van Gundy hatte nämlich ganz andere Sorgen, als dem damals erst 24-Jährigen Reboundspezialisten Spielzeit zu verschaffen. Sein mit Superstars gespickter Kader kam einfach nicht in die Gänge. Eine Mischung aus mangelnder Trainingszeit nach dem sechsmonatigen Lockout, Verletzungen von Ewing und Sprewell und fehlende Teamchemie durch die Neuverpflichtungen warfen New York zurück. Sie waren oft ausser Kontrolle, spielten schlechten Basketball und stolperten einer enttäuschenden 21-21 Bilanz entgegen. Die Ernüchterung erreichte während einer 63-76 Niederlage im März beim schlechtesten Team der Liga, Chicago, einen neuen Tiefpunkt. 

Acht Spieltage vor dem Ende der regulären Saison stand alles auf des Messers Schneide. „Wir wussten, dass wir ein viel besseres Team waren, als das. Ein Jahr zuvor waren wir in der zweiten Runde und hatten realistische Chance auf's Eastern Conference Finale. Und auf einmal wurde man das Gefühl nicht mehr los, dass wir uns zurück entwickelt hatten“ erinnert sich Houston, mit 813 Punkten damals der konstanteste Scorer. Heach Coach van Gundy lief sogar Gefahr, seinen Job zu verlieren, wenn das Team die Playoffs verpasste. Statt dessen rollte der Kopf von General Manager Grunfeld, der gefeuert wurde. van Gundy durfte bleiben, coachte New York zu sechs Siegen aus den letzten acht Partien und damit letzten Endes doch noch in die Postseason. Dem ikonischen Ewing war es vorbehalten, das Ticket dorthin mit 27 Punkten und 19 Rebounds beim entscheidenden Triumph gegen die Boston Celtics zu lösen. 

Die Knicks beendeten die Serie dennoch mit enttäuschenden 27-23 Siegen, ihrer schlechtesten Bilanz seit Jahren, und qualifizierten sich als Nummer Acht gerade mal so für die Eastern Conference Playoffs. Die Euphorie der Fans hatte sich – in einer New Yorker Minute – in Ernüchterung und Skepsis verwandelt. Das Erstrunden-Duell gegen die hoch favorisierten Miami Heat um Alonzo Mourning, Tim Hardaway, Jamal Mashburn und Dan Majerle verhieß nichts Gutes. Obwohl Fans und die Medien laut zweifelten, glaubten die Knickerbockers an sich. „Wir sind, alle geschossen, dennoch der Ansicht, dass wir keine Nummer Acht sind. Wir hegen die selben Ambitionen wie zu Beginn des Trainingscamps. Wir halten uns für ein echtes Championship-Team. Es ist Zeit, es allen zu beweisen“, gab sich Houston trotzig.

Und in der Tat legte van Gundys Team einen Schalter um und präsentierte sich fortan wie ausgewechselt. Nur eine an Acht gerankte Mannschaft hatte jemals eine Nummer Eins in den Playoffs bezwungen (Denver gegen Seattle, 1994). Die Knicks waren wild entschlossen, gegen den Erzrivalen aus Miami Geschichte zu schreiben. Nach einem Blowout-Sieg zum Auftakt und einem weiteren im heimischen Madison Square Garden war der Underdog im dritten Playoff-Duell in Folge gegen die Heat obenauf. Anstatt aber den Sack im MSG festzuzurren, ließ man die Floridianer wieder in die Serie zurück klettern und die Kontrolle übernehmen. Spiel Fünf musste die Entscheidung bringen, und Allan Houston war es vorbehalten, mit einem der denkwürdigsten Würfe der Knicks-Geschichte den Nagel in Miamis Sarg zu hämmern. Sein unmöglicher „Up and Under Running Jumper“ prallte mehrmals unentschlossen umher, ehe der Spalding zum 78-77 Endstand durch die Reuse flutschte. 

Elektrisiert von diesem historischen Triumph, machten die Knicks in Runde zwei mit den überforderten Atlanta Hawks kurzen Prozess. Es waren diesmal keine Heldentaten nötig. New York hatte vom ersten Tipoff bis zum Ende des vierten Spiels alles im Griff und fertigte die Falken mit einem überraschend einfachen 4-0 Sweep ab. Marcus Camby, der während der regulären Saison kaum Einsatzzeit erhielt, drängte sich mit seiner ganz eigenen Coming-Out Party in Spiel zwei (13 Punkte, 11 Rebounds, 2 Blocks) ins Rampenlicht und seinem immer noch skeptischen Coach auf. 

New York stand nun im Conference Finale und bekam es dort mit einem weiteren, altbekannten Rivalen zu tun: Reggie Miller und die Indiana Pacers. Die Knicks, wieder einmal der Underdog, kamen zum dritten Mal in Folge fokussiert und hoch konzentriert aus der Kabine und gewannen auch ihr drittes Auftaktspiel auf fremdem Parkett. „Wir hatten diese Mentalität, dass wir als erstes zuschlagen wollten, und dabei gewaltig“, sagte Top-Scorer Latrell Sprewell später. Das 93-90 zum Auftakt war gleichzeitig der sechste Playoff-Sieg in Folge. Mitten hinein ins kollektive New Yorker Hoch platzte dann die Nachricht von Patrick Ewings Achillessehnenabriss. Der Franchise-Center und Superstar fiel für den Rest der Playoffs aus und war am Boden zerstört. Fünf Jahre hatte er auf Wiedergutmachung für die bittere Finalniederlage 1994 hingearbeitet, nur um so kurz vor dem Ziel auszuscheiden. Zu allem Überfluss verlor das Team kurz darauf auch noch Larry Johnson, der Spiel drei mit einer weiteren Heldentat für die Knicks-Geschichtsbücher entschied. Sein legendäres Vier-Punkt-Spiel vom linken Ellbogen gegen Anthony Davis 5,7 Sekunden vor dem Ende sollte sein letztes Bravourstück bleiben. Er verletzte sich wenig später am Knie und war für die restlichen Playoffs stark gehandicapt. 

Völlig ramponiert und zerbeult, aber nicht am Ende, scharten sich die 'Bockers um ihren Coach. An dem Widerstand, den dieses Knicks-Team bis dahin zu überwinden hatte, wären viele Mannschaften zerbrochen. „Meine Mutter hat immer gesagt, was dich nicht umbringt, macht dich stärker“, sagte Houston nach einem der Siege gegen Indiana. „Diese Playoffs waren der Beweis dafür. Obwohl zwei der wichtigsten Spieler nicht bei uns waren, haben wir an uns geglaubt und füreinander gespielt.“

Andere Spieler übernahmen Verantwortung und führten New York schliesslich zum 4-2 Sieg gegen die Pacers und ins zweite Endspiel der Dekade. „We did it!“, titelte damals die New York Post, die das neu gefundene Zusammengehörigkeitsgefühl zur Steigerung ihrer Auflagen nutzte, nur wenige Wochen, nachdem das Blatt noch selbst lautstark van Gundys Kopf gefordert hatte. Aber so ist das eben, wenn die Skepsis wieder der Euphorie und dem Glauben weicht, das ganze Ding gewinnen zu können. Die Knicks standen als erste (und bis heute einzige) Nummer Acht in einem NBA-Finale. Obwohl es dort, völlig dezimiert, dem „Twin Towers“ Frontcourt der San Antonio Spurs mit David Robinson und Tim Duncan nichts mehr entgegen zu setzen hatte und mit 1-4 verlor, ging jenes Team trotzdem als echter Winner in die Geschichte ein. Wann immer Spieler wie Larry Johnson oder Chris Childs heute im Garden auftauchen, werden sie frenetisch gefeiert. Man vergisst dort seine Helden nicht, und man respektiert nichts mehr als harten, bedingungslosen Einsatz ohne Rücksicht auf Verluste. Echten New Yorker Basketball eben, "rough, rugged and raw" und mit dem "Einer für alle und alle für einen" Herzmut.

Wenn also Kenner wie Robert Jerzy drüben beim Knicksjournal davon sprechen, dass sie "stolz" auf diese neuen Knickerbockers sind, dann sicherlich nicht nur, weil die gerade einen Lauf haben und fast alles abräumen, was sich ihnen in den Weg stellt. Das Gefühl geht viel tiefer, viel länger zurück. Es behauptet niemand, dass New York keine Widrigkeiten zu überstehen haben wird (sich normalisierende Trefferquoten von aussen, Verletzungen von Kidd/Felton, die Reintegration von Amar'e, etc.) oder dass sie mit 63 Siegen schnurstracks ins NBA-Finale brausen. Und ja, in der NBA besteht immer die Möglichkeit, dass auf einen Schlag eine komplette Saison den Bach hinunter geht.

Aber das fühlt sich hier nicht danach an. Die Knicks scheinen einen grossen Schritt vollzogen zu haben. Diese neue Charakterstärke, der Zusammenhalt und ein unbändiger Wille, auch die grössten Rückstände füreinander wett zu machen, garniert mit spielerischer Extraklasse und dem ein oder anderen Superstar... das alles ergibt in der Addition tatsächlich einen de facto Championship-Aspiranten. Und für Knicks-Fans ist es endlich wieder '99, all over again!