22 Dezember 2012



von Tobias Mannhart

Vom Teddy- zum Grizzlybär: Memphis im Aufschwung
Welche Adjektive verbinden wir mit einem Grizzlybären? Groß! Stark! Kräftig! Gefürchtet! Dafür standen die ehemaligen „Vancouver Grizzlies“ aber absolut nicht. Sie waren eher eine Ansammlung von Teddybären, mit denen die Gegner nach Lust und Laune spielten. Das erkannten auch die kanadischen Zuschauer und die Free Agents jener Zeit: Vancouver war nicht der „place to be“ für Basketball. Irgendwann hatte man ein Einsehen und verschiffte die Franchise im Jahre 2001 nach Memphis. Dort setzt mein kleiner Rückblick ein. Wie verlief der Weg zum derzeitigen Contender Status, vom Teddy zum gefürchteten Grizzlybären?

Erste Schritte:
Die Draft 2001 versprach einiges: Mit dem 3. Pick (Pau Gasol, via ATL) und dem 6. Pick (Shane Battier) schafften die Bären eine Grundlage für die Zukunft. Vor allem Pau schlug ein wie eine Bombe: Der offensivstarke Seven-Footer wurde zum besten Frischling des Jahres gekürt und entwickelte sich zum Franchise-Player der nächsten sieben Jahre.

2001- 2008: Die Pau-Ära
Nachdem die ersten Bausteine angekommen waren, nahm das Team Form an. 2002 übernahm der Logo-Mann Jerry West den Posten des General Managers. Er gewann 2004 auch den 'Executive of the Year Award' für den besten Funktionär des Jahres. Akquisitionen wie James Posey oder Mike Miller brachten eine neue Mentalität zur Verlierer-Franchise und 2004 stand die erste von drei aufeinander folgenden Playoff Teilnahmen zu Buche. Allerdings wurden die Grizzlies jedes Mal mit 4-0 zum Angeln geschickt. Vor der '06/07er Saison verletzte sich Pau Gasol schwerwiegend und Shane Battier wurde im Tausch für Rookie Rudy Gay nach Houston verschifft.

Die Folge: Memphis beendete die Saison mit einer Bilanz von 22-60, das NBA-weit schlechteste Ergebnis. Jerry West nahm seinen Hut und den Bären stand der 4. Pick der nächsten Draft zu. Mike Conley Junior, der Sohn eines ehemaligen Leichtathleten und Olympiasiegers, gesellte sich zum Team. In der darauf folgenden Saison, genauer gesagt am 1. Februar 2008, entschlossen sich die Grizzlies, die immer noch keinen Playoff Sieg vorweisen konnten, den Rebuild zu starten und ihren Franchise-Star in einem viel diskutierten Trade nach Hollywood zu den Lakers zu schicken.

Der Trade
Memphis erhielt: Javaris Crittenton, Kwame Brown, Aaron McKie, Draft Rechte an Marc Gasol, First-Round Pick in 2008 (Donte Greene) und 2010 (Greivis Vasquez)
Los Angeles erhielt: Pau Gasol, Second-Round Pick in 2008

Es war das erste Mal in der Geschichte, dass zwei Brüder für einander eingetauscht wurden. Allerdings war Pau ein Star und niemand wusste, ob Marc jemals annähernd an das Level seines Bruders herankommen würde. Die NBA-Welt stand Kopf. Jeder war der Meinung, Mitch Kupchak hätte die Bären über den Tisch gezogen und die beiden Meisterschaften, die Pau danach mit L.A. gewann, schienen das zu unterstreichen. Die Grizzlies erhielten aber mit dem Trade die theoretische Chance, mit hohen Draft-Picks in Zukunft weiter als in die erste Playoff Runde vorzudringen. Crittenton, Brown und McKie konnten zwar niemals wirklich weiterhelfen, aber hier begann in Tennessee eine völlig neue Zeitrechnung.

2008-2010: Der Aufbau des Teams
Eines vorweg: Memphis verschleuderte die Picks. Man wählte 2008 Kevin Love und tauschte ihn gegen Minnesotas O.J. Mayo ein. Mayo war mit einem riesigen Hype in die NBA gekommen, konnte den Grizzlies allerdings nur in seiner Rookie-Saison helfen. Er passte nicht ins System, konnte sich nicht mit einer 6th Man Rolle abfinden und spielt seit 2012 bei den Dallas Mavericks. Hasheem Thabeet wurde im Folgejahr 2009 an zweiter Stelle gedraftet und gilt als einer der größten Busts seit Darko Milicic. (Detroit wählte Darko ironischerweise mit einem Pick der Grizzlies aus, den sie 1996 ertradeten). 

Ein weiteres Missverständnis in Memphis war Allen Iverson. 2009 als Free Agent geholt, absolvierte er nur drei Partien und wurde ganz schnell wieder entlassen. Allerdings fing im selben Jahr ein fast schon verglühter Stern wieder an zu strahlen: Zach Randolph, den man im Tausch für Quentin Richardson in die Bärenhöhle gelockt hatte. Ohne, dass man es erwarten konnte, verbesserte sich Randolph auf All-Star-Niveau.

Noch wichtiger war jedoch eine andere Verpflichtung im Jahr 2009: Lionel Hollins übernahm den Posten des Cheftrainers und ist als Coach wohl immer noch einer der unterbewertetsten seiner Gilde. Er gab dem Team den nötigen Schliff. Seine „Defense first“-Mentalität impft er seinen Spielern ein, Rebounding und Hustle um die Twin-Towers Gasol und Randolph werden mit dem Team verbunden. Die 40-42 Bilanz in 2010 prophezeite, wo der Weg in Zukunft hinführen sollte.

Vor der Saison 2010/11 unterschrieb das letzte wichtige Puzzlestück in Memphis: Tony Allen, das Herzstück der Defense. Ungewöhnlich für einen Flügelspieler, ist sein Einfluss so groß, dass er sogar in der Wahl zum Verteidigungsspieler des Jahres auftaucht - obwohl er dort zu Unrecht immer wieder verschmäht wird. Natürlich blockt er nicht so spektakulär wie ein Dwight Howard oder verändert er nicht die ganze Defensivarbeit eines Teams wie Tyson Chandler. Allerdings gibt es im Eins gegen Eins wohl keinen unangenehmeren Bewacher als Tony Allen. Er stiehlt im Durchschnitt 1,8 Mal den Ball, seit er in Memphis spielt und drückt den PER-Wert seiner direkten Gegenspieler gewaltig nach unten, obwohl er meistens gegen die besten Flügelspieler der Welt ran muss.

2010- heute: Die erstarkten Grizzlybären
Als die Grizzlies 2011 San Antonio in der ersten Playoff Runde schlugen, wurde endlich wieder über die Bären geredet. In jenem Jahr durch Heimkehrer Battier unterstützt, schafften sie das seltene Kunststück, als 8th-Seed die an Eins gesetzte Oldie-Truppe um Tim Duncan aus dem Playoff-Rennen zu werfen. Damit wurde nicht nur der erste Sieg in einem Playoff Spiel, sondern auch der erste Rundensieg überhaupt in der Franchisegeschichte eingefahren. Danach war allerdings Schluss; wohl auch aufgrund des Fehlens von Star(ter) Rudy Gay. Im Folgejahr die nächste Sorge: Zach Randolph musste fast die gesamte Saison aussetzen. Ohne seinen besten Low Post Scorer fiel Memphis knapp den Clippers zum Opfer. Nach hartem Fight in sieben Spielen zähmten die Jungs aus L.A. die Bären und kamen eine Runde weiter.

Dieses Jahr stehen die Zeichen aber anders. Fast alle sind gesund, O.J. Mayo vergiftet nicht mehr die Umkleide. Und vor allem bietet die Starting Five alles was man sich erträumen kann (mit Ausnahme eines absoluten Superstars): Conley reifte zu einem ernst zu nehmenden Spielgestalter, Allen ist der Defensivanker der Grizzlies und die beiden Mannen im Backcourt sammeln Steals wie andere Leute Briefmarken. Gay zeigt immer mehr, dass er ein go to guy sein kann und legt in allen Kategorien gute Werte auf. Randolph, der immer für 20 und 10 gut ist und Gasol, einer der besten Passgeber im Frontcourt (immerhin Platz 50 aller Spieler bei den Assistenten), harmonieren perfekt und bieten Alpträume für eine NBA, die immer mehr den Small Ball praktiziert. Die Bank ist allerdings noch nicht das Gelbe vom Ei. Jerryd Bayless, Quincy Pondexter, Marreese Speights und Wayne Ellington versuchen sich abwechselnd als gefährliche Waffen der zweiten Fünf. Darrell Arthur wird im Laufe der Saison als Stretch Four beitragen und den beiden Großen Ruhe verschaffen. Ob diese Bank allerdings in den Playoffs wirklich weiter helfen kann, ist zu bezweifeln. Zumindest sollte man davon ausgehen, dass mögliche Gegner – wie die Clippers, Spurs oder Nuggets – außerhalb der Anfangsformation besser aufgestellt sind. Man kann sich aber sicher sein, dass sich keine andere Franchise die Bären als Gegner in der ersten Runde wünscht. Sie sind nicht länger die Teddys aus Vancouver – sie sind jetzt die furchteinflößenden Grizzlies aus Memphis.

Exkurs: Der Franchiseverkauf
Und sie bleiben auch langfristig in Memphis. Nach Gerüchten um den Verkauf der Franchise und einen möglichen Umzug – man hört ja die Schreie aus Seattle immer lauter – kaufte Robert Pera die Grizzlies auf. Er sorgt für den weiteren Verbleib in Tennessee und verstärkte erst kürzlich das Entscheidungsteam um Lionel Hollins und GM Chris Wallace mit Zahlenguru und ESPN Legende John Hollinger, der nun „Vice President of Basketball Operations“ ist und der Mannschaft durch seine analytischen Fähigkeiten den Feinschliff verpassen soll. Justin Timberlake bringt als Minderheitseigner seit kurzer Zeit den Promi- und PR-Bonus, der ja mittlerweile nicht zu verachten ist. (Oder, Brooklyn?) Somit darf man hoffen, dass durch die neue Führung die Grizzlies auch langfristig relevant bleiben und wir noch einiges von ihnen erwarten können.

Abschließend fassen wir zusammen: Vieles wurde richtig gemacht in Memphis, vieles aber auch falsch, vor allem in der Draft. Doch kann man rückblickend getrost behaupten, dass jeder einzelne Fehler wichtig war um das zu werden was man heute ist – ein Contender.