02 Dezember 2012


Royce White macht sich das Leben selbst schwer und verbaut sich so eine erfolgreiche Karriere (Photo: GoIowaState.com)

(von Niklas Dahl)


Die Erinnerungen an den einen Tag in der 6. Klasse sind nach wie vor präsent. Ich sehe mich selbst, wie ich die letzten Stufen zur Aussichtsplattform nehme. Gleich bin ich oben, freue mich auf die wartende Aussicht. Die Aussicht über die Landschaft, die ich sonst nur unten, am Boden, erkunde. Die Straßen, die Felder, die Erhebungen. Ich trete ans Geländer, lasse den Blick schweifen. Dann der Blick nach unten. Aber was ist das? Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, ein Schweißfilm auf Händen und Stirn bildet sich; mir wird kalt, langsam wird mein Blickfeld weiß. Ein paar Sekunden später befinde ich mich in der Mitte der Plattform, neben mir mein bester Freund. Ich spüre die Blicke der anderen, doch beschäftigt mich was anderes: Was war das für ein Gefühl, dass mich dort gepackt hat?

Mittlerweile weiß ich, woran es lag: Ich habe Höhenangst. Ein möglicher Ausdruck einer Angststörung. Diese beschreibt Wikipedia wie folgt:

„Angststörung (auch Phobische Störung) ist ein Sammelbegriff für psychische Störungen, bei denen entweder unspezifische Angst oder aber konkrete Furcht (Phobie) vor einem Objekt bzw. einer Situation besteht. Auch die Panikstörung, bei der Ängste zu Panikattacken führen, zählt zu den Angststörungen. Allen Angststörungen ist gemeinsam, dass die Betroffenen übermäßig starke Ängste haben vor Dingen, vor denen Menschen ohne Angststörung keine oder in weit geringerem Maß Angst oder Furcht empfinden.“

Warum ich das schreibe? Nun, weil ein gewisser NBA Akteur, der derzeit im medialen Interesse steht, eine ähnliche Angst hat: Die Angst vor dem Fliegen. Um wen es sich handelt, dürften die meisten von euch erraten. Sein Name ist Royce White, Rookie der Houston Rockets, gepickt an Nummer 16 im diesjährigen NBA Draft. Ein Spieler, über den der NBAChef folgendes schreibt:

„Da muss doch irgendwann ein Trade kommen, Daryl Morey. Der Rockets-GM akkumuliert weiter munter Rotationsspieler und sichert sich Royce White, einen der interessantesten Big Men des Jahres. Der kantige Power Forward hat eine Menge Skills und ein ganz feines Händchen, was Dribbeln, Werfen und Passen anbelangt. Gleichzeitig werden ihm aber charakterliche Schwächen nachgesagt. Und: er hat panische Flugangst. Uh-oh!“

Es hatte wohl so vielversprechend angefangen. Die Rockets unterstützen White, machten ihm sogar Zugeständnisse im Kontrakt (so bezahlt Houston lt. Adrian Wojnarowski Whites Reisen mit dem Auto/Bus). Doch dann die Wende; angefangen hatte es am 14. November. An jenem Tag meldete sich Royce White erst per Statement, dann via Twitter, zu Wort.

So warf White den Rockets vor, dass deren inkonstante Unterstützung seine Gesundheit gefährden würde. Außerdem bemängelte er zu wenige Chancen, um eine größere Berücksichtigung in der Rockets-Rotation zu finden. Den zur Verfügung gestellten Arzt Dr. Aaron Fink schlug er lt. dem „Houston Chronicle“ aus.

Dann kehrte erst einmal wieder etwas Ruhe ein. Bis sich White wieder via Twitter an die Menschen wandte. Diesmal ging es um einen Artikel von Wojnarowski, der Whites Meinung nach nicht der Wahrheit entsprach. Sogar die Forderung, dass Wojs Presseausweises entwertet werden sollte, fand sich in Whites Tweets.

Ich muss gestehen, ich mag Royce White. Weil ich ihn verstehen kann. Seine Ängste. Anders als Wuschelköpfen aus Spanien kann ich ihm bedenkenlos die Daumen drücken. Eben weil uns die Angst verbindet. Doch seit der ersten Twitter-Flut beschäftigt mich die Frage nach dem Warum. Warum wendet sich Royce White via Twitter an die Öffentlichkeit?

Ein erster Gedanke, der mir kam, war der, dass sich White seinen Platz in der NBA suchen wollte. Offensiv mit seiner Angst umgehen, ähnlich wie andere US Profisportler wie Brandon Marshall oder Ricky Williams (in diesem Zuge sei jedem NFL Fan die ESPN Doku „Run Ricky Run“ ans Herz gelegt) schon vor ihm. Ich konnte ihn wieder verstehen. Ich hatte den höchsten Respekt vor ihm. Denn es ist die eine Sache, an solchen Ängsten abseits der Öffentlichkeit zu arbeiten. Eine andere, stets beobachtet werden. Sich nach jedem Fehltritt in der Zeitung wiederzufinden. Der Schritt, sich für den NBA Draft anzumelden und dort zu agieren, hätte ihn zu einem Vorbild machen können, für all jene, die ähnliche Ängste kennen. Für Leute, wie mich.

Doch gewinne ich mit jedem weiteren Tweet einen anderen Eindruck. Den Eindruck eines Mannes, der seine Ängste als Entschuldigung anführt; sie sogar dazu benutzt, um sich in der Rotation zu verankern und Spielzeit einzufordern. Eine Sache, die nicht in Ordnung ist. Zugegeben: Gerade unter Coach Kevin McHale ist es schwer, als Rookie Spielzeit zu bekommen. Dieses Lied können aber auch Whites Teamkollegen im Halbschlaf singen. Wieso sollte man also White etwas einräumen, dass anderen verwehrt bleibt (über die grundsätzliche Nichtbeachtung kann man sicherlich auch vortrefflich streiten)? Gerade dann, wenn White sich öffentlich über Missstände beschwert, statt sie innerhalb der Franchise zu besprechen. Gerade dann, wenn er vorher Hilfe in Form eines Arztes ausschlug.

Ich habe White noch nicht aufgegeben. Ähnlich dürften die Rockets fühlen. Denn nach wie vor sollte eines klar sein: In White steckt immer noch ein vortreffliches NBA Talent. Eines, das mit etwas Arbeit sicherlich einen Platz in der NBA finden könnte. Und gerade deshalb wäre es wichtig, sich jetzt mit ihm gemeinsam hinzusetzen, um an der Situation zu arbeiten. Gerade Whites Agent ist nun gefordert, White vllt. eine Auszeit von sämtlichen Social Media Plattformen nahezulegen. Denn: Sämtliche Tweets, die er in die Weiten des Internets herausschickt, bringt die Neider und Laberköpfe auf den Tisch. Denen White dann Kontra geben will. Ein Teufelskreis.

Wo stehe ich persönlich heute? Vor meiner ersten Reise mit dem Flugzeug. Denn meine Höhenangst habe ich mittlerweile gut im Griff. Statt bereits auf der ersten Sprosse aufzugeben, stehe ich heute oben. Statt Aussichtsplattformen zu meiden, kann ich heute die Aussicht genießen. Was ich damit sagen will: Man kann seine Ängste in den Griff bekommen. Dies bedarf aber zweierlei: Zeit und Ruhe. Zwei Dinge, die Royce White anscheinend derzeit nicht hat. Und hier sollte man dringend ansetzen.

Um aller Seiten willen. Um die Menschen, für die Royce White Vorbild sein will. Für die Rockets, die in ihn Hoffnungen stecken. Und natürlich um seiner selbst willen.