11 Dezember 2012



von  Onur Alagöz   @NothingButNetDe

Langsam aber sicher gehen einem fast die Ausreden aus. Mir auch, fast. Die bereits zwölfte Niederlage der Saison in nur 21 Spielen ist nach wie vor kein Grund zur Panik, aber sicherlich schon längst einer zur Besorgnis. Ja, das Spiel gegen Oklahoma war ein kleiner moralischer Sieg, weil das Team bis zum Ende den Fuß auf dem Gaspedal hatte. Aber ist nicht gerade dieser Umstand einer, der Lakers-Fans Bauchweh bereiten sollte? Gekämpft und doch verloren? Bei einer halbherzigen, lethargischen Vorstellung, wie bisher in zu vielen Spielen, könnte man wenigstens die „Die haben ja nicht mal Vollgas gegeben!“-Karte ziehen, aber so? Schwer.

Dennoch, es ist gerade mal etwas mehr als ein Viertel dieser Saison vorbei. Essentielle Spieler sind verletzt (Gasol, Nash, Blake), einer hat sich noch nicht ganz eingefunden (Howard). Kobe spielt nach wie vor grandios, selbst wenn die Quoten ein wenig gesunken sind. Von Artest erwartet längst keiner mehr Feuerwerke, obwohl seine 12 Punkte und die 38,5% von Downtown durchaus respektabel sind. Die noch immer seidendünne Bank erweckt auch bei keinem den Klang von Engelschorälen, aber sei’s drum.

Die ganze Lakers Nation wartet im Augenblick auf einen Spieler. Ein Aufbauspieler, der 38 Sommer hat kommen und gehen sehen, der als begnadeter Point Guard zweimal unter D’Antoni die MVP-Trophäe in die Luft strecken durfte. Ein Mann, der eine vierfache Mitgliedschaft im 50-40-90-Club inne hat, alleiniger NBA-Rekord übrigens. Steve Nash ist ein "Point God", keine Frage. Einer der produktivsten Passgeber aller Zeiten ist immer eine wertvolle Waffe im Kader. Dass nach seiner Rückkehr sehnsüchtig gelechzt wird, ist vollkommen verständlich. Ist die Annahme, dass er die Kehrtwende bringt und das Team mit ihm beginnt, zu gewinnen, ein wenig überzogen? Nein.

Jeder gute Coach dieser Welt wird eine Sache predigen: Wenn man sich ausruhen muss, dann sollte man das in der Offense tun. Verteidigen – bzw. gut verteidigen – erfordert wesentlich mehr Energie als einen Korbleger, Dunk oder Jumpshot abzufeuern. Wenn man sich vorne also alles schwer erarbeiten und für zwei/drei Punkte schuften muss, wie soll dann die Verteidigung sitzen? Als einer von aktuell vielleicht zwei, maximal drei Spielern in der Liga, gehört Nash zum elitären Kreis derer, die ihr Umfeld automatisch besser machen. Böse Zungen behaupten, Nash hätte seinen Erfolg nur D’Antonis System zu verdanken. Die Wahrheit ist aber, dass MDA nicht minder von Nashs Fähigkeiten profitiert hat. Shawn Marion, Amar’e Stoudemire, Boris Diaw, Leandro Barbosa – sie alle erreichten ihren Zenit dank Nashs Spielintelligenz, Übersicht und punktgenauen Zuckerpässen. 

Wie vor der Saison mehrmals angesprochen, gibt es keinen besseren Spieler, um das Pick-and-Roll einzuleiten. Keinen. Punkt. Nicht nur, dass er den Roller immer mustergültig bedienen kann, unter dem Block durchzugehen ist bei dem Kanadier auch nicht möglich. Wieso? Siehe oben: Quoten von 50-40-90. Sollte Nash also wieder zurückkehren, gibt es einen Spieler im Team, der endlich D’Antonis geliebte Blocken-und-Abrollen-Sequenzen abspulen kann, mehrmals, wenn es sein muss, vielseitig wie nur er es kann und effizient, wie es benötigt wird.

Howard wird so seine Touches bekommen, muss nicht ständig im Lowpost Prügel beziehen und kann sich so einfache Punkte verschaffen. Was nicht nur Selbstvertrauen bringt, sondern auch Energie übrig lässt, um die Defensive wieder auf Vordermann zu bringen. Bisher konnte dies kaum klappen, wenn zu allem Übel nicht nur Nash, sondern auch Steve Blake den teuren Anzug statt des gelb-lilanen Dresses überstreifen muss. Darius Morris ist fast noch ein Rookie, Chris Duhon sehr beschränkt in seinen Möglichkeiten. Und bei aller Liebe für Kobe: Mamba ist ein Scorer, kein Pick-and-Roll Ballhandler. Anerkennenswert, was er bislang geleistet hat, aber dennoch: Er ist nicht Steve Nash. Natürlich ist klar, dass Nash kein guter Verteidiger ist und man könnte annehmen, dass somit die Defensive vielleicht noch brüchiger werden könnte. Aber das für mich eklatanteste Problem ist die Transition-D und die wird weniger häufig benötigt, wenn weniger Turnover begangen und gute Würfe genommen werden. Momentan haben sich die Lakers auf Platz 18 in der Liga eingenistet, was die Assist Rate angeht, die Offense besteht also zum größten Teil aus Einzelaktionen. Unter Nashs Regie wird sich das definitiv ändern.

Auch, wenn sich dieser Satz bei Lakers-Fan wie eine Entschuldigung anhört: Lasst diesem Team Zeit, noch zusammenzuwachsen. Wenn alle fit sind, die Nuancen verstanden und verinnerlicht sind, kommen auch die Siege. "Magical fixes", wie es die Amis nennen, gibt es nicht, aber die W-Spalte wird noch gefüllt, keine Sorge. Ob gegen Elitetruppen, weiß keiner. Aber wenigstens gegen die New Orleans Pelicans kann man dann ein paar Siege holen auf dem Weg in die Playoffs. Und die erreicht Purple-Gold definitiv, das ist so sicher wie Phil Jacksons Buchempfehlungen.