01 Dezember 2012



von  Onur Alagöz   @NothingButNetDe

Schwierige Zeiten für Fans der Gelb-Lilanen. Coachdrama, Tradedrama, Verletzungsprobleme und negative Presse umgeben – ganz Hollywood-like – die Erfolgsfranchise von der Westküste. Die momentan ausgeglichene Bilanz von 8 Siegen zu 8 Niederlagen erscheint zwar im ersten Moment als in Ordnung, ist aber kein Standard für den 16-fachen NBA-Meister. Die letzten fünf Titel der eigenen Pacific Division gingen an die Lakers. Der jetzige, dritte Platz hinter ehemaligen Kellerkindern wie Golden State und den Clippers ist also kein Maßstab, ganz und gar nicht.

Wenigstens auf eine Sache kann man sich in L.A. seit 1997 verlassen: Kobe Bean Bryant. Der 34-jährige Shooting Guard zeigt in dieser Spielzeit wieder einmal, wieso man ihn auch in seiner 17. Saison nicht ignorieren oder gar abschreiben kann. Die wahnsinnige Athletik, die ihn in jüngeren Jahren auszeichnete, hat sich selbstverständlich zum Großteil verabschiedet. Dennoch spielt er, in einer von Athletik und Schnelligkeit dominierten Liga, momentan den vielleicht besten Basketball seiner wirklich illustren Karriere. Er hat sein Spiel umgestellt, so viel ist sicher. Kritiker mögen nun anprangern, dass er zu einem Jumpshooter „verkommen“ sei, ineffizient zu Werke geht und somit sein Team nicht nur im Spiel hält, sondern auch manchmal rausbefördert.

Was er aber momentan allabendlich auf dem Parkett lässt, ist wirklich von einem anderen Stern.
Die Quoten von 49% aus dem Feld, 40,5% von Downtown und 87,5% von der Linie sind allesamt Bestwerte in seiner Karriere und liegen teilweise weit über seinem Karriereschnitt. Mit 26,9 Punkten pro Auftritt verweist er zudem Carmelo Anthony, Kevin Durant, James Harden und LeBron James auf die Plätze. Seine 5,1 Abpraller sind etwa Karriereschnitt, die 5,1 Vorlagen höchster Wert seit 2008. Die ewigen Vergleiche mit MJ sind Unfug, das steht sicherlich nicht zur Diskussion. Aber es ist schon beachtlich, wie die Parallelen zwischen den beiden hervorragen.

Er ist ein sehr zerebraler Spieler, Kobe, er liebt den Sport nicht nur, er versteht ihn auch vollkommen. Kein anderer Spieler der Liga, mit Ausnahme vielleicht von Manu Ginobili, Steve Nash und Chris Paul, hat eine ähnliche technische Versiertheit vorzuweisen oder versteht jede Facette und jeden Aspekt des Spiels so wie Kobe. Ihm dabei zuzusehen, wie er seinen Stiefel mit einer atemberaubenden Effizienz durchzieht und Gevatter Zeit trotzt, macht schlicht und ergreifend Spaß. Trotz seines ausgeprägten Perfektionismus und seinem unermüdlichen Drang, der Beste aller Zeiten zu werden, ist Kobe ein anderer Spieler als noch vor wenigen Jahren. Während seines Scoring-Amoklaufs durch die Liga 2006 – wir erinnern uns, 81 Punkte – war er verschrien als „ballhog“, Egomane und Narzisst, der individuellen Erfolg über das Weiterkommen des Teams stellte. Schwer, es ihm übel zu nehmen, wenn man sich mit „Spielern“ wie Chris Mihm, Kwame „Bust“ Brown und Smush Parker eine Umkleidekabine teilen muss. Legenden besagen, Kobe hätte des Öfteren mit Schaufensterpuppen trainiert, um sich an die Gegebenheiten im Spiel anpassen zu können.

Eyes on the prize: für Kobe, der die besten Quoten seiner Karriere
wirft, zählt heutzutage nur noch Hardware. (Photo: Aaron Frutman) 
Seit seinen beiden „Eff-you-Shaq“-Titeln 2009 und 2010 verfällt Kobe nur noch gelegentlich in den Minigun-Modus. Er hat längst realisiert, dass er individuell und statistisch einer der besten fünf bis zehn Spieler aller Zeiten ist, jemand, der sich berechtigterweise mit Magic um den „Bester-Laker-aller-Zeiten“-Orden streiten darf.

Was er aber (noch) nicht ist, ist Jordan. Bryant hat erkannt, dass er seinen Stellenwert in der NBA-Historie noch einmal anheben kann, wenn er mehr Titel gewonnen hat als MJ. Zumindest in einigen Kategorien
wäre er somit dem G.O.A.T. ebenbürtig, vielleicht sogar in gewisser Hinsicht überlegen. Was früher krachende Dunks über Verteidiger waren, sind jetzt Pump-Fakes, Dropsteps, Turnarounds und Pässe aus dem Doppelteam. Vielleicht ist er noch nicht DER Teamplayer vom Schlag eines Bill Russell, Isiah Thomas oder Bill Walton. Aber er macht sich keine Sorgen mehr darüber, ob er eine Legende ist, sondern zumindest nur noch darüber, wo er am Ende stehen wird.

Zwei Jahre geht sein Vertrag bei den Lakers noch, zwei Jahre, in denen er die jetzige Form im Normalfall zwar nicht konservieren, aber zumindest imitieren kann. Wir sind angelangt bei Mamba 2.0., das Kobe System funktioniert wieder. Und solange er da ist, besteht immer die Möglichkeit, dass es im Juni dann heißt: „And the Lakers are once again basketball champions of the world!“